Plädoyer für die Zwischenräume

Es gibt Landmenschen. So sagt man. Und es gibt Stadtmenschen. So sagt man auch. Und doch sind wir meist irgendwo dazwischen. Dies ist ein Versuch, vermeintliche Trennlinien des Ländlichen und Städtischen zu befragen, die Zwischenräume zu öffnen, und die Schwebe, in der sich Regionen gegenwärtig befinden, zwischen Stadt und Land, als Möglichkeit zu begreifen.

Ich beginne bei mir selbst. Ich bin am Land geboren. Ich bin am Land aufgewachsen. Ich habe also dort zuerst die Welt erfahren, wo Wald und Wiese meinen Ausblick prägten. Wo Hügel sich anheben, zu Bergen in der Ferne. Wo Dörfer sich schlängeln, entlang von Landstraßen und Bundesstraßen. Wo die Stadt nur sichtbar ist, bei gutem Wetter, als Silhouette am Horizont. Es war für mich eine Selbstverständlichkeit, vom Land zu sprechen, das scheinbar anders war, als die Stadt. Und alle um mich herum haben dieses selbstverständliche Ländlichkeitssprechen betont. Sie wurde mir quasi hereingelegt, die Landesselbstverständlichkeit, in mein Nest, in Schlierbach an der Krems. Ich, als ein sogenannter Landmensch, als ein Landei, wie man ebenso sagt, war einer, der die Welt, die mich umgab, noch nicht anders kannte, als so, wie sie mir eben zu aller erst erschienen war, im Blick aus dem Fenster meiner Kindheit. Selbstverständlich. Und vertraut.

 

Dieser Selbstverständlichkeitsblick bleibt aufrecht, solange das Kind das Nest nicht hinterfragt. Solange die Wiesen und Wälder ein fixes Panorama bilden, in der Ferne, ein Bild, hinter dem alles andere zu enden scheint. Genauer besehen (und das ist die zweite Erfahrung des Kindes) endet aber freilich immer irgendwo irgendwas. Genauer besehen (und das ist die Erfahrung eines jeden Spaziergehenden und Wandernden oder auch Reisenden) ist ein Panorama nur ein flüchtiger Blick von einem Punkt aus, der vom nächsten schon wieder ganz anders erscheint. Genauer betrachtet (und das ist der Moment der Selbstreflexion) bilden sich Fragezeichen am Horizont. Einschnitte der Wirklichkeit, des Verkehrsaufkommens etwa, der Flächenumwidmung, der Abholzung, Neuverbauung, Strukturverschiebung, nenn's auch die Globalisierung. Es zeigen sich, im genauen Hinsehen, auch Unklarheiten der Zukunft, der leerstehenden Häuser, der gescheiterten Existenzen, der sozialen Ungerechtigkeit – wo soll das hinführen? Es zeigen sich, nicht zuletzt, Bruchstellen der Vergangenheit, der Bewahrungstendenzen, der Rückzugsbestrebung, der Fortschrittsverweigerung – was kann man daraus lernen? Der Selbstverständlichkeitsblick wird an dieser Stelle also zum fragenden Blick. War die Landschaft, der Raum der Geburt, einem zuvor noch einzigartig erschienen, so wird sie jetzt, im Fragen, angreifbar. Und zugleich vielleicht erst wirklich greifbar. Veränderbar.

 

Das kann unangenehm sein. So eine Veränderbarkeit. Und es ist womöglich eine menschliche Konstante, dass jede erste Veränderung als Verlust und Bedrohung erfahren wird. Wer aber den Fragezeichen am Horizont nachgeht (nicht nur als einzelner Mensch, sondern als Gesellschaft), wer die Bruchstellen aufsucht, wer sich den Rissen in der Selbstverständlichkeit stellt – jenen Rissen etwa, dass die Räume des Ländlichen sich verformt haben und weiter verformen werden, und dass nicht immer klar ist, was die eigentliche Begrenzung ist, zwischen dem einen Raum und dem nächsten –, der sieht Möglichkeiten wachsen.

