Vom Festhalten und Loslassen

Geschichten, die man in sich trägt, deren Bedeutung man in Begegnungen mit Menschen sowie Beobachtungen von Orten und Gesellschaftszuständen oder schlicht im Blick auf sich selbst zu erfassen beginnt und die einen notwendigerweise zum Schreiben drängen – kurz: Geschichten, von denen man erzählen will, bedürfen eines Festhaltens (wie wenn man im Geheimen einen fremden Gegenstand findet, von dem man erst für sich entscheiden muss, wofür er geeignet sein könnte, ehe er in die Welt hinausgetragen werden kann). Natürlich: Wer etwas erzählen will, der spricht auch davon. Man vertraut sich Mitwissern an, führt Gespräche über Arbeiten, an denen man gerade sitzt, zeigt das Rohmaterial, in der Hoffnung, im Reden die nötige Distanz einnehmen zu können, die während des Schreibens oft fehlt (oder auch fehlen muss). Im Schreibprozess bindet man seine Geschichten gerne an sich und sieht sie als Teil der eigenen Person. Doch dann kommt der Moment, da etwas abgeschlossen ist.

Das Ende einer Geschichte ist der Anfang vom Loslassen derselben. Wenn Schreiben nicht in der Funktion einer reinen Selbstreferenz verharren soll, wäre es feige, sich nicht rechtzeitig als Autor zurückzuziehen und seinen Text abzugeben. Bei Theatertexten vollzieht sich dieses Loslassen auf sehr konkrete Weise, denn es sind schlussendlich eine Menge anderer Menschen, welche die Handlung und Sprache der Geschichte auf die Bühne bringen. Texte also an einen Theaterort zu stellen, das bedeutet, sie in all ihrer Intimität öffentlich zu machen. Zugänglich. Und angreifbar. Dabei lernt man, die Bestimmtheit und Überzeugung gegenüber dem, was man schreibt, nicht nur innerlich zu vertreten, sondern auch vor den Beteiligten einer Inszenierung formulieren zu können. Daran wächst eine Selbstverständlichkeit im Reden darüber, was man tut. Und daran erprobt man auch eine nötige Verlässlichkeit seiner eigenen Fingerfertigkeit. Denn es macht einen Unterschied, einfach für sich zu schreiben, für seine eigene Selbsttherapie, weil heute etwa ein schlechter Tag ist, oder zu schreiben, weil die Proben beginnen – zu deinem ersten Theaterstück.

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