Als ich mich im Mürztal übergab

Ich erinnere mich an den Wind über der sogenannten Waldheimat. Die sogenannte Waldheimat ist jener Ort in der nordöstlichen Steiermark, wo sich dicht bewaldete Hügel entlang des Mürztals und seiner Seitentäler erstrecken und auf 1.150 Metern das Geburtshaus des sogenannten Heimatdichters Peter Rosegger steht, das heute ein Museum ist. Der sogenannte Heimatdichter Peter Rosegger kam dort, in der sogenannten Waldheimat, einem Bergbauernhof samt Stallungen und Weidehängen fürs Vieh, 1883 auf die Welt, die eine Welt des Bergbäuerlichen war, die aber auch stark im Umbruch war, denn man spricht von der Zeit einer Industrialisierung des Ländlichen, was der kleine Peter Rosegger als Zerfall von Tradition und Sicherheit erlebte. Während viele Bauern also ihre Höfe an Spekulanten verkauften und sich in die neue Welt des Industriellen begaben, also hinunterzogen ins Mürztal, wo sich in der Furche der Mürz und der Mur zuerst die Eisenbahn und dann die Stahlindustrie angesiedelt hatten, begann der kleine Peter Rosegger, der körperlich dem Industriellen nicht gewachsen zu sein schien und dem man seither eine Schmächtigkeit und Verletzlichkeit in die Biografie eingeschrieben hatte, über den Verlust dieser seiner Welt, von 1.150 Metern auf sie hinabblickend, zu schreiben. 

Er schrieb über das harte Leben im Zyklus von Winter, Frühjahr, Sommer und Herbst. Er schrieb über Kindheit und Jugend vergangener Tage. Er schrieb über den Einfluss von Religion und Moral auf den Menschen. Er schrieb über das Dorf als Brutstätte von Stursinn und Eigenwilligkeit, von Widerwort und Aufmüpfigkeit, von Tradition und Frömmigkeit, vom Guten und vom Schönen. Er schrieb über Kapitalismus und Verelendung, über Freizügigkeit und Gottlosigkeit, und auch über die wahre Liebe vor dem Herrn, die Unschuld, den Mann und die Frau, und den Segen von Kindern. Er schrieb, kurzum, von seiner Heimat. Und was er schrieb, wurde gerne gelesen, zu aller erst in seiner Heimat, aber auch darüber hinaus. So war bald das, was er schrieb, gerne gehört, es wurde ihm viel applaudiert und es entstand das Bild eines Peter Roseggers, der einen sogenannten Peter-Rosegger-Janker trug, und eine sogenannte Peter-Rosegger-Brille, und ein Herz fürs sogenannte einfache Volk zu haben schien, sowie für das Leben mit der Natur und für die Bewahrung des Alten. Von der Heimat sagte er, sie sei ein guter Boden, ein anständiger Boden, ein Boden der guten, anständigen Leute, und also ein Ort, die Heimat, die immer dort zu sein schien, von wo man hergekommen sei, eine Herkunft also. Jahre später hatte es der nunmehr lautstark als Heimatdichter bezeichnete Peter Rosegger zu literarischem Erfolg, Geld und Anerkennung gebracht und neben einem wiederholt breitenwirksamen Verkauf seiner Bücher, die zu Bestsellern wurden, auch zu einer wiederholt umstrittenen Nominierung zum Literaturnobelpreis, nämlich 1911, 1913 und 1918, wobei ihm der Literaturnobelpreis verwehrt blieb, denn er hätte sich mehr der Politik des Deutschen als weniger der Literatur des Universellen verschrieben gehabt, und weiters brachte er es, aus dem Zwiespalt von Hochachtung und Verschmähung heraus, umgeben von Freundeskreisen dieser und jener Couleur des monarchistischen Österreichs, auch aus Übermut und Überzeugung, vielleicht aus Strategie und Geltungsdrang, sowie jedenfalls aus Angst im Vielvölkerischen das Eigene zu verlieren, zu einer wiederholt nationalistischen Grundhaltung seines Schreibens, die man auch national-monarchistisch, national-patriotisch, national-traditionalistisch, national-opportunistisch, national-völkisch, national-rassistisch oder auch schlicht deutschnational nennen konnte, oder auch nicht. Jedenfalls war und ist diese Nationalgrundhaltung im Schreiben des Peter Rosegger eine, die man nie anders verstehen kann, als in Verbindung mit der Zeit, in der er lebte, und in Verbindung mit der Welt, die er zerfallen sah. So war mir einsichtig, als ich am 23. Mai 2016 das erste Mal die sogenannte Waldheimat dieses viel geliebten und viel gehassten und viel marginalisierten und viel vereinnahmten österreichischen Schriftstellers betrat, dass die Liebe zur Heimat hier eine Liebe zu einer vergangen Welt bedeutete.