 

Ich lasse, und das ist der Versuch hier, Möglichkeiten wachsen. Dazu lege ich nun den Begriff des Landmenschen vor mir her. Ausgebreitet. Das Land in mir, es ist weitaus vielfältiger und unfassbarer als angenommen. Und das einfache Bild der Wälder und Wiesen, es passt mir gar nicht mehr richtig. Denn: ich bin schon lang nicht mehr nur das Land. Es gibt ein Verlassen und ein Wiederkommen. Ein Aufwachsen und Fortgehen. Ein Hinter-sich-bringen und Über-die-Dinge-Hinwegsehen. Ein Neu-Erkennen und Wieder-Finden. Ein Um-Denken, wo man Festgefahrenes vermutet hatte. Eine Leichtigkeit, darüber zu schmunzeln, nenn's eine Herkunfts-Ironie, weil man auch jederzeit wieder weg kann. Der Landmensch in mir ist veränderlich geworden. Das Land selbst ist es auch. Neues ist eingezogen, Altes bewährt sich. Langsam ist Erweiterung entstanden. Und Österreich wurde Europa. Die Welt ist ein Geflecht, sie vollends zu verstehen, bleibt der Versuch. Die Regionen sind nicht mehr nur mit dem nächsten Tal beschäftigt, sie haben lang schon die Agrarflächen anderer Kontinente im Blick, sie haben auch Energiereserven anderer Meere im Blick, und auch die Preispolitik überstaatlicher Netzwerke. Das Blickfeld, das regionale, lässt sich ohne das Globale gar nicht mehr bestimmen. Die Regionen agieren und arrangieren sich mit der Tatsache, dass die Menschen, und also auch sie selbst, die Blicke streuen müssen, hin und her wenden, und sich dadurch auch bewegen (denn man sieht nicht die ganze Welt, von nur einem Punkt aus betrachtet). Die Regionen sind daher, wie die Menschen, in Bewegung. Sie sind mobil. Sie bewegen sich in Zonen des Übergangs, zwischen dem Urbanen und dem Ländlichen. Sie sind beschreibbar – und das ist die Lebenswirklichkeit auch jener, die nie das Haus verlassen, aber deren Daten dennoch um die Welt gehen – als Zwischenräume. Für mich persönlich stelle ich fest: Es passt mir ganz gut, mein Dazwischen. Manchmal könnt ich es fast eine Heimat nennen. Zwischenmensch könnt ich sein. Da gäb es viel an Plätzen, wo man dann daheim sein würd. Die Region ist vielerorts. Ich bin viele Regionen. Als ein Landmensch und Stadtmensch und irgendwo dazwischen.

 

Und doch: Es gibt immer noch das Reden. Und wieder vermehrt. Das Reden, als könnte man den Fragezeichen am Horizont, die wie gesagt auch tatsächlich unangenehm sind, mit Rufen nach einer scheinbar alten und wiederherstellbaren Selbstverständlichkeit des Ländlichen begegnen. Als wäre es an der Zeit, wie man auch wieder hört, die Blicke abzuwenden, von den Horizonten der Gegenwart, weil sie einem zu wirr, komplex und bedrohlich erscheinen. Als wäre es gesünder und sicherer, so hört man zuletzt, das Panorama am Horizont mit klaren Trennlinien wieder neu zu schützen, nenn's auch Zäune oder Mauern. In diesem Reden soll die Gegenwart, die bereits im Gange ist, nicht stattfinden. Es ist ein Katastrophensprechen. Es spricht hier die Angst vor der Zukunft.

