Mein Lumpazi im Wespennest

Ich erinnere mich an einen Schwarzweißfilm, den ich als Kind auf einer alten Videokassette gefunden hatte und vor dem ich Stunden zubrachte, die Lieder, die im Film gesungen wurden, auswendig zu lernen. Es war eine Verfilmung von Lumpazivagbundus und ich weiß heute, dass es Paul Hörbiger war, der mich damals am meisten faszinierte. Paul Hörbiger spielte sowohl die Rolle des Schusters Knieriem, als auch jene des bösen Geistes, der mich wie die Hexe bei Hänsel und Gretel mit knochigen Händen und finsteren Augenringen in die Bildschirmröhre zog. Dabei war der Lumpazi für mich immer die lichteste Gestalt des ganzen Films und der Schuster Leim, der am Ende seine zopferltragende Peppi heiratet, die erschreckendste.

Der Schneider Zwirn wurde von Heinz Rühmann gespielt, den meine Großmutter abgöttisch liebte, weil der doch ein fescher Kerl war. Sie saß am Sonntagnachmittag immer im Wohnzimmer. Da hörte man sie mit ihrem Rühmann lachen und einen Malzkaffee trinken. Mein Großvater wiederum hatte es mehr mit Hans Holt, der den Tischler Leim spielte. Mein Großvater war nämlich selbst ein Tischler und hatte im örtlichen Dilettantenverein in den 1950er Jahren auch einmal den Leim gespielt. Die Aufführung dürfte ein voller Erfolg gewesen sein, denn man redet noch heute darüber, besonders über den Volksschullehrer Soldan, der sich keinen Text gemerkt haben dürfte. Während also meine Großmutter Malzkaffee trank und den Rühmann anhimmelte, saß mein Großvater in seinem Sessel, begann zu schnarchen und träumte wohl von alten Truhen und Schränken, die er als Tischler poliert hatte. Zwischen ihnen hing ein Foto an der Wohnzimmerwand, das den Urgroßvater zeigte, der ein Schuster war. Dieser Schuster, den ich selbst nie kennengelernt hatte, war für mich immer ein beruhigender Anblick. Der Urgroßvater saß einsam in seiner Werkstatt, hatte seinen Frieden, hatte seine Zeit, und dabei, so schien es, eine große Passion. Immer wenn ich mir den Lumpazifilm anschaute, lagen meine Sympathien daher bei Paul Hörbiger, in dem ich mir meinen Urgroßvater lebendig vorstellen konnte. Auch mein Urgroßvater hatte übrigens einmal in einer Lumpaziaufführung des örtlichen Dilettantenvereins brilliert, und zwar in den 1930er Jahren, und dabei freilich in der Rolle des Knieriem. Diese Aufführung ging jedoch nicht in die Analen des Zweitausendseelendorfes ein, so spricht man heute nur selten darüber, was weniger an der Schauspielleistung meines Urgroßvaters liegen mag, als mehr am Weltkrieg der 1940er Jahre und der österreichischen Geschichte.