 

Ich stand also auf 1.150 Metern in der nordöstlichen Steiermark, blickte auf die Wipfel der Bäume rund um diese abgelegene Gegend und hörte den Wind im Geäst. Ich dachte nach, über diese Liebe zur Heimat und ich hätte gerne eine Ruhe gespürt, denn es wäre ja durchaus eine ruhige Gegend gewesen, und auch der Wind war keineswegs stürmisch, sondern legte sich lau, fast liebevoll über die Hänge herauf, zog mir durchs Haar und dann rein ins Gesicht, als würde er sagen: Du darfst hier ankommen, du Wanderer vom Tal, lass dich nieder und trink dir ein Gläschen hinunter, für Leib und für Seel. Das flüsterte der Wind, doch ich traute ihm nicht, denn es war der 23. Mai 2016. Es war der Tag nach der Wahl eines neuen Präsidenten für Österreich, in der zwei Kandidaten stellvertretend einen Kampf auszufechten begonnen hatten, der längst schon im Gang war, aber gern übersehen wurde. Bis zu diesem Tag.

 

Ich ging eine Runde über die Wiesen der Waldheimat, die mild in einem Frühjahrsduft lagen, saftig grün und die Erde etwas feucht, denn es hatte am Vormittag kurz geregnet. Es war nun etwa 13.00 Uhr und es hieß, im Laufe des Nachmittags sollte das Ergebnis der Präsidentschaftswahl feststehen, das am Wahltag selbst, dem 22. Mai 2016 noch nicht vorgelegen war. Derzeit noch, so hieß es, läge der Kandidat der Freiheitlichen Partei Österreichs in Führung, um wenige Zehntel Prozent, was scheinbar an die 30.000 Stimmen bedeutete, doch wären die Briefwahlstimmen noch nicht berücksichtigt. Und da ich mich für jenen Kandidaten entschieden hatte, der zum Zeitpunkt der Wanderung noch 30.000 Stimmen zurücklag, befand ich mich also in einem Zustand des bangen Abwartens.

 

Ich stapfte bedächtig in diesem Abwarten um den alten Bauernhof, in dem der sogenannte Heimatdichter Peter Rosegger seine Kindheit verbrachte, roch das alte Holz, roch eine stehengebliebene Zeit, roch eine vergessene Vertrautheit von Gebäuden und Menschen, die ich auch aus jener Gegend kannte, in der ich selbst aufgewachsen war. Eine voralpenländische Aufgehobenheit umfasste mich. Ein Lachen aus der Kindheit. Das wohlige Lied der Großmutter beim Erbsenbrocken. Die raue Hand des Großvaters am Gehstock. Und der Vater kam aus der Werkstatt, die Sägespäne im Haar. Mutter hatte Marillenknödel gemacht. Heimat eben. So lugte ich ums Eck, sah Kohlmeisen im Geäst spielen, sah Rehe gütig in mich hineinschauen, erkannte eine Unberührtheit, die ich einmal gemocht hatte, die ich so sehr versuchte, mir wieder erinnerlich zu machen und auch heute noch zu mögen, die mir aber gerade dadurch, in dieser Anstrengung des Mögens in eine Unerreichbarkeit rückte, was mir nun, aufgrund des unerreicht Vergangenen, den Atem stocken ließ. Als würde die Landschaft an einer unsichtbaren Wand vor mir abprallen. Als stünde ich im Inneren eines Glassturzes, der die Gedanken mir erstickte. Ich flüchtete aus dem toten Idyll, hinein ins Geburtshaus von Peter Rosegger, stand nun im Dunkel einer Stube. Das Licht fiel schwach auf den Holzboden, den Holztisch, den alten Ofen. Ich senkte meinen Kopf, um mir nicht die Stirn anzuhauen. Die Natur verstummte, herinnen war es still. Nur meine Schritte hinterließen ein Knarren. Mit einem Mal wurde mir der Wind, der noch immer draußen die Bäume tänzeln ließ, zu einer Unheimlichkeit. Er hatte sein Säuseln abgelegt. Eine Stränge umgab ihn. Er drückte die Tür auf, der Wind, er drang herein und sprach zu mir, in einer mir vertrauten Stimme. Es war die Stimme des Kandidaten der Freiheitlichen Partei Österreichs.