 

Was ist das für ein Reden? Und was hat das mit den Räumen des Ländlichen und des Städtischen zu tun? Und warum ist es wichtig, im Rahmen einer regionalen Entwicklung, sich mit diesem Reden auseinanderzusetzen? Weil das Reden die Räume wieder trennt. Weil das Reden die Blicke verstellt. Weil das Reden die Entwicklung (mag sie wirtschaftlich sein, sozial, kulturell, pädagogisch, moralisch, religiös), zerstört. Was ist das also für ein Reden? Es ist das Reden in allzu klaren Bildern. Und die Bilder gehen so:

 

Das Land ist die Überschaubarkeit. Die Stadt ist ein wirres Labyrinth. Das Land hat Punkte des Ausblicks. Die Stadt hat Gänge im Untergrund. Das Land ist ein Platz der Zerstreuung, die Stadt ein Ort der Verdichtung. Drum stehen da die Häuser auch recht dicht aneinander, am Land passiert die Vereinzelung. Richtig atmen kannst nur da, wo Platz ist. Willst doch wer sein, der auch erkannt wird, als einzelner. Nicht untergehen, in der Masse. Liebevoll verstreut liegt Hof und Feld. Grundbesitz ist Identität. Der Mensch in Miete ist niemals angekommen.

 

Die Bilder gehen weiter: In der Stadt ist das Leben konzentriert, geballt, und selbst zentriert. Drum kreisen auch alle in der Stadt nur um sich, erreichen tun sie sich aber nie. Eine Umfahrungsstraße der Selbstfindung. Egoisten in der Stadt. Nachbarschaftsfreundlich am Land. Rastlos in der Stadt. Und im Stau. Völlig bei sich am Land. In Balance. Am Land ist das Glück, in der Stadt die Tristesse. Am Land die Sonne, die Stadt die Depression.

 

Die Bilder gehen weiter: Die Stadt ist das Gebiet der Unsicherheit, der Gefahr, der finsteren Gegenden, der dunklen Gestalten, der fremden Gesichter, der Ballungszentren des Ausländischen, der Gettos. Das Land ist die Keimzelle einer Heimat. Die Herkunft der Tracht. Die Bastion der Bewahrung. Das Land ist das Eigentliche, die Stadt verkauft sich. Das Land schwingt noch Fahnen, die Stadt öffnet die Märkte, und importiert die Menschen. Wer kann denn noch singen, in der Stadt? Und die Landkarte eines Landes zerfällt plötzlich in Lager. Gespaltene Gesellschaft. Was hat dazu geführt? Die Veränderung der Wirklichkeit? Oder die Produktion einer Sprache der Trennung? Das Dazwischen ist komplex. Wir sollten darüber reden. Und genau hinhören.

 

Denn die Bilder gehen auch anders: Die Stadt ist ein Fluss, ist eine Quelle der Inspiration. Das Land ist ein Acker, geplagt und brachliegend vom Unwetter. Die Stadt ist Diversität, das Land das ewig Gleiche. In der Stadt wachsen Raritäten, manchmal mehr als am Land. Wälder werden zu Monokultur, am Land, Hinterhöfe der Stadt sind Biotope der Artenvielfalt. Die Bienen sterben aus, über Feldern voll globalstarkem Dünger, auf städtischen Dachterrassen entsteht Bio-Honig. Die Stadt ist lebendig, das Land ist alt. Die Stadt besteht aus vielen Dörfern. Jedes Viertel sein eigenes Grätzel. Die Stadt wächst. Das Land vereinsamt. Und wird vereinnahmt. Das Land ist der Ort der Verfrachtung des Fremden. Die Zone der Abschiebung. Des Grenzübergangs. Die Stadt ist Integrationsbeschleuniger. Oft sind Probleme mit Ausländern dort, wo gar keine sind.

 

Und Stopp. Wieder macht die Sprache die Gräben auf. Die Struktur der Heimat prallt auf die Struktur der ökonomischen Beschleunigung. Die Regionalbank investiert an Orten, fernab vom Regionalen. Das Regionalgeld lässt Landstriche auf anderen Kontinenten verarmen. Ich esse bio und beute die Wohlstandsverlierer aus. Wo führt das hin? Wo entwickeln wir uns hin, während die Sprache feststeckt? Und wo sollte die Sprache eigentlich ansetzen?

