Die beunruhigte Liebe

Unruhe zieht ins Land. Das spürst im Boden, wenn von Erdbeben in der Nachbarschaft berichtet wird. Das spürst am Sofa bei den Abendnachrichten, wenn Bilder näher rücken, als dir lieb ist. Das spürst im Blick aufs Konto, denn dein Überziehungsrahmen ist lang überzogen, wie vielleicht auch deine persönliche Belastbarkeitsgrenze, die Mindeststudiendauer, der Anspruch aufs Arbeitslosengeld, die gesellschaftliche Zumutbarkeit von Zivilcourage und Selbstaufopferung, das Flüchtlingskontingent, das Reden vom Flüchtlingskontingent, die Aufmerksamkeit diesem Reden gegenüber und deine Bereitschaft, die allgemeine Dummheit der Welt nicht mehr so hinnehmen zu wollen sowieso. Alles überzogen, ausgeweitet, eingerissen, untragbar geworden. Sich also vergewissernd, ob denn wenigstens dein Körper noch dein Körper sei, fährst dir vorm Spiegel beim Zähneputzen über die Haut, über dein Gesicht, und du siehst es ganz deutlich: Beunruhigendes geht vor.

So liegst dann im Bett, wachgehalten von der Vermutung, die Beunruhigung der Welt habe wohl mit dir selbst zu tun, mit einem Scheitern, das sich eingeschlichen hätt, mit einer Schwäche, die du dir jetzt nicht erlauben solltest: grad, wenn die Welt am Zerbröseln, darfst nicht auch du! Du redest dir, anstatt Schafe zu zählen, Floskeln des Durchhaltens ein: Wir schaffen das, wir schaffen das! Aber die Überprüfung von deinem eigenen Sollen und dem eigenen Haben ist vernichtend frustrierend: Was hätt ich nicht schon alles tun wollen, sollen, können, müssen? Dein Wünschen ist nichts gegen die Wirklichkeit. Du drehst dich auf den Bauch, im Bett, und im Magen zwickt's. Gern hättest alles schon verdaut, an Katastrophenmeldungen, Gewinnerwartungsernüchterungen und auch das Stück Fleisch vom Abendessen, nur für's Verdauen bräucht's jetzt ein Gegenüber, mit dem sich reden lässt. So blickst dich um, ins Gegenüber, sagst Lebensmensch, Anvertrauter, größte Liebe, und sie liegt neben dir, deine Liebe, und doch jetzt, ganz plötzlich, weit weg. Ohne es gewollt zu haben. Ist denn die Unruh jetzt schon drin in der Beziehung?

 

Da war doch mal eine Beziehung. Da war ein Halt, der, wenn auch überall die Krise ausgerufen worden ist, dich aufgefangen hat, geerdet, sagst du gern: bringst mich herunter. Als würd die Liebe einen Boden schaffen. Ein Daheim. Jetzt trittst du leise aufs Parkett im Schlafzimmer, willst es nicht wecken, das Daheim, kommt dir heut so fremd vor. Gehst hinaus.

 

Draußen im Gang, die Füße tappen im Finstern, der Atem irgendwie japsend, es fehlt eine Luft, und du suchst mit den Händen den Schalter, dass hier endlich ein Licht. Im Dunkel tastest die Wand entlang, die Angst hinter dir, wo ist's denn, das Licht? Es ist, scheiße, die Birne ist durchgebrannt, die Spannung war zu hoch und zum Wechseln hattest noch keine Zeit. Sinkst zu Boden, weil nicht mal das, und du gräbst in dir rum, woher diese Angst? Wär doch eigentlich gut, sagst dir leis, wär gut hier und hast alles, so wie du's dir immer, ok, nicht perfekt, aber gut. Und. In Ordnung. Was kann da das bisschen an Unruh im Fernseher und draußen am Kontinent dein eigenes Ordnungsgefüge so leicht dir erschüttern? Verschwind, schreist du plötzlich. Verschwind, du, du Angst. Trittst herum, schreist laut aus, und du schlägst auf den Boden, gegen Wände, die eigenen, und gegen dich selbst. Da kommt aus dem Schlafzimmer, in Sorge, dein Lebensmensch, Anvertrauter, sagst größte Liebe, und sie fragt, was ist los? Und du schlägst auf die Liebe.

 

Starr stehst im Schreck. Und die Liebe, die größte, nur voll von den Fragen: Was schlägst mich? Was ist denn? Woher jetzt? Was schreist denn da rum? Du versuchst dich zu fangen, versuchst das, was heraußen aus dir, nun mit Worten zu sammeln, einen Sinn dem zu geben, was sinnlos erscheint. Und dann sagst: War doch Lüge. War doch immer nur Lüge. Was, fragt die Liebe, die größte, was meinst? Was war denn hier Lüge? Jetzt red doch mal Klartext, oder komm mal herunter, cool down und trink einen Kaffee, einen Schnaps, dann reden wir weiter, was ist denn die Lüge? Und stumm steht ihr da, in dem Gang in dem Haus, wo ihr einmal ganz nah, ganz vereint und ganz, ohne die Welt, unverletzt, denn die Welt, das ward ihr.

 

Heut Nacht schläfst du nicht mehr und die Unruh im Raum.

 

Der Morgen danach, der Kaffee heute bitter, die Zeitungen austauschbar, und wieder: Katastrophen. Jetzt mal im Süden, nicht Osten, morgen im Westen, wer weiß, du ahnst schon das Schlimmste, isst noch das Müsli und unruhig dein Blick jetzt in dein Gegenüber, dein Lebensmensch, Anvertrauter, sagst größte Liebe, du schluckst: Sorry. Echt. Wegen heut Nacht. Es war. - - - - - Suchst erneut nach den Worten. Sagst, es war einfach der Tag, die Woche, die Wochen waren hart, die Zeit, das Wetter, der Körper, die Arbeit, nennst Begriffe, von denen du hoffst, sind stabil. Die Unruhe ist am ehesten zu verstehen, wenn sie bezogen wird, aufs Stabile. Ja, war die Arbeit. Einfach überlastest. Sorry. Es vergeht. Und die Liebe, die größte, schaut dich an, in dem Wort vom Vergehen, und du merkst, da ist jetzt tatsächlich schon etwas am Gehen. Die Zuversicht? Hoffnung? Vertrauen? Der Ausblick auf ein: Schön, was da kommt, was da immer auch kommt, ich freu mich, wir schaffen das, schaffen das, nennen wir's Leben. - - - - - Ich liebe dich. Ja, sagst. Sagst ja, zu der Liebe. Weil ist doch die Hoffnung, die Liebe, war immer die Hoffnung, wenn uns alles zerfällt. Wenigstens Liebe. Auch wenn Unruhe drin.

DIESE SEITE TEILEN

KONTAKT

info@thomasarzt.at

 

URHEBERRECHTSERKLÄRUNG

Alle Rechte der hier veröffentlichten Inhalte liegen, wenn nicht anders angegeben, bei Thomas Arzt. Die Verwendung von Texten und Fotos im privaten, schulischen & akademischen Bereich ist ausschließlich unter Angabe von Urheberschaft und Quellenverweis gestattet. Jegliche weitere Vervielfältigung, Veröffentlichung oder Vermarktung ist unter Berufung auf das Urheberrecht untersagt. Eine Zuwiderhandlung wird strafrechtlich verfolgt.