Asyl der Unwissenheit

War seltsam unberührt, am Morgen nach Berlin. Nach Paris wollt ich noch wissen, alles, was passierte, wer, wieso und wie? Hab Nachrichten gelesen und eigene verfasst, von Solidarität und Widerstand, und das Gesicht mir eingefärbt, im Profil, ganz öffentlich, als wär ich selbst dabei: Je suis... Nach Nizza hab ich traurig noch die Fernbedienung abgelegt, und eine Blume, ganz privat, und wütend mir auch ein Gedicht verfasst, die Parole aufgesagt, den Slogan, wie ging der? Yes, we... Beirut, Istanbul, Jerusalem, Kabul, Aleppo hab ich registriert, notiert, zwar fassungslos, doch schon pragmatisch sehr und mit der Phrase auf dem Mund: Ach ja, die Welt, die Welt... Und jetzt am Morgen nach Berlin nur unbequeme Stille.

Ich sitz in Wien, les Zeitung, schau die Bilder, seltsam akzeptier ich das Geschehen. Folge online auch den Listen ganz nach unten, voll von Namen, Freund, Bekannter, zufälliger Kontakt, doch alles hier Profile einer Zeitgenossenschaft, ist ihnen was passiert? Und erleichtert stell ich fest, so steht's am Bildschirm mir, sie sind in Sicherheit. Keinen kenn ich wirklich, doch fühlt sich gut an, Sicherheit. Und seltsam legt sich Sorgsamkeit in meinen Alltag diesen Morgen. Schreib Nachrichten (es ist nun knapp vor Jahresende) tapsend und bedacht, die Sätze in den Mails, sie klingen fast pathetisch, ich schreib: in diesen Tagen. Schreib auch: passt auf euch auf. Schreib auch: bleiben wir wach. Und es sind Worte, die ich such, sie gehen schwer nur von der Hand. Und ich frag mich nach der Angemessenheit der Sprache, grad aus der Distanz, weil ich ja selbst in Wien und schreib an Hamburg, Düsseldorf, Berlin... Und plötzlich, während ich so denk, dass überall, auch hier, bei mir, und jederzeit, der Terror Löcher in die Karten schlägt und Schlagwörter nur bleiben (jetzt also: Breitscheidplatz), bekomm ich Angst.

 

Spielt Roulette, der Hass, hör ich mich sagen, oder war's wer anderer? Auf Straßen, Plätzen folgen schnell die Aussagen, ich sprech sie nach, bereits ganz selbstverständlich: kann doch jeden, an jeder Ecke, und so fort. Ein Krebsgeschwür der Terror also, hallt es in mir nach, die Stimmen sind gehetzt, die Straßenbahn vorbei, ich steh und denk, will's gar nicht hören, alles ist ja schon gesagt, will's gar nicht wissen, halt die Hand mir an das Ohr, blick Himmelsformationen hinterher, möchte kurz, vor dieser Gegenwart, in Sicherheit mich wiegen. Hat Terror mich bereits erfasst?

 

Ich leg mir, zwischen Weihnachten, Neujahr, sehr dicke Häute zu, wie sagt man? Nimm's dir nicht zu Herzen, Köpfe sollt man sich bewahren kühl. Doch vieles ist so unklar, ungewiss, was bringt das Morgen? Wer will's wissen und wer kann's? Anstatt also die Politik zu lesen, zu verstehen, Zusammenhänge auszubreiten, wie Gewalt sich fortschreibt, fortgeschrieben wird, grad auch von Politik, die ich auch selber in der Hand (sie ruft grad: Obergrenze senken, alles Generalverdacht), flücht ich in Horoskope. Les über Schicksal, Zufall und (beschissener Zufall) stolper zufällig dabei, ich wollt ja nichts Politisches, über diese Worte hier, diesen Begriff, ein Bild mehr vom Asyl, so steht's, das Zuflucht gibt, für alle Fragen, die der Mensch allein nicht trägt, ein Ort, der auffängt, alles Unbehagen, Ungewisse, ein Raum, der Unwissenheit in Sicherheit wird wandeln. Der Philosoph Spinoza hat ihn geprägt, diesen Begriff, und Gott damit gemeint. Die letztliche Begründung für alles Unbegründbare. Asyl der Unwissenheit. Und ich denk, ist es nicht das, was alle hier grad suchen?

 

Wenn unüberschaubar wirkt die Gegenwart und verwickelt liegen Fäden der Geschichte vor uns (wo beginnt's mit der Gewalt, der Ausbeutung, dem Krieg? Wer hat den Faden in der Hand, der Macht, wer nimmt ihn sich, wer trägt Verantwortung, die Schuld? Muss alles hier ertragen werden, weil anderswo das Geld, auch meins, die Waffenindustrie befeuert hat, die dort nun die Gesellschaften zerfetzt, was wiederum als Echo nun herüberhallt, wir stecken ja mit drinnen und so fort), wenn all diese Gedanken an einem ersten Tag voll Schnee im neuen Jahr die Welt mir wanken lassen, weil ich's nicht weiß, ok, ich weiß es nicht, und das ist ein beständig lähmendes Gefühl, wär da dieses Asyl der Unwissenheit ein Ruheraum, ein Sammelbecken mir gegen Verwirrungen, politisch wie privat?

