Meine Jugend, eine Armut

Da ist ein. Spalt, ein. Ein Spalt. Der da ist. Da. Der Spalt. Ist da zwischen dir und - - der Welt. Die Welt, die. Die doch da ist, für dich. Die sollt doch da sein, für dich, die Welt. Bist doch dafür da. Um in ihr zu sein. In der Welt. Aber bist daneben. Bist grad so richtig daneben. Neben der Welt. Läuft da draußen ab, die Welt, und du auf der Stuf und schaust nur. Auf der Stuf, am Rand, und schaust. Schaust, wie alles dahingeht. Greifst danach, mit dem Arm, greifst, streckst die Finger, willst was fassen, willst sie doch erfassen, die Welt. Aber schon wieder weg. Und du auf der Stuf am Rand, den doch jeder sieht. Ist ja nicht so. Dass den da keiner sieht, den Rand. Seh ich doch, so einen Rand. Am Rand, da lauf ich zwar vorbei, ja, am Rand, immer vorbei, aber ich seh ihn. Weiß ja, dass der da da ist, der Rand, und drum geh ich auch da vorbei, sonst würd ich ja stolpern, über den Rand. Oder reinrennen, in den Rand. Aber nein. Ich geh ja vorbei, knapp davor. Damit ich nicht selbst am Rand bin.

Damit ich nicht der Rand selbst bin. Also, so wenig kann ich mich gar nicht umschauen, dass ich den Rand nicht, also, seh ich doch. Und dich. Und dich am Rand seh ich. Schau dich an. Da. Wie eine, die eigentlich gar nicht da ist. Die da zwar ist, aber da nicht sein sollt. Ist da ja auch etwas daneben, die da, denk ich, und also auch gar nicht dabei, die da. Bei uns, denk ich. Keine von uns, denk ich. Die da, da am Rand. Seh ich dir auch an, dass du. Dass du. Dass du da nicht dabei bist, so, und so außen, so, und so fremd, so. Außen und fremd. Seh ich dir an. So sehr seh ich das, dass du störst, ja, du störst ja. Und ich denk, warum? Was stört denn da? Was seh ich dich da so an? Was seh ich dir denn da so an? Dein Aug? Hast was im Aug? Hast doch nix. Hast nix, da drin, nix Schlimmes. Ist nur die Hoffnung! Im Aug ist die Hoffnung! Hast du doch! Voll Hoffnung, auch im Dreck. Wie denn sonst, denk ich, wie denn sonst im Dreck sein, wenn nicht mit Hoffnung. Hast sie doch noch, die Hoffnung. Sonst würdst erst gar nicht da so sein, also da würdst auch lang schon weg sein. So. Und das Aug schließen. Verdammt geschlossen wär dann die Hoffnung, für immer. Könntest dich sonst doch auf die Straß da werfen, ist was grauslig Schnelles, oder vom Geländer auf der Brück, oder irgendein Fenster würd schon offen sein. Könntest ja, ja könntest. Aber du greifst ja noch. Solang du noch den Arm hochstreckst, denk ich, und die Hand hinhältst, denk ich, und auch was sagst, du sagst doch was. Bitte, sagst, bitte, hast nix? Bitte, hast nix? Hast ein bisserl Kleingeld?

 

Sagst, Kleingeld, sagst. Zu mir. Nur ein bisserl. Und jetzt erst merk ich's, soweit ist's schon gekommen. Merk ich. Dass ich so dasteh, steh ich doch da, und tu doch nix, nur dastehn, weiter nix, und du vor mir, hockst auf der Stuf, ein Stück weit schon ohne Hoffnung. Soviel Hoffnung trägt's nimmer, das Aug. Ist doch ein prekäres Aug, hör ich mich jetzt sagen. Prekär, hör ich mich sagen. Steckt das Prekäre drin, in dem Aug, da schau ich nicht gern. Also. Da will ich lieber weg, oder drüber, oder auch drunter. Schau runter, wie alle, auf die Straß, auf die Füß, meine Füß, die jetzt nimmer stehn, nein, gehn davon, schnell davon, und zwar grauslig schnell. Aber im Winkel, im Augenwinkel, da seh ich dich. Ist doch der Rand, da, an dem ich meinen Weg abgrenz. Da muss ich ja vorbei. Geh vorbei, wieder, vorbei, wieder, vorbei, wieder, du greifst, vorbei, du fasst, vorbei, und sagst was, fünfzig Cent, sagst fünfzig Cent, vorbei. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ein Spalt.