Durch all diese Umstände aber hatte ich den Lumpazi am liebsten, der für mich auch immer mit dem Knieriem ein und dieselbe Figur war. Ich saß also mit etwa sieben Jahren am Boden vor dem alten Fernseher und sang vor mich hin, in glücklicher Operettenmelodie, dass die Straße zum Marschieren da sei und der Leichtsinn mein Kumpan wäre. Ich sang davon auch noch am Abend, als mir der Fernseher von meiner Mutter abgedreht wurde. Auch zum Frühstück am Morgen summte ich vor mich hin. Und das Summen hielt auch in den Schulgängen an und auch auf dem Fußballplatz. Überall hin trug ich sie, die heitere Operette meiner Kindheit. Auch auf ein Familienfest in einem alten Bauernhof bei der Verwandtschaft meines Großvaters, bei dem sich alle seine Schwestern und Schwägerinnen und auch Brüder und Schwager bis hin zu den Cousinen und Cousins samt deren Kinder und Kindeskinder versammelten und alle redeten sie freilich von der legendären Lumpaziaufführung meines Großvaters, bei der scheinbar alle dabei gewesen waren. Ich vermutete damals, dass jeder in dieser Horde von nestroybesessenen Verwandten einmal in einer Lumpaziaufführung in den örtlichen Dilettantenvereinen mitgewirkt haben musste und stellte mir vor, dass meine ganze Familie einem einzigen Nestroystück entsprungen war. So sang ich auch hier das Lied vom Leichtsinn, entfernte mich von dem Bauernhof, ging durch einen Waldweg zu einem Bach und ich beendete mein Singen erst, als mich dort, das besessene Nestroylachen meiner Familie noch von Weitem hörend, eine Wespe in die Lippe stach. Der Wespenstich schwoll an und ich sang von diesem Tag an kein einziges Wort mehr, schon gar keine Lieder vom Leichtsinn oder vom Marschieren. Sechs Jahre später, in denen ich nichts gesungen und eine paranoide Angst gegenüber Wespenstichen aufgebaut hatte, bekam meine kindliche Operettenneigung einen grausamen Nachgeschmack. Ich musste nämlich nach einer Klassenfahrt ins Konzentrationslager Mauthausen und nach dem Wiederauffinden der alten Videokassette in der Schublade meines Zimmers erkennen, dass die Straße, auf der mein Hörbiger, dem Großvater sein Holt und der Großmutter ihr Rühmann da marschierten, eine katastrophale war, denn der Film stammte aus dem Jahr 1936. Auch erkannte ich, dass das beruhigende Sonntagnachmittagsglück meiner Großeltern ein irritierendes sein musste, denn in seinem Schnarchen trug mein Großvater das Lied vom Marschieren noch auf seinen Lippen. Nun stellte ich mir auch die Frage, ob denn die friedvolle Schusterpassion meines Urgroßvaters auf dem Foto ebenfalls nur eine scheinbare gewesen war, denn, wenn ich mich genauer erinnere, standen da auch Stiefel in Reih und Glied im Bildhintergrund, der die Werkbank zeigte – Stiefel, die der Schuster geduldig anfertigte und die wohl auch zum Marschieren auf Kriegswegen dienten. Zuletzt aber stellte ich bestürzt und verärgert fest, dass mein liebster Lumpazi, der im Film die eigentliche Hauptrolle ist, in dem Stück von Nestroy ja gar nicht wirklich vorkommt.


