Und immer noch

Frei ist's, das Land. Und immer noch Krieg. Steh hier, in der Freiheit, im Land voll der Freiheit, und immer noch, da, wenn ich rausschau, der Krieg. Steh hier, auf dem Boden, der selbst einmal Krieg, der selbst einmal Unheil und Furcht und auch Angst und ein Schutthaufen war. In den Bomben der Boden zertrümmert und heut steh ich hier. Steh hier und schau da, diese Stadt, in der Menschen die Wege heut gehn, voll der Freiheit, die Straßen, voll Freiheit, die Häuser, in Trümmern gewesen, da ist einmal, schön, dass es ist, die Freiheit ins Haus eingezogen. Wer war diese Freiheit? Ein Satz.

Frei ist's, das Land, sagt der Mann am Balkon und wir hören den Jubel, wir hören die Freude, wir hören Geschichte, ein Satz voll Geschichte, so ist's. Die Freiheit, gekommen, durch Sprechen in Freiheit. Die Sprach macht die Freiheit erkenntlich, das Tun macht sie wirklich. Wär nie von der Freiheit gesprochen, wer weiß, wär sie hier? Wär nie in der Freiheit gehandelt, wer weiß, wär sie lange schon weg? Drum nur, durch Sätze, gesagt vor Gesetzen von Innen und gegen Besatzung von Außen, drum ist's, bin ich frei. Heut in der Stadt, die den Jubel noch hört, und die Freude, die ganze Geschichte, hör hin. Steh da und hör hin, es ist wieder Mai, und Menschen gehen zur Arbeit. In Freiheit. Und will's hören, die Freiheit, doch das, was ich hör, ist ein Mann. Nicht der Mann vom Balkon, der Mann, der da stand, dieser Mann da, der liegt. Liegt da, knapp vor mir, und ich steh auf dem Bahnsteig, im Warten am Bahnsteig und jetzt seh ich's, der Mann vor der Rolltreppe liegt in dem Dreck meines Bahnsteigs und ohne die Sprach, und ohne ein Wort, nur er selbst und sein Atem. Er atmet recht schwer in dem Liegen, der Mann auf dem Bahnsteig, sein Atem aus Not, ich weiß nicht, aus Armut, ich weiß nicht, aus Flucht? Sein Atem ist Flucht und ist mehr noch, ist Unheil und Furcht und ist Einbruch der Nacht, Maschinengewehr und Bomben, vielleicht auch, ein Trümmerfeld atmet der Mann aus sich raus, atmet's heraus, was er gestern verlassen. Sein Atem ist Krieg.

 

Hör hin und hör Krieg, am Tag von der Freiheit. Im Jetzt, auf dem Bahnsteig voll Menschen, die alle in Freiheit gewachsen, und für viele, die meisten hier, war das doch alles schon immer auch hier. Wir wissen es kaum, was der Krieg hier bedeutet. Bin selbst hier gewachsen, in Freiheit, bin groß auch geworden und womöglich voll Glück, womöglich voll Liebe, und sicher ganz ohne die Grenzen von gestern, und sicher auch mehr mit dem Geld, das es möglich auch macht, hier zu sprechen, in Freiheit. Ist doch nie zu vergessen, das Geld, das die Welt finanziert und vielleicht auch die Freiheit. Die Freiheit, die meine, so kommt's mir, was ist, wenn, was ist, ist die Freiheit mein Geld? Weil die kostet, die Freiheit, die hat ihren Preis. Die Kosten der Freiheit sind schwer zu berechnen. Ich seh nur, dass Gelder sich türmen zu Wänden, sich türmen zu Mauern, sich auftürmen, hoch, und das schafft wieder Grenzen. Auch wenn Grenzen sich öffnen, so scheint's, sind sie immer noch da. Und immer noch wichtig. Und manchmal auch wieder vergrößert, verschlimmert und laut wird vom Schutz von den Grenzen gesprochen, warum? Man fürchtet den Krieg. Und der Krieg am Rande der Welt, die ich kenn, er ist da. Das sagt mir der Mann in dem Dreck meines Bahnsteigs. Er liegt, dieser Mann, und wer weiß, hat er selbst in dem Krieg seiner Welt, die ich hier nicht kenn, meinen Preis für die Freiheit gezahlt. Für mein friedliches Leben im Wohlstand, herrscht irgendwo Krieg. Das ist einfach, der Satz, das ist schlimm und banal, und das kannst jetzt nicht denken, und schon gar nicht erst sagen und viel zu kurz ist der Satz, viel zu kurz für die Schwere der Wort, doch ich sag's. Und in dem, dass ich's sag, ist der Krieg auch der meine. Und ich schau in das Aug. Sein Aug von dem Mann, es ist fast verschlossen, ich denk, soll ich hin, ich denk, soll ich heute was sagen, ich denk, soll ich einfach ein wenig das Geld aus der Tasche, meinen Preis heut begleichen, ein wenig vielleicht den Frieden verteilen, aber dann ist's ein Stoppen.

