Mein I Am From Austria

Ich erinnere mich an eine Bergwanderung in den österreichischen Alpen. Als Jause packte ich eine Landjäger vom Fleischer ein, auch einen Almkäse und Bier. Der Himmel war wolkenlos und wenn auch anderswo wolkenloses Wetter schön ist, so ist es doch in Österreich am schönsten. Der österreichische wolkenlose Himmel ist ein anderer wie der deutsche oder der tschechische. Auch der slowakische und ungarische Himmel ist anders, wenn er auch an diesem Tag meiner Bergwanderung aus meteorologischer Sicht von gleicher Wolkenlosigkeit war. Aber lässt man das bloß Meteorologische beiseite, so war mein österreichischer Himmel doch bei Weitem am schönsten, denn es herrschte ein Kaiserwetter. Das Kaiserwetter tritt nirgends sonst so einzigartig auf wie in den österreichischen Alpen, da ja das Kaiserliche von der österreichischen Geschichte her ganz nahe an den Alpen liegt. In Frankreich und Deutschland war der Kaiserhof immer näher dem Flachland und dem Meer. In Österreich aber lagen dem Kaiser die Alpen zu Füßen. Es ist daher bekannt, dass der österreichische Kaiser zu all seinen Zeiten immer gerne in die Berge ging, so wie ich. Im historischen Sinn trat ich also damals in die Fußstapfen des österreichischen Kaisers, und das bei Kaiserwetter.

Schon als ich die Waldgrenze unter mir liegen ließ, bestätigte sich die besondere Qualität des österreichischen Kaiserwetters. Ich konnte weit über die Gipfel bis an die Grenze des Landes schauen und atmete die frische Bergluft, die nur hier in den österreichischen Alpen so rein und sauber ist. Freilich gibt es auch außerhalb der Landesgrenze eine Luft zum Atmen. Auch die tschechische Luft lässt sich gut atmen. Die Slowaken und Ungarn und auch die Slowenen besitzen ebenfalls ausreichend Atemluft, um ein Leben zu führen. Aber ein Leben, wie es sich beim Einatmen der hiesigen Alpenluft führen lässt, gelingt nur in Österreich. Vielleicht noch in der Schweiz oder in Südtirol. Wobei: Vom kaiserlichen Standpunkt aus betrachtet ist jenes immer schon das Selbe gewesen und dieses im Grunde das Unsrige. Was ich meine, ist, dass die österreichischen Alpen den schweizerischen um nichts nachstehen, und dass die südtirolerischen geologisch betrachtet, und auch geschichtlich, aus den hiesigen hervorgehen. Ob die Luft dort in der Schweiz oder da in Südtirol ebenso sauber und rein ist wie hier in den Alpen in Österreich, kann ich nicht sagen, denn ich war weder dort noch da. Ich war meist nur hier. Worin sich die schweizerischen und die südtirolerischen Alpen aber mit Sicherheit von meinen Alpen unterscheiden, ist der Stolz, mit dem sie von mir beschritten werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in der Schweiz oder überhaupt anderswo einen solch stolzen Blick auf das drunten liegende Land haben könnte. So war es auch an diesem Tag. Ich stand über der Baumgrenze, packte meine Landjägerjause aus, schnitt mir auch etwas Almkäse vom Käseblock, öffnete dazu das Bier, hatte darüber hinaus durch das Kaiserwetter eine perfekte Sicht über die ringsum liegenden Gipfel, atmete freilich die gute österreichische Luft und war doch ein wenig stolz.

 

Ich dachte mir damals, am Berg stolz zu sein, ist anders als unten im Tal stolz zu sein. Ich dachte mir, unten im Tal ist der Stolz ein verlogener. Unten im Tal ist der Stolz auch gefährlich. So wird es dir ja gesagt, seit deiner Kindheit. Dein Landesstolz ist verlogen, gefährlich und ein historisches Problem. Dieses Geschichtsproblem war mir an diesem Tag jedoch, da ich drüber stand, über dem Problematischen, mit einem Mal wurscht. Ich dachte mir, hier heroben, wo mir das Problem nichts anhaben kann, da es doch ein Problem des Tals ist, und vielmehr noch der Stadt, da das Historische also ein Problem der Stadtmenschen ist, die viel zu wenig aufs Land fahren und in die Berge gehen, kann es mir nun, da ich drüber stehe, wurscht sein. Würden diese problematischen Stadtmenschen auch einmal so auf ihr Land blicken, wie ich in diesem Moment, es würde auch ihnen wurscht sein, das Problem, und sie wären ebenso stolz. Und als ich das damals so dachte, da sagte ich mir, nur hier kannst du noch Patriot sein. Wo denn sonst kannst du noch Patriot sein? Das Patriotische ist ja nirgends mehr möglich, besonders nicht im Tal und schon gar nicht in der Stadt. In der Stadt ist nur das Kritische mögliche, das Problematische, das geschichtlich Verschuldete. Aber hier in den Alpen, weit weg von der Stadt und ihren kritischen Problemen und ihrer schuldbeladenen Geschichte, da hat endlich mal keiner was dagegen, dass ich einen Landesstolz habe und dazu vielleicht mein I Am From Austria singe. Mein I Am From Austria, das kann ich ja nur mehr betrunken singen, in einer Zirbenbar oder auf der Skihütte, sagte ich mir. Auch mein I Am From Austria steht längst unter problematischem Verdacht. Und als ich mir das damals so sagte, über den kritischen Problemen des Landes stehend, erkannte ich, ich habe ihn satt, den Verdacht. Ich habe es satt, verdächtig zu sein, besonders nicht, wenn ich I Am From Austria singe. Besonders nicht, wenn ich stolz sein will, auf mein Land. Meine Erkenntnis führte dahin, auch bei biologischer Landwirtschaft, bei kräftiger Landjäger und herzhaftem Almkäse und heimischem Bier stolz sein zu wollen! Wieso sollte ich nicht patriotisch in meine Landjägerjause beißen dürfen?

