Vergangen, vergessen, verknittert

Am Flohmarkt sah ich ein Bild von Adolf Hitler. Öl auf Leinwand. Rahmen aus Holz. Es fiel kaum auf. Ein Tischdeckchen hing zierlich darüber, gehäkelt, bespitzt, da blickte er durch, gekammpelt und mit blauem Aug, der Führer, den ich ja nur so kannte, vom Bild. Recht adrett schaute er drein. Daneben stand in übler Kopie ein Waldmüller und auch Roseggers Erzählungen stapelten sich im Staub. So war die Vergangenheit hier unbedenklich durcheinander gekommen und stumm ging man dran vorbei. Ich selbst war mittendrin. Es ist ja nur ein Bild, verharmloste ich mir den Nachmittag.

Auf den nächsten Tische war Postkarten ausgebreitet, Unikate aus alten Zeiten, freilich auch aus dem Krieg. Was Hanserl und Franzerl so im Schützengraben erfreut, stand da zu lesen, und prächtig winkte der Führer aus dem Auto. Jubelnd schwenkte die Masse das Taschentuch. Sie mehrten sich, die Postkarten, und panisch ließ ich sie fallen. Es ist ja nur ein Bild, beschönigte ich mir mein Gewissen. So trieb ich weiter, launig im Strom. Am nächsten Tisch stand ein Spiegel, in sich gebrochen, im Riss mein Bild, aber es zeigte den Führer! Ja, der gekammpelte Führer winkte mir fanatisch entgegen, blauäugig, als wär keine Zeit je vergangen, und dazu schien wärmend die Sonne. Da hetzte ich zurück, durch den gespenstischen Flohmarkt, ein Kampf gegen die Menge, um ihm endlich nun in die Fratze zu spucken – doch da war er schon weg. Der Tisch war fast leer. Nur Waldmüller lag noch verknittert im Licht des frühen Abends.

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