 

Jetzt vor mir an der Wand und ich stopp. Dreh meinen Blick, versteckt. Die Unruh kommt mir hoch. Prekär, wie kannst das sagen? Prekär, was soll das sein? Das Aug, das, das ist doch einfach, das ist - - das Aug da sieht gar nimmer weit. Das reicht nur bis zur nächsten Wand, an der ich mich nun festhalt. Dein Blick verbaut von dieser Wand. Und ich denk, was ist das für eine Wand? Was ist das für eine Straß? Was ist das für ein Dreck? Dein Dreck vielleicht schon wegen mir? Wegen mir, da läuft bei dir kein Leben mehr, mein Lebenslauf verbaut dir deinen Blick, was hast gemacht, hör ich mich fragen, was hast gemacht? Steckst im Dreck, dein Scheißdreck, hörst, der deine! Von nix, da kommt nix, oder so, und so denk ich, denk so weiter, so will ich mir mein Dastehn, Rumstehn jetzt begründen. Mit gutem Gewissen. Das hat doch alles seinen Grund, hör ich mich sagen. Ein Grund. Dass das so ist. So. So im Dreck, so, und im Schmutz, so, und auf der Straß, so, das Prekäre ist grundiert, das sag ich jetzt. Heftig grundiert ist das, drüber denk nach. Sag ich mir selbst, denk nach. Über den prekären Grund. Das braucht dir nicht die Hoffnung rauben. Wennst nachdenkst, wennst wirklich mal nachdenkst, dann weißt doch, dass du sie ändern kannst, die Welt. Das weißt doch, lach ich jetzt. Das lach ich, lach zu dir rüber, also lach doch auch. Hörst, lach doch, auch wenn du am Rand, lach doch, auch wenn du im Spalt. Hast doch die Hoffnung. Bist doch hier kein Einzelfall. Da wird sich doch was tun. Das weiß man doch, Kopf hoch, das weiß man, dass da am Rand nur der Verlust beginnt. Ist schwer, ich weiß. Da gibt’s Zerfallserscheinungen, nicht nur bei dir, das ist doch so im Ganzen ein Zerfall. Im Ganzen musst das sehen, diesen Zerfall, sag ich dir, das sehn wir hier doch alle, und in den bist eben reingeraten. So zerfallen, die Wänd, so zerfallen, das Licht, so zerfallen, dein Gesicht, und es sollt doch ein junges sein. Deine Jugend im Gesicht ein Riss geworden, ein Einriss, von der Kälte, von der Nacht, das hat dir deine Haut gerissen, eingefallen jetzt dein Aug, weil's doch Schlaf bräucht, aber woher? Wo denn Schlaf, wenn keine Ruh. Keine Ruh. Rastlos im Zerfall. Sagst immer nur, hast nix? Hast denn nix? Hast ein bisserl Kleingeld? - - Nein, sag ich. - - Und du wünscht mir einen schönen Tag. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Was?

 

Ein schöner Tag? Wie kannst das wünschen? Sitzt im Zerfall und wünscht mir einen schönen Tag. He! Du! He! Du! Was soll denn ich da jetzt, ja, also, bitte, ich, ich mach doch auch, so viel ich kann, so gut ich, gut ich, ich könnt auch mehr, ich, aber, soll ich mich nun selbst ausbeuten? Ich steh doch auch nur auf der Straß, mehr nicht. Bin nicht dafür verantwortlich! Der Zerfall da, ja, der bist immer noch du! - - Jetzt sinkt die Hand. Die Hand, an dir, gesunken. He! Es tut mir leid, will ich dir sagen, leid tut's. Ist doch hier kein Grund zum Sinken! Sink doch jetzt nicht! He. Du Hand. Du Finger. Du Gesicht. Du aufgerissene Lippe. Sag was. Sag doch, Kleingeld, sag doch Cent, sag doch ein bisserl, sag. Hast nix mehr zum Sagen? Das lässt sich doch. Da lässt sich doch, was machen lässt sich, kommst doch raus! Ja, also, wenn wir das schon wissen, dass dieser Dreck hier stark grundiert ist, dann, dann kommt man da auch, ja, dann kommt man raus. Ist doch kein Schicksal, das Prekäre. Ist die Logik dieses Spalts. Drum also kämpfen wir. Kämpfen. Dagegen. Gegen den Spalt. Gegen den verdammten Spalt. Komm steh auf, und kämpf, sag's laut. Hab doch keine Lust auf dich, du Spalt, sag's laut. Der Spalt ist das Problem, sag's laut. Ist doch zum Schreien! An die Wand, ja, in das Licht, ja, rein da, ins Gesicht, dann schrei mich doch jetzt endlich an! Und kämpf! Hättest doch jetzt mal einen Kampf! Hast nicht viel, aber der Kampf, ja, der Kampf wär da, jetzt wär der Kampf für dich grundiert! Ein Kampfgrund hier, am Rand. Okay, das ist nicht viel, ein Kampf am Rand, okay, könnt mehr sein, hier an Kampf, okay, hat man ja immer, einen Mangel hier an Kampf, grad hier, auf dieser Straß in diesem Land, sind mangelhafte Straßen hier für einen echten Aufschrei, auch sozial, aber grad dann. Jetzt reicht's doch! Muss doch auch mal reichen! So reich und es recht nicht? Seh deine Hand, wie sie am Boden auffällt, am Asphalt, und immer noch ist's nicht genug. Nie genug da. Wieder nicht genug da. Was ist denn wieder nicht genug da? Wenn da doch genug wär. Wenn man da schaut, da wär's doch. Ich schau und ich seh, da wär genug, aber nicht überall. Muss doch auch mal genug sein fürs Überall. So genug müsst es sein, damit jeder überall, und wenigstens. Und nein. Da ist doch die Verteilung Schuld. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Hast Kleingeld?

