Stellt Blumen in die Fenster

Ist verwelkt, der Strauß, und mit ihm die Schönheit. Hatt ich besorgt die Schönheit, für meine Frau, das war vor sieben Tagen. Wollt los und ihr, weil sie's so gern hat, wenn was strahlt, daheim, und blüht, dann diesen Strauß vom Markt am Tisch im Wohnzimmer platzieren, für uns daheim. Bin rauf, die Treppen, grad noch auch das Brot vom Markt und frische Kipferl mit Rosinen, das war der Samstag, 5. September. Hatt etwa 30 Euro noch bei mir, für die Besorgung, die waren weg, ein guter Einkauf kostet, weiß ich doch, der kostet, und auch der Strauß, die Schönheit, so war die Tür dann offen, hallo, Schatz, es kocht schon der Kaffee, sagt sie. Und dann haben wir gepackt. Sie hat gesagt, es reicht Kaffee, lass stehen, die Nachrichten sind gelaufen, lass stehen, ich schau sie an, sie sagt, lass stehen, es kommen heut Hundert. Vielleicht sind es Tausend. Wir wissen, und sagen's nicht laut, es sind Millionen. Ich hab ihre Hand gespürt, eine Hand für die Hundert, die Tausend, wir fühlen es still, es sind Millionen.

Am Bahnsteig vom Westbahnhof, ich halt sie ganz fest, ein Gefühl, ich könnt sie verlieren, bin eingestellt auf den Sturm. Ein Ansturm, die Nachrichten sind gelaufen, die Züge sind voll, die Busse sind voll, die Ohren sind voll, und die Säcke, die Taschen, Einkaufswagen mit Brot, nicht Kipferl hier mit Rosinen, das Einfachste halt, und um 30 Euro, da ist sich sehr viel mehr ausgegangen, als erwartet, wenn wir nur wollen. Ich hör diese Sätze, wenn wir nur wollen. Ich seh diese Sätze und fühl das dann auch, als sie aussteigen, sie, wer sind sie? Sind es die Hundert? Sind es die Tausend? Die Nachrichten, noch immer sind sie um uns, wir halten uns nicht mehr, denn wir verteilen die Äpfel, das Wasser und Schokolade, zwei Mädchen freuen sich. Ihre Mutter weiß erst nicht, ob sie's nehmen soll, oder nicht. Die Bereitschaft zu helfen ist ein ebenso großer Ansturm, wie die Bedürftigkeit nach Hilfe. Könnt ich denn anderes tun, als hier jetzt zu weinen, zu klatschen, zu handeln, es reißt mit, diese Hilfe, und ich hab das Gefühl, ich versteh das Alles noch gar nicht.

 

Wir stehen in der U-Bahn, die Hände nach unten, bei uns, die Rucksäcke leer, der Ansturm vorbei, für uns, weil wir fahren zurück in die Wohnung, wir wissen und sagen es jetzt unter uns, es sind Millionen, und die Wohnungstür fällt. Ich setz mich, ich würde die Grenzen ganz öffnen. Und ich weiß, der Satz, er ist eine Lüge. Welche Grenzen kann ich denn öffnen? Den gesamten Kontinent? Das Land, in dem ich wohn? Oder doch nur mein Fenster zur Straße raus, es fahren die Autos, Menschen am Weg, zur Arbeit, zu Freunden, zu den Familien, alles hier doch ein gewohntes Bild, und die Nachrichten laufen. Ich fürchte die Überfremdung, wer hat ihn gesagt, diesen Satz, ich möchte ihn abtun, er kommt dennoch wieder. Ich stell den Strauß endlich in seine Vase, geb neues Wasser, die Schönheit, daheim. Würd gern, das sie bleibt.

