Einige Gedanken zum Schreiben fürs Theater

Liebe Autorinnen und Autoren. Geschätzte Ehrengäste. Verehrtes Publikum... Als Autor wird man gerne gefragt, wann das denn so angefangen hätte, mit dem Schreiben. Als mir diese Frage zum ersten Mal gestellt wurde, von einem Journalisten einer Wiener Wochenzeitung, konnte ich sie nicht auf die Schnelle beantworten. Weil ich aber damals noch dachte, auf jede Frage eine Antwort haben zu müssen, besonders als junger Autor, der an sich den Anspruch stellte, vor der Wiener Wochenzeitung etwas Gescheites sagen zu wollen, habe ich gelogen. Ich habe gesagt, ich hätte immer schon geschrieben. Der Journalist der Wiener Wochenzeitung konnte nun entweder denken, ich sei einer jener Autoren, die meinen, es gäbe kein Leben ohne das Schreiben, oder aber das Schreiben sei tatsächlich im Krankenhaus Kirchdorf an der Krems mit mir an einem Sonntag um Eins bei Sonnenschein auf die Welt gekommen. Beide Sichtweisen decken sich wenig mit der Wirklichkeit. Bevor nämlich die Frage nach dem Anfang des eigenen Schreibens gestellt werden kann, sollte man wissen, wovon man spricht, wenn man vom Schreiben spricht. Womöglich meint nämlich der Redakteur der Wiener Wochenzeitung etwas völlig anderes damit, als man selbst meint, wenn man schreibt, oder als nahe Freunde und Familie meinen, wenn sie das Geschriebene lesen, oder als das interessierte Publikum hier im Saal darüber denkt, das schließlich doch das eigentliche Buch in der Hand hält, oder die eigentliche Aufführung sieht.

Es gibt viele Momente des Schreibens. Und es gibt viele Meinungen darüber, was ein Schreiben zu etwas Besonderem macht, zu etwas Eigenständigem und zu etwas, von dem man sagt, das hätte eine Autorin oder ein Autor geschrieben. Diese Meinungen decken sich dabei nicht immer mit dem eigenen Erleben und noch weniger mit dem, was vielleicht die Wahrheit ist. Wer zum Beispiel meine Mutter fragt, wann das mit dem Schreiben bei mir begonnen hätte, der wird die felsenfest überzeugte Antwort bekommen, dass ich mit neun Jahren bereits mein erstes Theaterstück verfasst hätte – ein Kasperltheater mit dem Titel „Der Mann im Mond“. Diese Antwort hat sie nicht von mir, sondern aus der Zeitung, genauer gesagt vom Redakteur der lokalen Dorfzeitung, der in unsere Volksschule kam, um über unser Schultheaterprojekt zu berichten, und dem mein Volksschullehrer vorlog, ich hätte den ihm vorliegenden Text eigenhändig verfasst, ihm einen Titel gegeben und meinen Namen daruntergesetzt. Daher also sei ich der Autor des Werks. Ich selbst kann mich aber gar nicht erinnern, dies tatsächlich getan zu haben. Ich habe lediglich einen Aufsatz geschrieben, der keine zwei Quart-Heftseiten lang war und der nur in ein paar Sätzen jene Handlung erzählte, die der Lehrer dann eigentlich zu meinem ersten Theaterstück machte.

 

Ich habe aufgegeben, meine Mutter von der eigentlichen Wahrheit über diesen Vorfall zu überzeugen, denn dazu scheint ihre Erinnerung zu hartnäckig an einer schönen Anekdote festhalten zu wollen. Ich selbst sehe mich aber keineswegs als Autor, wenn ich über das Schreiben in meiner Kindheit und Jugend rede. Für mich hat mein Schreiben erst viel später begonnen: nämlich im Herbst 2008. In einer österreichweiten Tageszeitung war damals das Wort „Autor“ in der Überschrift vor meinem Namen zu lesen. Ich hatte davor nie bewusst darüber nachgedacht, was denn eine Autorin zu einer Autorin mache, oder einen Autor zu einem Autor. Ich hatte aber sehr wohl bemerkt, dass ich bis dahin diese Bezeichnung zu meiden versuchte. Ich habe etwa zu Freundinnen und Freunden gesagt, die sehr wohl wussten, dass ich Theaterstücke verfasse und einen Verlag habe, dass ich im Grunde nur Student sei und nebenbei etwas schreibe. Auch zu Kolleginnen und Kollegen am Theater sagte ich, wenn ich mich vorstellte und erklärte, was mich in diesen Arbeitsbereich verschlagen habe, dass ich Stücke schreibe und also ein Schreiber sei. Ich definierte mich lange Zeit nicht wirklich als Autor. Das hat sich mit dem Lesen meines Namens samt der Bezeichnung in der Schlagzeile der österreichweiten Tageszeitung geändert – weniger aufgrund dessen, dass es nun in der Zeitung stand, sondern weil ich mich erstmals wirklich fragen musste, ob ich das tatsächlich sei, von dem da die Rede war. Und was es für mich genau sei, was da stand. Was es für mich heißen solle, dieses dort benannte Autorsein. Oder anders gefragt: Was ist der Unterschied zwischen jenem Schreiben, von dem man denkt, dass man es immer schon gemacht hat, weil man doch weiß, dass man immer gerne irgendwie geschrieben hat, und jenem, das in Zeitungen besprochen, in Zeitschriften abgedruckt, in Büchern publizierst oder auf Bühnen aufgeführt wird?