 

Er sprach ruhig und bedächtig. Er sprach freundlich und väterlich. Er sprach vorausschauend und trug ein Lächeln auf den Lippen. Er sprach über das harte Leben der Österreicherinnen und Österreicher im Zyklus von Winter, Frühjahr, Sommer und Herbst. Es sprach über den Wohlstand und die Glückseligkeit vergangener Tage. Er sprach über den Einfluss von Multikulturalität und Kapitalmärkten auf den Menschen. Er sprach über das Regionale als Bastion von Nachhaltigkeit und Werten, von Hausverstand und Vernunft, von Vereinskultur und Tracht, vom Guten und vom Schönen. Er sprach über Globalisierung und Verarmung, über Flüchtlingsströme und Kriminalität, über das Recht auf Sicherheit und das Recht auf Abschiebung, über Homoehe und Abtreibung, und auch über die wahre Liebe zur Volksgemeinschaft, den EU-Austritt, die Südtirolfrage, den Katholizismus, der nie dem Islamismus weichen werde, und über den Segen von Kindern. Er sprach, kurzum, von seiner Heimat. Und was er sprach, wurde gerne gehört, zu aller erst in seiner Heimat, aber auch darüber hinaus, und auch herinnen, wo ich stand, in der Enge einer Bauernstube, den Geruch der Geschichte um mich. Es hörte das alte Gemäuer zu. Es hörten auch die Balken über meinem Kopf zu. Die Töpfe, in denen das einfache Volk sich Essen zubereitet hatte. Die Teller, aus denen sie gegessen haben mussten. Es hörte der Raum zu, es hörte die Stille zu und auch ich. Ich drückte mir die Finger in die Ohren, denn ich wollte die Stimme des Kandidaten der Freiheitlichen Partei Österreichs eigentlich gar nicht hören, doch ich hörte sie dennoch. Die Stimme drang ein, in mich, auch wenn ich mir Begriffe zu zimmern begann, ein Kampfarsenal der Sprache, die die Worte entlarven sollten, die ich doch als nationalistisch zu erkennen glaubte, und die man auch national-monarchistisch, national-patriotisch, national-traditionalistisch, national-opportunistisch, national-völkisch, national-rassistisch oder auch schlicht deutschnational nennen könnte, oder auch nicht. Das gesamte Spracharsenal der Vernunft aber versagte mir und kraftlos ließ ich dann die Hände sinken, hörte die Worte in mich weiter vordringen, bis ich den Mund mir öffnete, um zu schreien, jedoch auch kein Schrei hielt dagegen, es gab auch gar keinen Schrei. Ich lief hinaus, voll Schweiß, knallte die alte Holztür des Geburtshauses von Peter Rosegger zu und ging in die Knie.

 

In meinen Zustand des bangen Abwartens war nun Wut gedrungen, auch Zorn, dann auch Angst, schließlich Ohnmacht, Resignation und jetzt eine Trauer, denn eines war nun deutlich: selbst wenn das Auszählen der Wahlkartenstimmen die Entscheidung für die Präsidentschaftswahl verändern könnte, wäre es doch unumstritten, dass eine sehr große Zahl an Bürgerinnern und Bürgern dieses Landes der derzeitigen Politik im Land und darüber hinaus misstrauten, und zwar so sehr, dass sie jenen Kandidaten bevorzugten, der doch auch für andere, so wollte ich glauben, im Grunde einen unwählbaren extremen Nationalismus vertrat, der ihn aber mit der Stimme des Wählbaren herzensgut verbreitete, gleich einer wohltuend frischen Prise im Mai.

 

Ich hätte es nun dabei belassen und den Rückzug antreten können, an diesem Tag meiner Wanderung hoch zum Geburtshaus des Heimatdichters Peter Rosegger und es auch als Zufall ansehen können, dass es eben derselbe Tag war, an dem ganz Österreich der Entscheidung einer Wahl entgegenfieberte, doch noch war ich nicht fertig in meiner Suche. Denn es war eine Suche, die mich hergebracht hatte, und es war eine Suche, die fortzusetzen war. In einer inneren Aufgebrachtheit also richtete ich mich auf, ging den Weg vom Geburtshaus hinan, zur Zufahrtsstraße des Areals, wo ein weiteres Bauernhaus als Museumsbau diente, und dort trat ich in die Wirtstube, die man für die Besucher der Waldheimat in gemütlicher Holztäfelung und Urigkeit eingerichtet hatte, und ich bestellte mir einen sogenannten Peter-Rosegger-Wein, auf dessen Etikett der Dichter selbst herunterlachte, im Peter-Rosegger-Janker, mit der Peter-Rosegger-Brille, und ich dachte noch einmal nach, über den Kandidaten der Freiheitlichen Partei Österreichs. Denn was wusste ich über diesen Mann? Und was wollten die Menschen in ihm erkennen, die ihm nun seine Stimme gegeben hatten?