 

Der Versuch einer Antwort: In uns selbst. Mit Ehrlichkeit. Und Offenheit. Und ohne die Grenzen im Reden. Das Land sind wir. Die Stadt sind wir. Auch am Dorf ist die Globalisierung nicht überall schlecht. Auch in der Stadt ist die Rückbesinnung auf Altes nicht überall nachteilig. Räume abzugrenzen ist nicht immer einengend. Plätze offen zu halten ist nicht immer ein Verkehrsproblem. Denn der Mensch der Gegenwart, soweit ist das klar geworden, ist vielerorts unterwegs. Die Räume entheben sich vom Boden, wo bist du gerade? Am Flug, im Zug, im Netz, in einer anderen Zeitzone? Wer da, wenn Raum und Zeit so verfließen, noch und wieder von Nation will reden, ist ein Lügner. Die Region braucht keine Nation. Die Region braucht die Menschen. Denn wer ist denn die Region? Die immer schon Dagewesenen? Die erstmals neu Gekommenen? Die Wochenend-Zurückgezogenen? Die Wochentags-Herumpendelnden? Die Lebensabschnittsverbringer? Die Fertigteilhäuserbauer und Scheidungsgemäuer-hinter-sich-Lasser? Die Verfalls-Baracken-Reanimierer und Neuland-Projekte-Starter? Die Region ist eine permanente Neuerfindung. Sie hat ihr Gesicht verloren, schreit der Nationalpopulist. Sie hat sich immer schon ein neues Gesicht gegeben, sage ich. Schauen wir uns in die Gesichter, sage ich auch. Zeigen wir unser Gesicht, sage ich auch.

 

Die Räume sollten herzeigen, nicht verschließen. Auch das Betteln gehört zum Stadtbild. Das Verbot, das Abschieben der Wirklichkeit, schafft Blasen, Wohlstandslügen. Prekär ist das Schließen der Augen. Akzeptanz und Begegnung im Dazwischen, das heißt, Zonen der Verständigung finden. Auch zwischen extrem rechts und extrem links. Räume sollten keine Leerstellen werden. Auch der Begriff Heimat ist ein Raum. Er ist ländlich und städtisch zugleich. Er ist österreichisch, auch europäisch. Ich fühle mich in Europa beheimatet. Jede Regionalentwicklung hat die Verantwortung, auch Europa weiter zu entwickeln. Die Welt im Kleinen mitgestalten, das sagt man gerne, das sollte man wieder öfter sagen, das sollte man auch herzeigen dürfen: was funktioniert? Viele Projekte werden übersehen. Viele Fremde sind bereits Teil der Dörfer geworden. Viele Firmen produzieren sozial und ökologisch gerecht. Viele Banken versuchen umzudenken. Reden wir über das, was möglich gemacht wurde. Und über die Vielfalt als Teil unserer Kultur. Die regionale Identität verträgt viel, auch den Islam. Das will nicht jeder hören, ich höre gerne die Widersprüche, hören wir nicht auf, auch im Widerspruch, zu reden. Und bewegen wir uns weiter, gerne in einem unterschiedlichen Tempo, das mag sein, man kann auch mal distanziert spazieren, regional verlangsamen, behutsam reformieren, sanft den Tourismus überdenken, ok, und man braucht nicht immer, sollte vielleicht viel weniger, müsste lang schon aufgehört haben der Ungerechtigkeitsspirale des Kapitalismus, der ebenfalls zu hinterfragen ist, hinterherlaufen, denn: Hetzen ist nicht von Vorteil, vor allem nicht in der Sprache.

 

Und Stopp. Mehr kann ich nicht sagen, an dieser Stelle. Es sind hier ja nur Gedanken. Wenn wo was begonnen wird, dann zu aller erst mit Gedanken. Sie sollen wenigsten dorthin führen, wo Tatsächlichkeiten überprüft werden, und Möglichkeiten gesucht. Das Land in mir, nun ausgebreitet, hinterfragt und neu erkannt, ist weitaus vielfältiger und unfassbarer als angenommen.

 

 

Die Rede entstand als literarischer Impuls für die Initiative „Nature of Innovation“ und wurde im Rahmen der Auftakt-Veranstaltung am 24. September 2016 im Stift Kremsmünster vorgetragen.

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