 

Ich stelle diese Frage heute zu Beginn der Bozner Autorentagen, weil ich hoffe, sie hilft einem weiter. Ich hoffe, sie hilft jungen Autorinnen und Autoren, die genau diese Situation kennen oder einmal in diese Situation kommen werden oder zumindest in diese Situation kommen wollen. Man wird gefragt werden, was das Schreiben für einen selbst bedeute, und wird damit zugleich gefragt, was es denn nach außen hin bedeuten solle. Und es wird jeder andere Antworten darauf zu finden versuchen. Und ich bin davon überzeugt, dass erst das Fragen nach der Bedeutung der eigenen Autorenschaft der Moment ist, in dem das eigene Schreiben insofern einsetzt, als dass es einem erst hier bewusst wird. Das Bewusstsein darüber, dass man nicht für sich schreibt, wenn man fürs Theater schreibt; dass man nicht für sich schreibt, wenn man für den Buchmarkt schreibt, sondern immer auch nach außen und für ein Außen; dieses Bewusstsein ermöglicht es erst, zu einer eigenen Stimme zu finden, und zu einer eigenen Handschrift.

 

Was hat es also auf sich, mit diesem Wort: Autorenschaft. Für mich bedeutet Autorenschaft, Distanz einnehmen zu können, gegenüber der Welt und gegenüber sich selbst. Autorin zu sein, Autor zu sein heißt für mich, Stellung zu beziehen, eine Position einzunehmen, eine Sprache zu vertreten, eine Aussage zu bezeugen. Diese bewusste Zeugenschaft gegenüber dem, was man tut, ist leicht hingesagt: „Ja, das habe ich geschrieben!“, ist aber gar nicht so leicht getan: „Ja, ich stehe dazu!“ Gerade an so einem Ort wie hier, gerade am Theater kommt man schnell in Situationen, in denen die eigenen Texte befragt werden – von aufmerksamen Schauspielerinnen und Schauspielern, von geübten Regisseurinnen und Regisseuren, von belesenen Dramaturginnen und Dramaturgen, und schließlich von einem neugierigen und kritischen Publikum. Das Theater fordert auf sehr direkte und unverschämt plötzliche Weise dazu auf, sich selbst zu veröffentlichen. Das passiert ganz einfach, in dem etwas am Theater passiert. Theater ist ein Ort der Sprache, ein Ort der gesellschaftlichen Auseinandersetzung durch Sprache, und damit immer auch Öffentlichkeit. Autorin und Autor zu sein, verlangt einem also etwas ab: den Mut zur Öffentlichkeit.

 

Wenn Theater und Literatur ein öffentliches Anliegen sein sollen, braucht es auch ein öffentliches Anliegen der Texte, die aufgeführt und gedruckt werden. Es braucht ein öffentliches Anliegen der Verfasserinnen und Verfasser dieser Texte. Es braucht also eine bestimmte Haltung im Schreiben. Natürlich gibt es keine Verpflichtung dazu. Es gibt sehr wohl die Möglichkeit zu sagen: Darüber denke ich nicht nach. Ich lasse es einfach aus mir heraus. Ich tue, was ich tue. Es ist damit auch gar nicht gesagt, ob etwas gut oder weniger gut funktioniert, ob etwas gelingt oder nicht. Ich habe nur die Erfahrung gemacht, dass ich mich ohne Anliegen schnell belanglos fühle und dass es mir hilft, mein Anliegen immer neu zu überprüfen. Wer bin ich und was tue ich hier? Was ist es denn, was ich erzählen möchte? Was ist es, was ich erzählen kann? Und ist das, was ich erzählen kann, auch immer das, was ich erzählen will, oder das, von dem ich eigentlich finde, das es erzählt werden sollte? Diese Fragen sind die tägliche Arbeit von Autorinnen und Autoren. Und jetzt kommt ein Satz, den ich meist selbst am wenigsten hören will, der aber oft und zurecht von Verlagen, Theaterhäusern sowie Kritikerinnen und Kritikern eingefordert wird: Nur wer weiß, was er eigentlich will, kann auch etwas erzählen. Es ist für mich das Schwierigste an der Autorenschaft, diese Klarheit im Schreiben zu erhalten. Und dieses schwere Unterfangen nimmt einem auch keiner ab. Es ist ganz allein mein Ding, dass ich damit zurechtkomme. Autorenschaft heißt am Ende vielleicht also auch so etwas wie Rechenschaft über sein Schreiben abzulegen. Und wenn ich ehrlich bin: als Publikum würde ich mir genau das erwarten wollen, von einem gelungenen Stück oder einem guten Buch oder einem intelligenten Lyrikband. Ich würde mich dann besonders interessieren, mich besonders amüsieren, unterhalten oder auch besonders angesprochen und aufgefordert fühlen, wenn es um Aussagen, Gedanken, Erzählungen, Geschichten und Momente ginge, die nicht einfach irgendwie immer schon da waren und einfach so passiert sind, sondern die eine augenblickliche Notwendigkeit haben.