 

Was ich wusste, war, dass der Kandidat der Freiheitlichen Partei Österreichs aus dem südlichen Burgenland stammte. Er blickte also nicht von 1.150 Metern auf die Heimat herab, wie es der Heimatdichter Peter Rosegger getan hatte, sondern quasi in Augenhöhe der Landsleute in die Heimat hinein. Er kam dort 1971 auf die Welt, die eine Welt des Landwirtschaftlich-Weinbäuerlichen war und auch des Unternehmerisch-Mittelständischen und auch des Ökologisch-Touristischen wie auch des Regional-Lokalen sowie auch des Ostblock-Grenzschützenden. Mir war diese Welt vor allem aus Erzählungen bekannt, die meine Großeltern gerne auf den Lippen trugen und die von Urlauben im Burgenland berichteten, als wenig noch vermarktet und ausverkauft war, und viel noch zu entdecken. Da gab es auch eine Verschlafenheit und eine Einfachheit und eine Ursprünglichkeit in diesen Erzählungen vom südlichen Burgenland, die meist damit endeten, dass eben dieser verschlafen einfache Ursprung heute gar nicht mehr vorhanden wäre, denn auch das Burgenland hätte sich, wie alle Tourismusregionen an einen globalen Tourismusmarkt angepasst, wie auch an einen globalen Wirtschaftsmarkt und auch einen globalen Arbeitsmarkt. Die Welt des Burgenländischen der 1970er Jahre schien also eine andere zu sein, als die Welt des Burgenländischen der 1980er Jahre, sowie die Welt des Burgenländischen der 1990er Jahre, und als dann in der Welt des Burgenländischen der 2000er Jahre auch der Grenzschutz obsolet geworden war, denn es war nun eine Welt des Europäischen, konnte man durchaus von einem Verlust einer Identität sprechen, oder eben vom Zerfall einer Heimat, die nun von der Absiedelung der Jungen, vom Sterben der Alten und vom Zuzug aus dem ehemaligen Osten bestimmt war. Und wer war man denn nun, am Rande von Österreich, als Region unter vielen, im globalen Grenzöffnungswettbewerb? Das muss schlimm gewesen sein, für den Kandidaten der Freiheitlichen Partei Österreichs, der doch da hineinwuchs, in einer rasche Veränderlichkeit der Umstände, und der wohl dem Umstand der raschen Veränderlichkeit nicht gewachsen zu sein schien, so dachte ich mir, mit dem restlichen Schluck des Peter-Rosegger-Weins im Mund. Ein junger Mann, der sicher auch viel Liebe im Leben erfahren haben musste, aber womöglich auch Ausgrenzung und Hass, und ich schluckte den Wein hinunter. Der eine Verwundung womöglich mit sich herumzutragen hat, ja, dem doch im Biografischen eine tiefe Verwundung eingeschrieben ist, und der Wein legte sich über meinen Gaumen. Mit einem Mal wurde mir erklärlich, was zuvor unklar erschien, und ich bestellte ein weiteres Glas Peter-Rosegger-Wein.

 

Hatte er nicht recht, der Kandidat der Freiheitlichen Partei Österreichs, das zu beklagen, was abginge? War es nicht eine gerechtfertigte Forderung, das zu verteidigen, was gerade noch da ist? Und ich bestellte ein weiteres Glas vom Wein, und ich fragte mich weiter, ob es denn nicht höchste Zeit sei, dass jemand genau dort den Finger hineinläge, wovor andere sich scheuen. Und als ich dann noch ein weiteres, also ein viertes, und ein fünftes, und schließlich ein sechstes und siebtes Glas von dem Wein bestellte, da hatte ich plötzlich eine Bewunderung diesem Kandidaten der Freiheitlichen Partei Österreichs gegenüber, der den Mut aufbrachte, so schien es mir in meiner Weinseligkeit, dem Volk aus der Seele zu sprechen, die da doch auch eine verwundete Seele ist, und eine gedemütigte und auch unterschätzte, die da auch gerne mal die Nationalflagge hiessen würde, und auch gerne mal wieder einen Grenzschutz aufziehen würde, und auch gerne mal auf fremden Menschen, die sich nicht ans heimische Recht hielten, gerechtfertigt herumtreten wolle, die auch eine Angst besäße, diese Seele, von eben jenem Fremden überfallen zu werden, auch ausgeraubt, und auch mit Gewalt durchdrungen, das dann ja auch eindringt, in uns, und dringlich zerstört, was heil war, den Körper. Und was doch auch einer Tatsächlichkeit entspräche, denn es gäbe doch die Vorfälle, was redet denn keiner über die Vorfälle, die doch jetzt sicher keine Einzelfälle, sondern eine Logik wäre das: wer Grenzen öffnet, wird Hass ernten! So solle man doch mal Farbe bekennen, das wär an der Zeit, da würd man sich noch wundern, was alles möglich, und ich bestellte ein achtes und ein neuntes Glas vom Wein des Peter Rosegger, und eine euphorische Betrunkenheit ließ mich nun aufschauen, zu diesem wunderbaren Kandidaten der Freiheitlichen Partei Österreichs, der dem Terror in den Arsch treten und den Asylanten noch den Islam austreiben und den Nigerianern noch den Dialekt ordentlich lehren wird.

