Mein reaktionärer Sparefroh

Ich erinnere mich an den Weltspartag, an dem ich zum ersten Mal meine gagerlgelbe Sparbüchse auf die lokale Raiffeisenbank trug. Meine gagerlgelbe Sparbüchse hatte ich von meiner Mutter bekommen, deren Konto ebenfalls auf der lokalen Raiffeisenbank war, und so trug die Sparbüchse das landesweit verbreitete Emblem des gagerlgelben Raiffeisenkonzerns, der mir damals allerdings noch nicht als internationaler Konzern bekannt war, sondern eben nur als lokales Bankinstitut, dem ein Höchstmaß an lokalem Vertrauen entgegenzubringen war. In diesem gagerlgelben Lokalitätsglauben trug ich, aufgewachsen mit der Vorstellung, dass die Welt überschaubar und zuverlässig sei, mein Erspartes das erste Mal also auf die Bank und der lokale Bankangestellte schüttete mir mit freundlichem Grinsen in Augenhöhe meine zusammengetragenen Schillinge aus und auch einige tschechische Kronen und ungarische Forint, die mir mein Onkel väterlicherseits vom Urlaub mitgebracht hatte, sowie auch italienische Lire von meiner Tante mütterlicherseits.

Das Tschechische und Ungarische in diesem Ersparten wäre nicht viel wert, so sagte man mir bereits väterlicherseits, und auch mütterlicherseits machte man mich auf die Minderwertigkeit des Italienischen aufmerksam, um beiderseits aber umso vehementer die Stabilität des Österreichischen zu betonen. Das Österreichische in meiner gagergelben Sparbüchse sei nämlich eine harte Währung, wogegen das Tschechische und das Ungarische und erst recht das Italienische überaus inflationär wäre, wie man mir sagte. Was es mit dem Inflationären im Genauen auf sich hatte, verstand ich zu diesem Zeitpunkt nicht so recht und ich wunderte mich auch, dass der vermeintlich harte Schilling in meiner Hand ebenso hart wie die Münzen der anderen Länder war, doch auch der lokale Bankangestellte erklärte mir mit seinem Grinsen, dass mir das Sammeln der Fremdwährung nur von geringem Nutzen wäre, lobte mich aber umso enthusiastischer ob der Vielzahl an Schillingmünzen und besonders ob der Fülle an Schillingscheinen, die ich reichlich in meine gagergelbe Sparbüchse gesteckt hatte. So brachte ich es bei meinem ersten Weltspartag auf die beträchtliche Summe von zweihundertunddreiundsechzig Schilling und fünfzig Groschen und zusammen mit den in heimische Währung umgewechselten Ersparnissen aus den östlichen und südlichen Nachbarländern, unter denen sich auch einige slowakische Kronen sowie slowenische Tolar fanden, deren Herkunft ich allerdings nicht mehr im Genauen feststellen konnte, erreichte ich zweihundertundsiebzig Schilling, und zwar auf Punkt und Komma genau, weswegen ich mir diese Zahl gut einprägte. Zweihundertundsiebzig Schilling also hatte ich in diesem Jahr an Geld zurückgelegt und da von allen Seiten großes Lob kam, sowohl mütterlicherseits als auch väterlicherseits, war ich in der Überzeugung, etwas Gutes getan zu haben. Was ich nun mit dem ersparten Geld machen könnte, war in diesem Moment nebensächlich. Vielmehr galt es an sich festzustellen, ob man zum Sparen schon reif genug wäre, und das hatte ich nun gründlichst bewiesen. Ich galt deshalb schnell als großer Sparmeister. Aus familiärer Anerkennung erhielt ich an diesem Weltspartag einen sogenannten Sparefroh.