Ich hatte eine alte Reclamausgabe des Lumpazivagbundus aus dem Jahr 1957 entdeckt, und zwar im Fundus des örtlichen Dilettantenvereins, in den ich mich heimlich eingeschlichen hatte und wo ich in jeder Ecke noch den Urgroßvater vermutete, und auch den Großvater, der mittlerweile verstorben war. Zwischen verschimmelten Biedermeierkostümen und Mozartperücken las ich nun zum ersten Mal ein Theaterstück und suchte vergeblich nach jenen Passagen, die mir samt den knochigen Händen und den finsteren Augenringen von Paul Hörbiger in mein Hirn eingebrannt waren. In dem kleinen, vergilbten Heftchen fand ich allerdings nur einen einzigen kurzen Auftritt des Lumpazis, und zwar gleich zu Beginn, im ersten Aufzug. Da tauchte er wie ein Teufel aus der Versenkung, rein in die himmlische Wolkendekoration. Drei Reclamseiten weiter verschwand er, wie er gekommen war. Mein Lumpazi aus dem Film hatte allerdings eine großartige Szene in einem Wirtshaus, in der er auf einer kleinen Gitarre zupfte, ich vermute auf einer Ukulele, und vom Vagabundendasein sang. Der Schuster Knieriem saß gleich neben dem Lumpazi, die ja beide von Paul Hörbiger gespielt wurden. In einer Schnittabfolge blickten sie sich schließlich an, und der Knieriem fragte den Lumpazi, ob sie sich denn nicht schon einmal gesehen hätten, denn er käme ihm so bekannt vor. Das war für mich der Schlüsselsatz des Films, denn als am Ende dann der Knieriem mit dem Zwirn wieder abzog, zum Marschieren auf die Straße, nahmen sie den Lumpazi in die Mitte, und ich hatte seit damals das Gefühl, immer einen bösen Geist bei mir zu haben, der in den schlimmsten Momenten heiter vom Leichtsinn singt – und zwar mich selbst. Auch dieser Schluss war aber in dem Reclamheft nicht auffindbar. Stattdessen las ich von der zwanghaften Besserung der armen Teufel, die es gar nicht erst auf die freie Landstraße schafften, sondern in alberner Zauberei in brave Kleinbürger verwandelt wurden. Ich verstand die üble Ironie des Endes damals nicht. Die Satire auf eine fatalistische Welt, in der sich ein fatales Staatsgebilde spiegelt, war mir wurscht. Ich war schlichtweg enttäuscht. Mittlerweile habe ich Theaterwissenschaft studiert, was mich erst recht verunsichert hat. Freilich gibt es kluge Menschen die mitunter auch Kluges zu sagen haben, über Varianten und Variationen von Texten etwa, aber woran ich beim Lumpazi tatsächlich bin, weiß ich immer noch nicht. Was während meiner Nestroylektüren aber konstant und gesichert blieb, war mein Interesse an dem hinterfotzigen Nestroyschmäh. Der kommt nämlich recht leicht daher, wiegt aber schwerer, als man möchte. Denn der Schmäh ist desaströs. Es ist einer ohne Hoffnung. Nestroy lässt wenig Platz für Idealisten im Theater. Seine Sprache spricht ausschließlich vom Katastrophalen. Vom Monströsen. Vom Weltuntergang. Er dürfte einen riesen Spaß dran gehabt haben, so kommt's mir vor, den Menschen unsinnig gegen die Verhältnisse strampeln zu sehen, um am Ende doch einen deus ex machina zu schicken, oder einen dummen Brief, oder einen blöden Verwandten, der schließlich alles in die richtige Ordnung bringt. Schonungslos läuft diese Komödienmaschine ab. Albernheiten und Sauereien malträtieren zwar das dramaturgische Getriebe, ein anarchischer Witz zerlegt Wörter, Sätze und ganze Szenen, wirft sie in hanswurstischer Tradition vor das staatshygienisch herausgeschwitzte Lachen des Publikums, das sich im Vorstadttheater versammelt – vom Bettelproletariat bis zum Kaiserhaus –, aber eine Demontage, eine Eskalation findet niemals statt. Auch im Lumpazi sticht der Vormärz zwar zwischen Silben hervor, die Revolution wird gar als universales Kometenspektakel erwartet, doch verspricht man sich keine Umwälzung der Verhältnisse, sondern die astronomische Kollision, das Ende der Menschheit. Das alles dient keiner Formulierung von politischen Gegenentwürfen, sondern zur Legitimation, die Sau rauszulassen und alles Dasein zu versaufen. Das scheint das sympathischte Glück zu sein, das einem wie Nestroy gelieben ist – die Selbstzerstörung im Alkohol.