 

Das war jetzt nicht nur eine Frage, die ich in den Raum hier gestellt habe. Und das Schlimme ist ja, dass die Fragen immer noch mehr werden, je länger man schreibt. Oder vielleicht ist gerade das das Schöne am Schreiben. Ich habe diese Fragen heute jedenfalls aufgeworfen, weil ich ihnen selbst permanent begegne und weil ich überzeugt bin, dass man ihnen zwangsweise auf die eine oder andere Art als junge Autorin und junger Autor begegnen wird. Wenn diese Fragen also daherkommen, dann sei gesagt: Nicht ausweichen, nicht flüchten, sondern ausprobieren. Und deswegen sind wir heute hier. Autorenschaft fällt nicht vom Himmel. Autorenschaft darf man sich aneignen und erproben. Genau das wird in den nächsten beiden Tagen hier passieren: Eine Annäherung an neue, noch unveröffentlichte Texte aus den Bereichen Lyrik, Dramatik und Prosa. Diese Texte sind noch im Entstehen. Diese Texte tragen den Prozess des Unfertigen noch bewusst in sich. Und diese Texte liefern uns vielleicht gerade deshalb eine Vorstellung von dem, was junge Autorinnen und Autoren heute in Südtirol umtreibt. Dabei ist es eine großartige Möglichkeit Orte wie diesen zu haben. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Theater Räume und Ressourcen für die Entwicklung neuer Texte bereitstellen. Es ist auch keine Selbstverständlichkeit, dass ein Publikum hierfür gewonnen werden kann. Es ist ein wichtiges und schönes Zeichen dieser Stadt und dieser Region, gerade abseits der großen Literatur- und Theaterzentren, nach neuen Stimmen und Handschriften zu suchen, und damit auch nach den Stimmen und Handschriften einer Region. Ich komme selbst aus einem ländlichen Gebiet und bin in einer Sprache aufgewachsen, von der ich dachte, dass sie mir hinderlich sein würde, wenn ich damit öffentlich etwas erzählen möchte. Es ist aber eine der wertvollsten und wichtigsten Erfahrungen zu sehen, dass man dort am stärksten ist, wo man am meisten bei sich ist. Wo das ist, das gilt es herauszufinden.

 

Damit komme ich ans Ende meiner Eröffnungsworte. Als Autor, der alles andere als die passenden Antworten auf alle möglichen Fragen hätte, habe ich versucht, das zu benennen, was mir selbst in meinem Schreiben notwendig erscheint und auch weiterhilft. Ich hoffe, ich konnte damit dem interessierten Publikum einen Einblick geben, in das, was es heißt, heute fürs Theater und für die Literatur zu schreiben. Ich hoffe, ich konnte Ihnen auch Lust darauf machen, den nun folgenden Lesungen neugierig und kritisch zu folgen. Ich hoffe nicht zuletzt die anwesenden Autorinnen und Autoren zum Mut aufgefordert zu haben, eigene Unsicherheiten und Zweifel zuzulassen und daraus für sich selbst ein eigenes Verständnis von dem zu entwickeln, wer man ist, was man schreibt und was man von der Literatur und vom Theater für sich erwartet. Ausgangspunkt dieser Überlegung war die einfache Frage des Journalisten der Wiener Wochenzeitung: Wann hat das eigentlich bei Ihnen begonnen, mit dem Schreiben. Wenn Sie mich heute fragen, würde ich darauf antworten: Das Schreiben ist etwas, das mir irgendwie irgendwann passiert ist. An einem Punkt in meinem Leben habe ich mich aber dazu entschieden, aus dem irgendwie irgendwann Passierten etwas ganz Bestimmtes zu machen.

Die Rede entstand für die Eröffnung der Bozner Autorentage am 10. April 2015.

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