Der Sparefroh mit seinem großen Grinsen, seiner roten Mütze, seinen spindeldürren Armen und seinem münzförmigen Bauch, auf dem der stabile Schilling eingestanzt war, lachte mir auch an den weiteren Weltspartagen meiner Kindheit zuverlässig entgegen und bestärkte mein gagerlgelbes Lokalitätsverständnis, das davon ausging, dass das Geld, das ich mir in meine Büchse warf und danach auf meine Bank brachte, da auch für mich immer so daliege, in Augenhöhe und von einem lokalen Bankangstellten an den Fingern abzählbar. So dachte ich mir, es müsse dort auch alles Geld zusammen auf einem Haufen liegen, das die anderen lokalen Sparer an den Weltspartagen hinbrachten. Freilich war mir bewusst, dass nicht alle in der Region auf die gagerlgelbe Raiffeisenbank gingen, sondern nur die Hälfte. Die andere Hälfte ging nämlich, wie ich mir dachte, auf die blassblaue Sparkasse gegenüber, wo auch mein Vater hinging und wo mein Bruder sein Konto hatte. So war für mich die Bankenwelt mütterlicherseits und väterlicherseits aufgeteilt und ich nahm auch an, dass alle Väter der Region auf die Sparkasse gingen und alle Mütter auf die Raiffeisenbank, ohne zu wissen, dass sich über dem landesüblichen Horizont des Proletarischen und Bäuerlichen noch ein unüberschaubarer, globaler Markt auftun könnte, in dem sich weder Generationsfolgen, noch Landesgrenzen ausmachen ließen. In dieser noch überschaubaren Zweiteilung aber kam es mir auch nicht in den Sinn, dass mein Geld, das ich auf die Bank trug, etwas anderes tun könnte, als etwas Gutes. Ich ging also, wie man es auch generell auf allen Seiten dieses Landes tat, davon aus, dass mein Geld gut war. Mein Geld hatte die Autobahn gebaut, so sagte man mir, damit wir schneller in die Stadt kommen konnten. Mein Geld tat dies aber nicht nur auf eine ressourcenschonende Art, anders nämlich, wie man es scheinbar in anderen Ländern tat, sondern auch auf die landesübliche biologische Weise. Mein Geld war also ökologisch, nachhaltig und auch sauber. Denn der Geldfluss dieses Landes war, wie alle Flüsse dieses Landes, sauber und rein. Mein Geld pflegte auch vorsorglich die Landschaft und unterstützte die mittelständischen Betriebe, die freilich sauber, rein und regional produzierten. Mein Geld machte den lokalen Bäcker glücklich und auch den lokalen Lebensmittelhändler wie auch die lokale Fleischerei, die gleich gegenüber unseres Hauses lag, und all das machte dann meine Familie glücklich, väterlicherseits und auch mütterlicherseits. Dieses allseitige Glück in diesem Land, so dachte ich ab diesem Weltspartag, stand mit meinem Geld, das ich glücklich auf die Bank getragen hatte, in direktem Zusammenhang. Und so schlief ich in diesen Tagen recht glücklich ein, neben meinem Sparefroh in gagerlgelber Bettwäsche.


Diese Zeiten des Glücks sind freilich lange vergangen und ich kann die einzelnen Schritte des Glücksverfalls gar nicht mehr im Genauen benennen. Der genaue Glücksverfall ist auch meiner Familie unbekannt, wenn auch väterlicherseits die Meinung vorherrscht, der neue Liberalismus, der über das Land gekommen wäre, hätte Schuld daran, und auch die unkontrollierte Logik des Marktes, doch mütterlicherseits wird darauf gesagt, dass doch jede Logik eine strenge Ordnung voraussetzt und man eher von einem alten kapitalistischen Kalkül ausgehen müsse, das nämlich eine liberale Sphäre des freien Unternehmens vortäusche, um eine hierarchische Systematik des Reicherwerdens der Reichen und Ärmerwerdens der Armen aufrecht zu erhalten, wogegen aber einige meiner väterlichen Seite wiederum mit einer Irrationalität eben dieses Kapitalmarktes dagegenhalten und das System im Gesamten für undurchschaubar hielten, was auch einige mütterlicherseits bekräftigen, aber nicht alle. Ich selbst stehe bei diesen Diskussionen meist etwas daneben, habe aber längst eingesehen, dass meine gagerlgelbe Blase geplatzt ist, spätestens nämlich, als von Geschäften des Raiffeisenskonzerns in Tschechien und Ungarn, auch in Slowenien und der Slowakei, wie auch selbst in Italien die Rede war, wo doch immer gesagt wurde, dass es dort nichts Stabiles gäbe, sondern nur das Inflationäre. Was allerdings früher gesagt wurde, galt schon lange nicht mehr, und auch das Reden über eine heimische Währung war überflüssig geworden, denn wir saßen nun alle im selben europäischen Boot, dem man aber sowieso nie richtig getraut hätte, wie es nun hieß. Von Anfang an wäre das zweifelhafte Boot Europas zum Kentern verdammt gewesen, hieß es von der mütterlichen Seite und die väterliche Seite sah immer mehr Beweise dafür, dass es prinzipiell das falsche Boot gewesen wäre, das man bestiegen hatte, und man ein anderes bauen und dafür radikal alle über Bord hauen müsse, die uns auf dieses falsche Boot gezwungen hätten. Da sprachen dann einige auf der mütterlichen Seite dagegen und sie stellten das Konzept des Bootbauens an sich in Frage und meinten, dieses Land wäre kein Seefahrerland, sondern ein Ackerland, und man sollte lieber die heimischen Äcker bebauen, als auf weltweiten Gewässern unterzugehen. Einig war man sich allerdings darin, dass schon lang nicht mehr von einer gagerlgelben Regionalität die Rede sein könnte und auch von keiner blassblauen. Alles war eingetrübt in einem grauen Globalnebel, in den nur dann und wann ein Korruptionsausschuss Licht zu bringen schien, der allerdings bald wieder von neuen Korruptionsfällen vernebelt wurde, so dass am Ende keiner mehr so recht wusste, was im Genauen passiert war, aber im Allgemeinen doch eine deutliche Unsicherheit zurückblieb.