 

Beim zehnten Glas aber stockte ich. Mir wankte die Hand und mir wankte auch der Tisch und ich hatte, so schien es, eine Neigung in mir, ich kippte nach rechts. Ich versuchte mich zu halten, ich lallte, mich in einer Glückseligkeit wähnend, ins Gesicht der Wirtsleute, die bereits ein ordentliches Gelächter hatten mit mir, da schaute ich tief hinein in den Satz des letzten Weins. Da waren nun die Augen des Zorns und der Gewalt, und es waren nicht die Augen des Peter Rosegger, der doch vom Etikett lächelte, und es waren nicht die Augen des Kandidaten der Freiheitlichen Partei Österreichs, der doch gar nicht anwesend war, sondern es waren meine eigenen. Ich setzte an, das Glas an meine Lippen, das zehnte voll Gedanken der Ernüchterung, und trank, in der Reflexion der Oberfläche, mich selbst. Ich hasste mich und mir wurde schlecht. Ich stolperte ins Freie und erbrach mich in Peter Roseggers Waldheimat.

 

Da lag sie also vor mir, meine eigene Heimat. Ein Gemenge aus Erinnerung, Nostalgie, Rückzug und Verlust. Aus Angst, Misstrauen, Neid und Perspektivlosigkeit. Aus Nationalismus und auch Rassismus. Ein prekäres Denken hatte sich eingeschlichen in mich, denn auch ich misstraute an manchen Abenden der dunkleren Hautfarbe meiner Nachbarn, ich setzte mich ungern nurmehr in Zugabteile mit Menschen, die eine andere Herkunft zu haben schienen als ich. Ich redete auch gar nicht mit ihnen, fragte sie kaum nach ihrer Heimat, ob sie denn tatsächlich eine andere wäre, wie die meine. Ich traute einem jeden herumstehenden Koffer zu eine Bombe zu sein. Ich glaubte nicht daran, dass Integration eine Verbesserung der Lebensqualität brächte. Ich schaute auf mein Konto und fragte mich, wieso denn ich bitteschön das wenige an Kuchen nun immer aufs Neue aufteilen solle, wenn ich doch eh sowieso gespendet. Und im Innersten glaubte ich daran, dass das Christentum die besseren Menschen hervorbringen würd, und das Judentum meinetwegen auch, so viele gäb's von denen ja gar nicht mehr, aber dass der Islam, und von denen gibt’s eine Menge, immer der Islam. Der doch eine Gewaltreligion. Und ich schluckte die Galle hinunter, dieser bitteren Worte, konfrontiert nun mit meinen eigenen, feigen Vorurteilen, meiner Dummheit und meiner Wohlstandsbehausung, die sich hinter einem angenehmen Begründungszusammenhang verschanzt hatte, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass es keine humanitär-wohltätige Angelegenheit war, die Flüchtlingshilfe, sondern eine kapital-imperialistische Bringschuld: eine Umverteilung war im Gange und es sollte mich nicht wundern, sondern angesichts dessen mein eigenes Leben befragen lassen. Neid war's, und Egoismus, was ich erbrochen hatte, und ich stolperte zwischen Bäumen ins Tal hinab.

 

Um 14 Uhr kam dann die Nachricht, dass die Wahlkartenauszählung tatsächlich noch eine Wende in der Entscheidung gebracht hätten, so dass nun der Kandidat der Freiheitlichen Partei Österreichs um etwa 30.000 Stimmen hinter jenem Kandidaten war, dem ich meine Stimme gegeben hatte, doch das änderte nichts.

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