 

Ein Stoppen im Handeln, das mich manchmal erwischt. Dann ertapp ich mich, hör ich mich innerlich sagen, wie jetzt, bin nicht schuld. Ist zwar Schuld, keine Frage, ist Schuld, nicht die meine. Was kann ich für Kriege woanders, nicht meine. Mein Krieg ist vergangen, so hör ich mich reden, und ich stock, doch tut gut. Dieses Reden, ich kann nicht für alles, und überhaupt, was ist die Welt gegen mich, das tut gut. Für einen Moment bin ich wieder im Recht. Und ein Satz macht die Wahrheit. Und auch wenn Worte verlogen. Und die Straßenbahn kommt. Ich steig ein, schau da raus, an dem Tag von der Freiheit, durchs Fenster, wo er immer noch liegt, der Krieg in dem Mann. Und vergessen die Spuren von Grausamkeit, Bitterkeit, Unrecht am Boden, auf dem ich heut steh, ein Vergessen. Mein Boden soll endlich befreit sein vom Grauen, genau weil ich's weiß. Ich weiß doch, und das ist die Traurigkeit heut in der Stille, ich weiß, dass der Boden auch manchmal noch blutet. Und wenn Ehrlichkeit einzieht ins Sprechen, dann ist's doch das selbe, das Blut von dem Boden hier, das Blut von den Kriegen dort. Mein Boden der Freiheit, mein Boden des Friedens auch der Boden des Kriegs. Hängt am End doch zusammen. Und so kommt's mir, im Jetzt, am Tag von der, schön, dass sie da ist, schön, dass sie immer schon da und für mich schon so fast selbstverständlich mich trägt, diese Freiheit, im Wissen um Menschen, die darum gekämpft, so schön und wichtig und laut will ich jubeln, und doch, ja, ich denk. Denk tief in der Stille die Trauer der Welt. Und ich möcht nun hinaus, möcht zurück, zu dem Mann auf dem Bahnsteig, der da immer noch liegt, der da immer noch atmet, den Krieg hinter sich, könnt erzählen, vielleicht von dem Krieg, könnt mir sagen, was ist's, dieser Krieg, was ist's wirklich, da fährt sie schon weg. Die Straßenbahn Zukunft. Fährt ein, in den Tunnel und hinein in die Stadt voll der Freiheit von Morgen. Und ich steh nur im Atem. Es ist der meine. Und vorbei zieht die Stadt mit den Häusern und auch mit Balkonen, da stehen die Menschen, sie feiern, sie jubeln, sind glücklich, und ich seh's, ist doch gut, dieses Glück. Ist doch gut, die glückliche Freiheit hier, gut und auch schön, weil am End nun, am End kann ich sprechen, aufgrund meiner Freiheit. Drum ist's heut mein Auftrag, die Freiheit. Ein Auftrag zur Sprache.

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