 

Und doch, ich fürchte das Fremde, und halte dabei ein kleines Kind, es ist noch kein Jahr. Es ist der Tag danach und unsere Freunde, unsere Familien, nun haben sie Kinder, wir selbst jetzt noch nicht, willst du Kinder? Klar will ich Kinder? Und in welcher Welt? So planst du, das kostet, das weiß ich, so planst du dein Leben, ich kann es mir leisten. Auch der Plan, er hat seinen Preis. Ich leiste mir Freiheit. Ich leiste mir Arbeit. Ich leiste mir Lebensversicherung und die Liebe. Was müsst passieren, hier, bei mir, dass ich ihn aufgeb, den Lebensplan Zukunft, und dass ich dann auch vielleicht flüchten müsst, ein Fluchtplan statt Zukunft, ein Leben wie die. Dann kommen die Fragen, am Tag danach dann, die Fragen: Wie war's denn, bei denen, wir war's denn, am Westbahnhof, ich frag mich das selbst. Ist es der Anblick gewesen, den man erwartet? Wie sehen sie aus? Wie ist ihre Lage? Und insgesamt auch, wie ist denn die Lage? Es ist doch ein Ansturm. Es ist doch, ein Schwall, eine Welle, ein Strom, ein Sog, eine Hoffnung, die Lüge, wer hat sie denn denen erzählt, diese Lüge, wir haben doch selbst auch genug unsre Sorgen, ich denk, ja, das stimmt. Und wir trinken Kaffee. In mir die Unruhe, was kann ich sagen? Ja, sie alle haben auch Smartphones und ich weiß nicht, wie würdest du aussehen, nach einer Flucht? Ich weiß doch gar nicht, was ist eine Flucht? Ich flüchte vor Antworten. Vor Konsequenzen. Wir sollten die Grenzen verschließen, für unsere Zukunft, die eigene. Ist doch so, nicht? Die eigene Zukunft, geht die nicht vor? Es laufen wieder die Nachrichten, die eigenen. Und ich halte das kleine Kind, noch kein Jahr. Wird es den Krieg hier erleben? Dieses Wort kommt nun öfter, der Krieg, er war weg, der Krieg, sehr weit weg, und dann vielleicht in den Bildern, die Toten im Meer, die Toten im Kampf, die Toten unter Trümmern, jetzt aber auch, die Toten im Laster, und das war ganz nah, nah jetzt bei uns. Wie sieht er nun aus, dieser Krieg? Ist er so stark, dass wir tatsächlich müssen? Ist's unsere Schuld, dieser Krieg? Der ist doch auch wieder nur inszeniert, sind denn alle bedürftig? Sind denn alle auf Flucht? Müssen denn alle, ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich weiß, was kann ich denn wissen, ich weiß viel zu wenig. Die Flipflops tragen sie, weil ihre Füße zu geschwollen sind für die Schuhe, nicht weil sie grad aus dem Urlaub, oder, ja, keine Ahnung, ich weiß es ja auch nicht. Ich würd mir verloren vorkommen ohne mein Smartphone. Es ist die Verortung meines Lebens auf einer Welt, die grad Angst macht. Wenigstens wissen, wo ich bin. Es ist ihre Waffe. Es ist auch ihr Schutz. Steigen in Schiffe, in Züge, in Busse, sie fahren woanders, als sie gesagt, als sie sich drauf geschrieben auch haben, sie ist eine Lüge, die Verortung in Europa. Wem kannst du vertrauen? Ich höre die Angst aus den Stimmen von ihnen, den Hunderten, Tausenden, ich sag es jetzt lauter, es sind Millionen.

 