Es gibt allerdings eine Szene in Lumpazivagbundus, in der sich tatsächlicher Widerstand regt. Der Schuster Leim, der an dieser Stelle des Stücks bereits brav verkleinbürgert ist, samt Peppifrau und Kontostand, sperrt den versoffenen Knieriem in eines der Zimmer seines Hauses. Er stellt ihm zuvor ein Schaffel Wasser hin, das soll den Alkoholiker ausnüchtern, der sich im Verlauf von drei Akten körperlich und finanziell ruiniert hat, erst mit Bier, dann mit Wein und schließlich mit Schnaps. Jetzt soll es also zur Besserung durch Bestrafung kommen. Wie zynisch und bitter dieser Moment des Knieriem im bürgerlichen Zuchthaus ist, habe ich oft überlesen. Ich habe ihn vor allem deshalb überlesen, weil er im Grund nur fünf Sätze lang ist. In diesen fünf Sätzen – unterbrochen von der Szenenanweisung "Blitz und Donner" – formt sich eine klare Gegenposition zum Modell der Ordnung: das Prinzip Chaos. Knieriem sagt, er wisse nun, was er tue, er steige beim Fenster hinaus. Danach kommt ein Rufzeichen. Der Aufruf, die anständigen Häuser zu verlassen, wo es sich nicht gut trinken ließe, um im Wirtshaus daneben wieder weiterzusaufen, ist keine revolutionäre Parole – nein, aber drin steckt eine krankhafte Sucht, die auch als existentielle Sehnsucht zu lesen ist. Eine tiefe Lust am Ungehorsam. Ein unberechenbarer Antrieb. Stupide und dabei staatsgefährdend. Denn so ein verschlossenes Fenster, aus dem man auf die Straße raussteigt, muss auch aufgebrochen werden. Ein Gewaltakt, der aber im Geheimen passiert. Die Knieriem-Szene ist nämlich, neben dem kurz davor gehaltenen Kometenmonolog samt Kometenlied, der einzige Moment im Stück, in der jemand alleine auf der Bühne ist. Es scheint fast so, als werde alles rundum nur als Aufwand betrieben, um hier einen vereinsamten und brachial rebellierenden Menschen zu zeigen. Die Rebellion ist seine Verweigerung. Das Brachiale ist seine unkontrollierte Wut. Da Nestroy die Rolle des Knieriem in der Wiener Erstaufführung damals selbst spielte, die dazu noch jahrelang im Theater an der Wien bejubelt wurde, ist die Szene ein Freiheitsakt, den sich der Autor eigenhändig geschaffen hat – als Schauspieler in der Kunst. Nicht nur der Erfolgsmoment des Künstlers Nestroy, den ich mir immer als großgoscherte Rampensau vorstelle, ist Grund für diese exponierte Stellung der Knieriem-Szene. Ich denke immer mehr, dass hier der Mensch Nestroy einen Ausbruch wagen wollte.


Jetzt gibt es einen zweiten Grund, weswegen ich das Brachiale dieser Szene überlesen habe, und der hängt mit einer österreichischen Tradition zusammen, die ich das Schnapsglassymptom nenne. Das österreichische Schnapsglassymptom geht auf Nestroy selbst zurück, der in eben dieser Rolle als Knieriem die Szene von Aufführung zu Aufführung mit Improvisationen erweiterte. Ein sogenanntes Extempore ging vonstatten. Ein Aussteigen aus dem Augenblick. Der Carl Carl, der den Leim gespielt hat, soll dem Nestroy anstatt einem Schaffel Wasser ein Glas Schnaps hingestellt und dazu noch eine Geldmünze auf den Tisch gelegt haben. Nun soll der Nestroy erst überlegt haben, die Münze zu nehmen, die für ein besseres, gesichertes Leben samt Heirat und Job stünde. Dann hätte er aber mit dem Schnapsglas kokettiert, erst den kleinen Finger reingehalten, am Finger geschleckt, dann mit langer Nase am Teufelszeug gerochen, wieder hasardiert, rüber zum Bürgerglück geschielt, die Zungenspitze schließlich doch ins Verderbnis gesteckt, den Schnaps runtergespült, dann schlitzohrig auch noch die Münze mitgehen lassen und sich durchs Fenster vertschüsst. Das muss freilich eine riesen Hetz gewesen sein, und zwar eine derart große Hetz, dass sie sich ins kollektive österreichische Hirn gebrannt hat. Folgerichtig hat auch mein Paul Hörbiger die Fensterszene in der Lumpaziverfilmung von 1936 mit Schnapsglas und Slapstickgestus als Lachnummer verwertet. Und in meiner Reclamausgabe von 1957 ist die Improvisation als Szenenanweisung verschriftlicht. Die heimische Heiterkeit hat es somit geschafft, der radikalen Gewalttat des Knieriem den Stachel zu ziehen und aus dem Lumpazi, der an dieser Stelle zur abgründigen Triebgestalt werden könnte, einen heiteren Gesellen zu machen. Oder anders gesagt: Das nestroysche Extempore ist aus seiner Zeit gefallen, und mit ihm ganz Österreich, raus aus dem Vormärzhabitus, rein in die Biedermeierapathie.