Alle Sicherheiten waren also zusammengebrochen. So begann ich, mein Geld erstmals neu zu befragen. Denn es war nicht mehr das Geld, das ich früher auf die Bank getragen hatte. Von dem früheren Geld wusste ich nämlich, was es war, denn ich hatte jeden einzelnen Schein vor mir in Augenhöhe gesehen und die Summe an den Fingern abgezählt. Das Geld, das ich nun auf die Bank trug, war dagegen gar nicht mehr vorhanden. Auch trug ich gar nichts mehr auf die Bank. Die Zahlen, die ich stattdessen von einem Konto auf das andere transferierte, trugen nichts mehr Regionales in sich. Die Härte meines Geldes konnte ich nicht mehr begreifen. Die Schwäche anderer Gelder war mir nicht mehr nachvollziehbar. Mein Bankangestellter war nicht mehr da. Ich redete am Telefon mit anderen Bankangestellten. Sie alle waren freundlich und sie würden sicherlich auch immer noch grinsen, wenn ich ihnen gegenüber säße, aber ich traute ihnen plötzlich nicht mehr. Wenn alles unsicher wurde, dann auch das Vertrauen in meine Bank. Es war für mich seither zu bezweifeln, dass die Bank, die auch nicht mehr meine war, Gutes täte. Es wäre auch naiv anzunehmen gewesen, dass sie je Gutes tun könnte. Sie ist schlecht, sagte ich mir ab diesem Zeitpunkt. Und also auch der Bankangestellte. Er ist mit Sicherheit ein äußerst schlechter Mensch. Und alle, die in dieser Bank ein- und ausgehen, sind schlechte Menschen. Auch die, die nur indirekt mit dieser Bank zu tun haben, und auch jene, die nur im Weitesten über sie sprechen, sind schlecht. Also unterließ ich es, ab nun von Banken im Konkreten zu reden, sondern redete nur mehr vom allgemeinen Übel des Bankwesens. Auch misstraute ich in dieser üblen Allgemeinheit jenen, die in den Zeitungen und in den Nachrichten immer mehr vom Geld und insbesondere von der Krise des Geldes redeten. Ich sagte mir nun in dieser allgemeinen Unsicherheit, die noch dazu allgemein übel daherkam, dass es ja ganz und gar unmöglich wäre, überhaupt noch etwas Sicheres über das Geld auszusagen. Denn was ist es denn noch, das Geld? Das Geld war keine tatsächlich vorfindbare Einheit mehr. Im Gegenteil. Es war ja immer mehr weg, was ich als höchst problematisch zu spüren bekam. Dass die Sache mit dem Geld ein Problem ist, wurde mir freilich schon davor klar, und dass dieses Problem höchst ideologisch und daher geradezu idiotisch ist, ebenso, nur jetzt vermutete ich, es neben dem problematisch Ideologischen und problematisch Idiotischen auch mit etwas problematisch Semantischem zu tun zu haben. Denn das Geld, das doch immer mehr in aller Munde war, aber immer weniger in den Händen aller, sondern wenn schon, in den Händen einiger weniger, hatte sichtlich jegliche Referenz verloren und seine Bedeutung hatte sich damit signifikant verschoben. Je länger ich über dieses signifikante Problem nachdachte, desto referenzloser erschien mir das Gerede vom Geld und diese semantische Erkenntnis hatte schließlich traumatische Folgen. Ich bezweifelte mit einem mal, auch noch irgendetwas an Sinnvollem mit Geld in dieser Welt ausrichten zu können. So kam es, dass ich nun auch jenen misstraute, die vom sinnvollen Sparen in diesen Tage sprachen. Ja, am meisten