Gestern bin ich dann auch in den Zug, ich musste nach Linz, zur Arbeit, zu Freunden, zur Familie, ich war mit am Weg. Und doch ist's nicht ihrer. Ich reise in Freiheit. Haben sie alle das Recht auf die Freiheit? Ich würd's gern so aussprechen wollen, ja, das wär die Welt. Die freie. Könntest du das unterschreiben? Der Zug ist ganz voll, die Gesichter ganz müd, die Körper, sie sind doch voll Schweiß. Ich riech hier den Schweiß, wenn auch der Anblick ein anderer, tragen auch gute Kleidung, tragen auch hier ein Lachen, und reden ganz laut, sagt man denen nicht, hier wir doch nicht laut geredet, das Reden nur kurz. Dann fährt der Zug und die Müdigkeit nur, bald werden sie schlafen. Ein Mann fragt mich zweimal, ganz fest, is this the way? To Germany? To Germany? Is this the way? Ich sage, yes. Are you shure? Ich sage, yes. Er klopft auf die Schulter. Setzt sich auf den Platz. Alles ist ruhig, bedächtig, und sorgsam wurden die Plätze gefüllt, von den Helfern. Seit Tagen wird noch immer geholfen. Es sind Menschen, die tun grad ihr Bestes. Und wir wissen nicht, ob es reicht. Und wir wissen nicht, ob wir's bereuen. Und wir wissen nicht, ob wir ausgenutzt werden. Und wir wissen nicht, wen die Welt, in der wir leben, schon alles sonst so in der Welt bereits ausgenutzt hat. Beschämt ist der Blick, dann offen und freundlich. Dann neugierig, es fragen die Menschen im Zug, where are you from? What's your name? What have you done, in Syria? Can you translate the meaning of Weltverbesserung. Weltverbundenheit. Weltbewusstsein. Ich schau auf mein Smartphone, meine Frau schreibt aus Hamburg, sie ist dort, wegen der Arbeit, ist es die bessere Arbeit, die uns immer mehr reisen lässt? In andere Länder, von denen wir erhoffen. Wir hoffen. Die Hoffnung verschlägt uns herum, weil irgendwo ist sie verloren gegangen, und irgendwo muss sie doch auftauchen, wär's sonst die Hoffnung? Und ich les die Nachricht am Smartphone, mein Schatz. Auch hier, in Hamburg, die Züge sind voll, eine Bewegung durch den ganzen Kontinent. Und bitte, vergiss nicht die Blumen.

 

Steig aus dann, in Linz, besuche die Familie, mein Vater, er arbeitet, meine Schwester, sie arbeitet, wir haben uns lang nicht gesehen. Möcht erzählen von Unruhe, die aufbricht, und Ohnmacht, die manchmal frustriert, und den Sätzen, die man sagen sollte, den Sätzen, die man verschweigt, hab die ganze Woche keinen Satz schreiben können und mich verkühlt, würd mich verausgaben wollen, fürs Gute, aber, was ist das Gute? Und bin ich schon längst denn verausgabt, irgendwie bin ich recht müde und würd gern einfach ins Bett, ist's das Wetter? Die Kälte? Der Ansturm? Wir waren euphorisch am Samstag, und nüchtern sitze ich heute. Und wir freuen uns endlich über Kleines, möcht plötzlich vergessen, die Gedanken nach Außen, wir reden über alles, nur nicht über das. Es tut gut. Darf ich die Probleme der Welt zu vergessen wünschen?

 

Und Nachrichten laufen noch immer, mein Smartphone erzählt von wieder geöffneten, wieder geschlossenen Grenzen, ich sitze wieder im Zug, nach Haus. Denke an meine Frau, sie ist unterwegs. Schreibe, ich bin unterwegs. Und ich freu mich, daheim dann mal anzukommen, zu duschen, die Gedanken mir abzuwaschen, die Verwirrung der Tage, dann seh ich, daheim, am Esstisch, den Strauß. Ist verwelkt, der Strauß, und mit ihm die Schönheit. Und war klar, das Verwelken, ist das Wissen, das wir haben, vom Verwelken, vom Dahingehen, und vom Absterben auch, und ich besorg sie dann doch, die Hoffnung im Strauß, für die paar Tage, in denen es den Anschein hat, sie wär eine Blütenlandschaft. Meine Heimat.

 

Öffnet die Grenzen, hör ich mich sagen, und verbarrikadiert euch, hör ich mich sagen, und Angst hab ich vor den Kriegen, hör ich mich sagen, und Lügen erfordern die Wahrheit, hör ich mich sagen, und Wut ist kein Argument, aber sie ist nun mal da, hör ich mich sagen, und stellt Blumen in die Fenster. Wenn sie auch verblühen. Stellt Blumen in die Fenster. Solang, bis wir endlich nüchtern darüber reden können. Nicht in Angst. Und nicht in Euphorie. Stellt Blumen in die Fenster. Wir brauchen neue Gedanken in neuen möglichen Sätzen. Stellt Blumen in die Fenster. Wir brauchen dafür den Mut, auch andere Gedanken mal abzureißen und mit ihnen die Worte vom Vorurteil, dem rechten, wie dem linken, stellt Blumen in die Fenster. Wir stehen uns selbst im Weg. Ich versuch, neugierig zu bleiben. Auf das, was kommt. Ich habe die Hoffnung. Stellt Blumen in die Fenster.

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