Auch ich litt unter tiefgreifenden Anzeichen des Schnapsglassymptoms, denn ich war ein Jahrzehnt lang der festen Überzeugung, dass keine Lumpaziaufführung ohne die Schnapsglasszene auskäme, ja noch weiter, dass die Schnapsglasszene sinnbildlich der gesamte Lumpazi sei. Als flächendeckende Staatskrankheit verweist das Schnapsglassymptom daher auf eine allgemeine Geschichtsunschärfe, die bis in die banalsten Winkeln des Landes Einzug gehalten hat, also schließlich auch bei mir. Was mich allerdings von dem üblen Zustand befreite, war folgender Abend, der sich kurz nach dem sogenannten Millenium ereignete, also nach der letzten Jahrtausendwende. Es herrschte damals eine allgemeine Verwirrtheit, denn es wurde ein Kometeneinschlag, samt einem globalen Zusammenbruch und also schlicht der Weltuntergang erwartet, der aber dummerweise nicht eintraf. Ich saß daher recht verschont vom Weltgeschehen mit achtzehn Jahren im Zimmer auf meinem Bett, sollte für eine meiner letzten Schularbeiten vor der Reifeprüfung lernen, da spielte sich das Leben Nestroys vor mir ab, auf meinem kleinen Fernseher. Es handelte sich um die Verfilmung einer Novelle von Peter Turrini über Die Verhaftung des Johann Nepomuk Nestroy. Der Film zeigte mir nun einen skeptischen und pessimistischen Menschen. Einen tief von Melancholie und Depression geplagten. Ich hatte die Lacher im Ohr, die seine Texte zwei Jahrhunderte später noch auslösten. Ich blickte von meinem Fenster runter auf die Straße, wo an der Kreuzung vor dem örtlichen Fleischer ein Theaterplakat hing, denn wieder einmal stand ein Nestroy am Programm des hiesigen Dilettantenvereins. Auch diese Lacher, die das Publikum landauf, landab vor den dankbaren Possenspielen ausstieß, versammelten sich nun in meinem Zimmer, unter der Holzdecke, wo auch Wespen sich seit einigen Tagen ein Nest gebaut hatten. Nun wusste ich auch, dass einige Kilometer nördlich, im nächsten Nachbarort, ebenfalls eine Nestroykomödie gespielt wurde, wie auch die Bundesstraße südlich, in der Bezirkshauptstadt. Auch westlich von meinem Zimmer aus, über dem Bergrücken im nachbarlichen Almtal hieß es, wurde ein Nestroy geprobt, und in östlicher Richtung stand gar ein ganzer Nestroysommer bevor. Ich war also von Nestroylachern umzingelt. Alle Komik, die ich dem Schaffer meines Lumpazis verdankte, der für mich dadurch zum Held meiner jugendlichen Theaterbühne geworden war, schlug nun mit einem Mal, in einem schmalen Zimmer, das von Wespen und von mir bewohnt wurde, in grausige Stille um. Da saß nun der Nestroy, in der Wiener Aufführung seines Lumpazis, auf der Bühne im Theater an der Wien, und im Publikumsraum starrte alles gebannt in den Guckkasten und ich mit ihnen in das Fernsehkastel. Auf einem Sessel hing er, der Nestroy, und er war keine lichte Gestalt. Er war ein zerstörter Mensch. Er blickte auf das Schnapsglas. Ich sah, wie die Mäuler der Leute im Publikum sich auftaten. Die Rampensau Nestroy setzte an zur großen Bespaßung. Aber ich selbst war verstummt. Und ich hörte auch kein Lachen mehr. Ich sah nur, wie ein knapp dreißigjähriger Mann, der ausgezehrt war und dabei wie ein Pulverfass zu platzen drohte, das Glas hinunterkippte, sich das