misstraute ich jenen unter diesen, die davon sprachen, dass das sinnvolle Sparen auch noch etwas Gutes bewirken könnte, trotz der offensichtlichen Probleme in der Welt. An dem Tag, an dem dann plötzlich in ganz Europa so getan wurde, als sei ein jeder Tag ein Weltspartag, traf ich eine Entscheidung. Denn es musste ja, wie mir die Semantik sagte, davon ausgegangen werden, dass mein Geld nicht mehr mein Geld war und damit mit Sicherheit in mindestens eines der offensichtlichen Weltprobleme verwickelt war, so zum Beispiel in illegale Geschäfte in Tschechien, Ungarn, Italien und sicher auch in Rumänien und mindestens auch in der Ukraine, wenn nicht auch in Russland, und in China sowieso. Mein Geld, so sagten mir nun auch die Nachrichten aus der gesamten Welt, richtete in Burkina Faso eine Bauernfamilie zugrunde und vernichtete in Ecuador den Regenwald wegen vermuteter Ölvorkommen. Mein Geld tötete Menschen im Nahen Osten und unterstützte Diktatoren in Nordafrika, denn das sagten mir die Nachrichten auch. Mein Geld baute auch an der Atombombe und es rottete die Wale aus. Auch zog mein Geld den Seerobben ihr Fell über die Ohren und russische Oligarchen und arabische Ölscheichs und amerikanische Superreiche badeten sich darin. Mein Geld ließ die Meere steigen und Menschen aus Überdruss für Nichts und wieder Nichts vom All auf die Erde runterspringen. Und es infizierte auch Babies mutwillig mit Krankheiten, um Pharmafirmen die Tests ihrer neuen Produkte zu ermöglichen. Mein Geld zerstörte die Welt, so kam ich zum tristen Schluss, und um dieser Weltzerstörung durch mein Geld einen Schlussstrich zu setzen, ging ich daran, alles Geld von der Bank abzuheben und auch alle Versicherungen zu kündigen und auch alle laufenden Überweisungen auf Eis zu legen. Ich trug all das Geld, das ich irgendwo angelegt hatte, zusammen, und auch das Geld, das ich in einen kleinen Ökofond investiert hatte, und jenes, das auf einem automatischen Abbucher für ein SOS-Kinderdorf und die Kinderkrebshilfe vorgesehen war, und auch meinen Zahlungsauftrag für Licht-Ins-Dunkel, den ich tags davor erteilt hatte, stornierte ich, da davon auszugehen war, dass sie allesamt schlecht, korrupt und falsch wären. Mein ganzes Geld trug ich nun nach Hause in meine Wohnung und da legte ich es auf den Boden und erkannte, es war so viel, dass es meinen Lebensstandard in Quadratmeter abdecken konnte. Das war also das, was ich für diese korrupte Gesellschaft geleistet hatte. Ich hatte mir meinen Standard durch die vielen Weltspartage gesichert und damit das gesamte Klima aus dem Gleichgewicht gebracht, die Weltarmut auf ein Maximum ansteigen lassen und bei alldem war Aids noch immer nicht heilbar. Ich weinte. Ich weinte sehr lange. Ich übergoss mein gesamtes Geld am Boden mit Tränen und egal, ob es hart war oder weich, jetzt in den Tränen war es nichts. Ich fiel hinein und lag etwa sieben Stunden im aufgebleichten Geld, hörte bald die Welt nicht mehr und ich fiel in eine Ohnmacht. Als letztes sah ich noch die alte gagerlgelbe Sparbüchse, die in dem Moment vom Regal über dem Schreibtisch fiel und über den Boden zu mir rüberrollte. Sie war leer und ich schlief ein.


