Von Schauern im Theater

Die Österreicher schauen gerne. Die Deutschen sehen. Das hat mir eine tschechische Übersetzerin gesagt. Und sie hat recht. Die Österreicher schauen fern, schauen in die Berge, schauen ins Land rein, schauen weg. Schau ma mal! Eine oft gelebte Wurschtigkeitsphilosophie. Man ist versucht zu sagen, die Österreicher sind Schauer. Die Deutschen sind Seher. Sie sehen fern, sehen mal, was in der Zeitung steht, sehen wo genauer hin. Oder sie gucken. Ein Gucker (Fernglas) vergrößert weit entfernte Dinge, erweitert die Sehmöglichkeiten, stellt im besten Fall auch die Optik scharf. Ganz anders der Schauer. Ein Schauer übersieht selbst die naheliegendsten Realitäten. Warum im österreichischen Sprachgebrauch mehr Schauer als Seher rumlaufen, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Nur eins steht fest: Das Theater gibt den Österreichern recht, denn da sitzen zweifelsohne die Zuschauer, keine Zuseher. Die hocken wiederum vorm Fernsehkastl. Wie nun? Verschafft der Fernseher mehr Weitblick als das Theater?

Kurzer Einspruch aus der Theatergesichte: Zu Zeiten von Lessing, Goethe, Schiller & Co, da war das gar nicht so selbstverständlich, dass im Theater geschaut wird. Da sind Pöbel und Bürger auch einfach dabeygewesen, oder haben zugehört, etwa bei der Minna oder beim Götz. Irgendwann hat es dann eine englische Fachzeitschrift (das Theater heute von damals) auf den Kontinent geschafft: The Spectator. Übersetzt mit: Der Zuschauer. Das hat dann auch den guten, alten Kant ins Theater gebracht, denn immerhin war für ihn die Anschauung eine tiefere Erkenntnis, das Ansehen eine oberflächliche Tätigkeit. So wurde das Theater zur Schule der geistigen Vertiefung. Das gegenwärtige Theater setzt da gerne wieder auf das tatsächliche Sehen. Auf ein Theater, das die Wahrnehmung selbst zum Teil des Spiels macht. Aus heutiger Sicht vermutet man daher im Zuschauen den passiveren, im Zusehen den aktiveren Vorgang. Nach Brecht & Co sollte man die postmodernen Dabeyseyenden also umtaufen. In Perzeptiv-Partizipierende. Oder so. Aber das passiert sicher nicht in Österreich. Dazu schaut man hierzulande viel zu gern.

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