 

- - Hast ein bisserl Kleingeld? - - Endlich. Die Hand bewegt sich wieder. Das Aug schaut hoch, du bist noch da. Und ja, jetzt frag mich. Ja, jetzt frag doch. Ob ich's hab. Ich hab's doch. Ja. Hast fünfzig Cent? Und ich sag, ja! Ich hab's. Ich hab doch, wart, ich hab da, wart, in meiner Tasche hier, das Geld, das sind - - nur zwanzig Euro, ein ganzer Schein. Ich. Wart. Ich. Zwanzig Euro. Es tut mir. Echt. Es tut mir. Nein. Das ist jetzt viel zu viel zum Spenden. Ich brauch doch. Weißt. Ich brauch’s doch auch. Und jetzt erst merk ich's. Ist schon weit gekommen. Das Prekäre. Ist schon weit mit ihm gekommen. Hat sich aus dem Rand gelöst, hat sich verschoben, von dir da auf der Stuf, mitten da rein, und alle würden's Geld schon nehmen. Das Prekäre ist zur Mitt, ist in der Mitt, ist vielleicht schon selbst die Mitt geworden, ist ja lang nicht mehr zu sagen, wo der Rand beginnt. Dein Rand. Mitten bei mir. Die Wand auch die vor mir. Und dein Gesicht. Ist rein in meine Jugend. Deine Jugend eine Armut. Meine Jugend eine Armut. Ja, wer ist denn diese Armut? Wer ist denn jetzt mal diese Armut? Das ist doch lang die Mehrheit schon. Wir reden da nicht über Rand, der Rand, da draußen! Nein, wir reden über einen Mehrheitsspalt! Reißt bald alles rein, der Spalt. Reißt alles in den Spalt. Da stehn wir direkt schon davor, ein Spalt da in der Mitt und wir, wir stehn, stehn rum, bereit zum Fallen, ohne Schlaf, in einer Unruh. Verdammte Unruh! Wenn wir uns mal die Unruh da genau betrachten würden, dann. Wenn wir uns mal in dieser Unruh einander jetzt genau betrachten würden, dann. Dann, müsst doch. Dann müsst doch was. Wenn alle, ich mein, das würd doch, das fällt doch auf, dass alle. Also, alle haben diese Unruh, die sie nur vor ihre Füß und in den Spalt werfen, anstatt. Mit dieser Unruh, denk ich mir, da müsst man über den Spalt, da lässt sich doch auch drüber kommen, über den Spalt, also, ich mein, ich denk, denkst das nicht? Du da an den Rändern, denkst das nicht? Du da in der Mitten, denkst das nicht? Du da überall, was denkst denn? Was denkst denn wieder so? So ohne Mut, überall, so ohne Hoffnung, überall, so ohne Kampf. Denk doch mal wieder die Hoffnung. Denk doch mal wieder den Kampf. Was ist denn das für ein Denken geworden, wenn nur mehr der Spalt zu denken, und der Rand, und die Unruh. Ist doch ein prekäres Denken. - - - - - - - - - - - - - - - - - Und jetzt erst merk ich's.

 

Du bist lang weg. Ich steh da, an der Wand, neben der Straß, eingerissen der Putz, und du bist lang weg. Bist lang woanders. Da hältst dann die Hand hoch, streckst die Finger und sagst. Hast nix? Hast ein bisserl Kleingeld?

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