 

Mit einem Mal verzog sich mein Stolz und wurde zu Zorn. Je länger ich zürnte, über das ewig Gestrige, das meinen Stolz zerstört, desto mehr vergegenwärtigte sich das Land mir als ein benebeltes. Ja, der Nebel ist diesem Land als historische Metapher mitgegeben! Die Geschichte zieht wie ein heimeliger Nebel durch Österreich und erst in den Alpen tritt man aus der heimatlichen Nebelsuppe. Diese nebelbeladenen Gedanken führten schließlich dazu, dass auch im Hochgebirge Nebel aufzog. Denn wer zornig am Berg steht, den erwischt der Nebel. So ist das meist in den Alpen. Nicht umsonst sind sie Ausdruck der inneren Gefühlswelt ihrer Besteiger. Wäre ich stolz geblieben bei all meinen Überlegungen, so wäre er gewiss vorübergezogen, der Nebel. Und auch der Regen, der nun folgte. Wie auch das Gewitter. Das ganze schlimme Unwetter, in das ich auf einmal geraten war, wäre niemals entstanden, hätte ich mir meine österreichische Seelenlandschaft nicht trübe gemacht. Meine innere Betrübtheit beim Überschauen der drunten liegenden Problemlandschaft hatte die Alpen in tiefe Depression gestürzt. Mein ganzes Denken verursachte einen Regenguss, der jegliches Weiterkommen unmöglich machte. Auch war es längst zu spät, umzukehren. In eine Felsspalte gezwängt kauerte ich, weiß Gott wie lange, und wartete. Noch heute erinnere ich mich an dieses schreckliche Warten. An dieses ohnmächtige Dasitzen, in dem ich nur dazu imstande war, mich festzuklammern und zu hoffen, nicht vollends von den Alpen, die nirgends sonst so unheilvoll und katastrophisch sind wie in Österreich, verschluckt zu werden. Eine schweizerische oder südtirolerische Alpenkatastrophe ist niemals so schlimm und unheilvoll wie die Katastrophe in den österreichischen Alpen. Wenn sie auch numerisch dieselben Opfer fordert und finanziell dieselben Schäden verursacht, so ist die österreichische Katastrophe doch eindeutig gewaltiger. Gerade ich erlebte das bei dieser unheilvollen Bergwanderung, die mich durch das trügerische Kaiserwetter unvorbereitet in eine der fürchterlichsten und traumatischten Situationen meines bisherigen Lebens führte. Und je mehr ich damals darüber nachdachte, kam ich zur Überzeugung, dass mich die österreichischen Alpen selbst, in ihrer verlogenen Schönheit, mit ihren gefährlich problematischen Aussichten und der Luft, die mir als die reinste und sauberste verkauft wurde, angelockt hatten, um mich zu vernichten, und ich wünschte, doch in der Schweiz zu sein, oder in Südtirol. Auch an tschechische Hügel und slowakische Ebenen musste ich denken, an ungarische Seen und zuletzt an das Meer in Kroatien. Und ich verfluchte dieses Land, das es geschafft hatte, mir einen Stolz zu geben, der gerade, wenn er am schönsten ist, am bittersten bestraft wird.

 

So erging es mir bei dieser Bergwanderung, an die ich mich nun erinnere. Ich erinnere mich auch daran, wie ich verzweifelt nach einem Mobilfunknetz suchte, das es aber in diesen unheilvollen Alpen nicht gibt. Ich erinnere mich an die fehlende regenfeste Jacke, die, derweil ich am Berg in Nässe und Wind fror, in meiner trockenen Stadtwohnung hing, da ich es an diesem Tag zwecks Kaiserwetters für unnötig erachtet hatte, sie einzupacken. Auch erinnere ich mich an österreichische Adler, die im Sturm über mir kreisten. Zuletzt erinnere ich mich noch an den Hubschrauber, der angeflogen kam, um all die jammervollen Bergwanderer dieses Tages, die vom Unwetter überrascht worden waren, Stunden danach einzusammeln. Ich hing am Seil und ein Mann der Bergrettung sprach mir wohlwollend zu und alles, was ich sah, war der nicht bestiegene Gipfel, der in unerreichter Ferne lag... Weder Stolz noch Zorn begleitet mich heute bei diesem Erinnern. Es ist ein sehr kraftloses, ungreifbares Erinnern. Ein Erinnern, das es mir schwer macht, darüber zu sprechen. Ich kann sehr gut über das sprechen, was davor passiert ist. Und auch über das, was danach passiert ist, lässt sich von meiner Gegenwart aus viel sagen. Und ich glaube auch zu wissen, was währenddessen passiert ist, nur verliert dieses Passierte jegliche Besprechbarkeit, sobald ich davon erzähle. So erzähle ich nur mehr sehr widerwillig darüber. Und nur mehr, wenn man mich fragt. Wenn ich dazu befragt werde, geht es mir meist sehr fürchterlich. So meide ich auch die Fragen. Und schweige. Nur an so Tagen wie heute, wenn ich an nichts Böses denke und mir eine Jause mit Landjäger, Almkäse und meinem heimischen Bier gönne, da kommt sie wieder hoch, die ganze Geschichte.

Die Erzählung entstand für das Programmheft zur Inszenierung von Elfriede Jelineks "In den Alpen" am Landestheater Linz, Spielzeit 2011/2012.

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