Mitten in der Nacht holte mich ein wüstes Geschrei aus dem Schlaf. Ich öffnete die Augen und blickte in die bleiche Fratze meines Sparefrohs. Er musste aus einem der Kartons gekrochen sein, die ich seit meinem Umzug vom Land in die Stadt immer noch nicht ausgepackt hatte. Eigentlich war er mir in einem launigen Zustand in Erinnerung geblieben, doch seine Laune schien ihm vergangen zu sein. Er stand über mir, mächtig, und die Schreibtischlampe warf einen gespenstischen Schatten an die Wand. Er grinste nicht mehr, sondern war voll Zorn. Mit seinen spindeldürren Armen fuhr er in wilden Gesten über meinem Kopf hin und her und seine rote Mütze schwenkte er bedrohlich wie in einem Krieg. Sein Schilling am münzförmigen Bauch glühte im Zorn grell auf, sodass es mich in den Augen blendete. Und zu all dem brüllte er mir ins ohnmächtige Gewissen. Ich sei ein Versager, schrie er, ich sei faul und unnütz und schade der Sparefrohgemeinschaft, nämlich mit meinem trotzigen Rückzug in die eigenen vier Wände. Er habe alles genau notiert, mein gesamtes Sparverhalten der letzten Jahre, seit ich vom Land in die Stadt gezogen sei, hätte meine Kontobewegungen überwacht und auch meinen Konsum, und er sei schon lange zu dem Schluss gekommen, dass ich auf zu großem Fuß lebe. Auf zu großem Fuß, mein gagerlgelber Freund, sagt er, und dabei trat er mir schmerzhaft auf meinen linken Fuß, dass ich aufschrie. Ich konnte aber nicht weg, denn mein Sparefroh drückte mich mit seinen fetten Fingern zu Boden und fuhr mit seiner Standpauke fort. Er warf mir vor, ich missbrauche meinen Wohlstand, ich lehne mich zurück und täte nichts für die zukünftigen Generationen. Ich hätte keine Vorsorge und keinen Haushaltsplan. Ich sei maßlos verschuldet, leiste mir unnötige Sozialausgaben und fröne einem Genussleben, das jedwede Spardisziplin und Finanzordnung vermissen ließe. Er wütete weiter und mahnte, es sei an der Zeit, Opfer zu bringen. So könne es nicht weitergehen, doch es müsse weitergehen, und deshalb würde er mich auch nicht so einfach aufgeben. Aber ich müsse bluten, sagte er ernst, und erst durch dieses Bluten würde ich wieder gesunden. Mein Sparefroh zählte mir nun alles auf, was ich zu tun hätte, machte mir einen Finanzplan und setzte kurzfristige, mittelfristige und langfristige Sparziele fest. Ich hatte für einen Augenblick, als er gerade dabei war, dies alles vertraglich zu fixieren, die Gelegenheit aufzustehen und wollte die Wohnung fluchtartig verlassen, da fasste mich einer seiner langen Arme von hinten und würgte mich recht nachhaltig. So einfach käme ich nicht davon, denn es sei meine Pflicht, mich mit meinem Geld in die Sparefrohgemeinschaft einzubringen. Ich wolle sie verlassen, jappste ich, ich wolle aussteigen, aus diesem System, da lachte er nur höhnisch. Er ließ mich fallen und ich landete hart am Boden. Aussteigen willst du, mein gagerlgelber Freund, so sagte er, und da öffnete sich sein münzförmiger Bauch und ein Feuerwerfer schoss aus dem Inneren, mit dem mein Sparefroh daran ging, all mein Geld zu verbrennen. Wer aussteigt, der hat nichts, sagte er, der wird auch nichts haben und der wird auch nie etwas sein, und so fackelte er all meinen Lebensstandard ab, in dieser einen Nacht.


Als ich schweißüberströmt erwachte, blickte ich in die Leere meiner gagerlgelben Sparbüchse. Ich lag noch am Boden in meinem Geld und von meinem Sparfroh war keine Spur. Ich richtete mich auf, durchsuchte hastig die Umzugskartons im Abstellraum, fand nichts, öffnete dann auch die Kartons im Schlafzimmer, doch auch hier war er nicht. Schließlich tappte ich in mein feuchtes Kellerabteil, das mir zu gruselig war, um es regelmäßig zu nützen, und da stand noch eine vergessene Kiste. Drinnen im durchfeuchtelten Rest meiner Kindheit lag grinsend mein alter Sparefroh und sein Schilling am Bauch war vom Schimmel mumifiziert. Ich trug ihn nach oben in die Wohnung und wusch ihn, hängte ihn dann auf die Wäscheleine zum Trocknen und sah den Tropfen zu, wie sie über seine Mütze auf das Geld am Boden fielen. Da klingelte es an der Tür und es war der Postler mit einigen eingeschriebenen Briefen von meinen Versicherungen und den Firmen, bei denen ich noch offene Rechnungen hatte, und vom SOS-Kinderdorf mit Fotos abgemagerter, lachender Kinder und auch von meiner Familie väterlicherseits, die sich um meine finanzielle Zukunft sorgte, und mütterlicherseits, die mir gut zuredete, dass doch alles halb so wild wäre und man sich auf das Regionale zurückbesinnen müsse, das doch immer noch vorhanden sei, auch wenn es von allerlei Liberalismus verstellt sei, und daher müsse man umso vehementer auch das Heimische wieder betonen und vielleicht auch überall im Land die alten Sparefrohs mit ihrem Schilling-Emblem reaktivieren, denn man wäre ja nur, was man immer schon war, und dazu schickte mir meine Mutter auch Ansichtskarten von den sauberen und reinen Flüssen, wie sie durchs nachhaltige und ökologische Land flossen, und dann erhielt ich freilich auch noch einen Brief von meiner Bank im gagerlgelben Kuvert und darin wurde mir der bevorstehende Weltspartag angekündigt.

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