Geld, das man ihm als Versprechung eines besseren Lebens hingelegt hatte, grapschte, nach hinten ging, ans Fenster in der Kulissenwand, und hineinstieg. Dahinter aber war keine Freiheit. Dahinter war nur die Hinterbühne. Und der Nestroy, den ich davor im Film kämpfen gesehen hatte, gegen eine rigide Zensurbehörde, gegen einen stumpfen Kunstbetrieb und gegen die Einsicht, als Theatermensch das Theater nie verlassen zu können, nahm seine Rolle vernichtend ernst an. Man hatte ihn bereits in den Kerker gesteckt. Wieder entlassen gafften die Zensoren nun noch genauer auf ihn. So war das Extempore längst zum zwanghaften Korsett verkommen. Und der Mensch Nestroy zum kriminellen Subjekt. Drinnen aber, in dem totbleichen Komödianten, brodelte das Individuum. Versperrt. Beschnitten. Zerrissen. Die ganze Szene verlief für mich wie in einem Stummfilm. Sie war von außen orchestriert von den Wespen, die über meinem Kopf aus der Dachschräge krochen. Sie stießen Geräusche aus, die wenig mit Heiterkeit zu tun hatten. Sie surrten neben dem Fernsehkastel in aggressivem Flug, vorbei an meinen Ohren, und sie trugen Staub mit sich. Auch Holzspäne. Und braune Klumpen von dem Dämmmaterial unter den Dachziegeln. Sie wurden auch immer mehr. In Zeitlupentempo kreisten sie vor dem ohnmächtigen Nestroy, setzten sich auch auf seine Nase auf der Bildschirmröhre, was zu einem elektrischen Knistern führte. Das Knistern ergriff den gesamten Raum und für ein paar Augenblicke stand alles und ich mittendrinnen unter Spannung. Es gab einen Knall. Rauch drang aus dem Fernsehkastel. Funken sprühten. Als hätte jemand die Theatermaschinerie überfordert. Und es war mir, als griffe nun eine Knochenhand an meine Gurgel. Das war er. Mein Lumpazi. Er erschien wie eine Bildstörung. Kreischte mit den Wespen. Und flog auf ihnen aus meinem Fenster in die Nacht hinaus. Dies dauerte etwa drei Reclamseiten lang. Schlagartig war danach alles wieder normal. Die Wespen waren verschwunden. Der Nestroy im Film verbeugte sich. Das Publikum tobte. Der Abspann zog vorüber. Und ich schaute paranoid um mich. Ich hasste diese Wespenviecher. Traute ihnen jederzeit einen heimtückischen Überfall zu, ein Attentat aus dem Nichts, ein blindes Rundumsichstechen. Das hatte ich mir alles schon ausgemalt. Aber in dieser Nacht, mit den gespenstischen Nestroylachern meiner provinziellen Umgebung und mit dem Ausbruch meines Lumpazis aus dem Fernseher meiner Jugend, wurden sie mir zu Freunden. Denn sie hatten dem Nestroy den Stachel zurückgegeben.


Wenn ich nun an Lumpazivagbundus denke, dann höre ich noch immer das Lied vom Leichtsinn. Paul Hörbiger singt es unbeirrt weiter, der Geschichte trotzend, mit seiner Ukulele. Aber ich hüpfe dazu nicht mehr durchs Wohnzimmer. Sondern ich sehe den Großvater im Marschtakt schnarchen, die Großmutter mit dem Löffel vom Malzkaffee eine Operettenheiterkeit klopfen, den Urgroßvater mit den Soldatenstiefeln in sich versunken und dazu noch Wespen, die in Dachgiebelritzen heimliche Nester bauen.

Die Erzählung enstand für das Programmheft zur Inszenierung von Johann Nestroys "Lumpazivagabundus" bei den Salzburger Festspielen 2013.

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