 

Asyl der Unwissenheit, schreibt Spinoza, und meint Gott. Wo komm ich her? Wo geh ich hin? Wer bin ich freilich und was musste das passieren, grad mir, grad dieser Welt? Weil er's so wollen hat, kam eben Pest, kam Sintflut auch und Seuche, Krebs und Leukämie, Tsunami, Herzversagen schon mit 25, obwohl doch Nichtraucher und sportlich, was weiß ich, es gibt sie noch: Momente, da das Individuum sich postmodern verheddert und rückblickt auf die Narration, die lang schon totgesagt, doch im Erwachen liegt. Ich rede von der großen. Wenn Phänomene kompliziert (und Terror ist's, er ist verdammt beschissen kompliziert, so jedenfalls für mich), da will man nicht die lange Diskussion, nicht immer, heute bitteschön: die Antwort klar verständlich. Die Aussagen nicht relativ. Die Erzählung bitte gültig längerfristig. Gleich wie Gott im Glauben ein Asyl, so hofft man, ohne es bewusst gewollt zu haben, nun nach Brüssel, Madrid, Nizza, Paris, was weiß ich, nach Berlin, dass irgendjemand käme und etwas, ja, warum denn nicht, was Großes sage, was echt, was wirklich echt, was einen echt jetzt, auch in einer Größe...

 

Und da stock ich auf dem Weg, der Schnee 2017 wird zu Matsch, die Decke hält nicht lang, und eingestürzt auch mein Idyll jetzt vom Asyl für mich, als Unwissender. Denn die Götter, die hier Schutzräume der Weltvereinfachung ja längst errichten und Erzählungen von großen Umstürzen, vom Austausch, großen Wellen schreiben, die hier lang schon Gründe schaffen, für einfache Kausalität, und diese auch gleich einem Grundstück stolz verwalten, Tore offen halten für die terroraufgeschreckte Menge, die sich, dort versammelt, plötzlich größer fühlt als still allein; diese auferstandenen Götter wollt ich gar nicht rufen! Ich hab doch nur, ich wünschte, jetzt, an bitterkalter Straßenkreuzung der Tatsächlichkeit, die Ansage vielleicht der Utopie, von einem Paradies, das Asyl der Klarheit... Was soll das aber sein? Ein Asyl ist ein Asyl ist ein Asyl. Und ein Nest ist mir ein Nest ist mir ein Nest. Und ein Bunker bleibt ein Bunker bleibt die Abschottung vor Dingen, die man nicht begreifen will. Und wer unwissend hineintritt da, ins Auffanglager der Verdummung, ins Massenquartier der Kurzsichtigkeit, dem wird die Gegenwart nicht sicherer. Da rauschen Autos mir vorüber, Reifen durch den Matsch, der Dreck fällt ins Gesicht.

 

Ich geh nach hinten, brauch den Abstand von der Straße. Wisch die Augen. Seh wieder klar, ein wenig. Und muss lachen. Kurz. Aber bestimmt. Denn gegenüber wär's gewesen, was ich fast schon mir ersehnt, seh's auf Plakaten an der andern Straßenseite, groß und laut und voll Verführung: das Asyl, von dem ich bei Spinoza las: die Botschaft der Verkürzung, die Blindheit vor Differenzen, die Götter des verunsicherten Volkes. Für einen Augenblick hatt ich's mir ausgemalt, so schön und wohltuend, sich nämlich niederzulassen, einmal nur kurz, auf Gründen, die die Angst mir nehmen, oder den Zweifel, Sorge, das bange Gefühl, dass der heutige Tag noch durchaus ein guter wär und mit Schrecken dennoch zu rechnen bleibt, diese Schwebe also nach Berlin.

 

Und so tret ich zurück. Regen hat nun eingesetzt. Such meine Spur, die ich gegangen bin, sie ist verwaschen. Anstatt Asyl find ich (es ist das neue Jahr schon voll im Gange) Anzeichen von Wetterwechsel. Dagegen hilft kein Unwissen. Sondern Beobachtung der Wirklichkeit.

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Vgl. Baruch de Spinoza [1677]: Ethik, Kapitel 1 [Über Gott], Anhang: „Antwortet man, es sei so gekommen, weil der Wind wehte und weil der Mensch gerade dort vorbeiging, so wenden sie dagegen ein: Weshalb hat der Wind gerade damals geweht? Warum ist der Mensch gerade damals dort vorbeigegangen? Erwidert man darauf: Der Wind fing damals zu wehen an, weil das Meer tags zuvor, bei noch ruhigem Wetter, in Bewegung kam, und der Mensch ging damals dort vorbei, weil er von einem Freunde eingeladen war, so wenden sie – da das Fragen keine Grenzen hat – abermals ein: Warum aber kam das Meer in Bewegung? Warum war der Mensch damals eingeladen? – Und so werden sie nicht aufhören, fort und fort nach den Ursachen der Ursachen zu fragen, bis man zum Willen Gottes seine Zuflucht nimmt, d.h. zum Asyl der Unwissenheit.“


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