Schwarzes Loch Aleppo

Dezember 2016. Ich sitz davor. Vor Bildern. Da wird gezeigt, was geschieht. Wird ein Ausschnitt gezeigt, von Geschehnissen, die sehr nahe gehn, muss doch nahe gehn, das Leid, das da gezeigt, die Tränen in der Nahaufnahme auch, das geht, natürlich geht das nahe. Und doch weit weg auch, weil ist weit weg. Ich rück drum näher ran, um zu begreifen, mit jeder Meldung wandert fast mein Kopf nach vor, berührt die Nase schon das Weltgeschehen, nur wird's nicht klarer so, das Bild, die Schärfe tut fast weh, hoch aufgelöst, es verwischen jetzt Bewegungen, es zerfällt dann irgendwann. In Ecken und in Kanten. In der größten Nähe zu den Bildern sitz ich in meinem Wohnzimmer und bleib in weitester Entfernung. 

So weit also, kommt es mir vor. So weit weg. Weil wie denn auch? Ich war nie dort. Weit von der Distanz und weit auch von der Zeit her, weil wie weit reicht's denn zurück, dass die ersten Bilder ausgestrahlt, die ersten Meldungen des Krieges, der Krieg da, der ist doch, seit ich fast schon denken kann, ein Pulverfass, so sagt man's doch. Da unten alles Pulverfass. Ok, ist nicht der selbe Krieg wie in Afghanistan, wie im Irak, war auch ein andrer Krieg davor, der wieder aus dem Krieg davor, und noch davor, und wär der wiederum davor niemals gewesen, wär dann der hier, in dem Bild Dezember '16 anders oder gar nicht, wer kann's sagen? Pulverfass. Seit 1983 jedenfalls, denn da bin ich geboren, und niemals hab ich anderes gehört wie: dort unten ist halt nichts zu machen, mit dem Frieden.

 

So weit also. So weit. Und ich tret kurz zurück, vom Bildschirm, trink etwas, schnauf durch, blick aus dem Fenster über Wien, hier leuchtet's nur nach Weihnachten, so weit das Aug. Und auch sehr weit verzweigt, sag ich mir, zu Weihnachten in Wien, ist's doch. Der Hauch beschlägt die Fensterscheibe, ist's doch. Verzweigt, verwoben, undurchschaubar, wer hat jetzt Schuld, und wer ist im Recht und mit welchem Recht kann hier von Schuld, und dieses Versuchen, das alles zu denken, lässt mich das Fenster endlich öffnen, über Wien, wo Stille Nacht und so, sodass ich schwer damit zu kämpfen hab, hier zu begreifen, wie's dazu kommt, denn überhaupt, zu diesen Bildern. Nein, wie ein Bild gemacht wird, ist schon klar, aber das, was gemacht wird. Warum wird dort schon wieder, wieder, wieder, wieder, ein unaufhörliches, so kommt's mir vor, Szenario einer Vernichtungshysterie. Apparatur der Macht durch andre Mächte, auch der meinen, denn was hat meine Kapitalanlage mit der Aufrüstung zu tun? Das zu begreifen ist nicht leicht, so sag ich, hab damit zu kämpfen.

 

Und stopp. Das stimmt doch nicht. Wie kann ich denn? Ich hab doch nicht das Recht, wieso sollt ich hier bitteschön zu kämpfen haben, kann ich gar nicht sagen, das Wort vom Kampf, wenn da drin doch im Bildschirm vor mir, und nein, auch nicht da drin, da drin nur die Projektion, das Abbild, das mir Gezeigte vom Kampf, aber der echte, der wahre, die Wirklichkeit. Sie sollten doch, verdammt nochmal, aufklären, die Meldungen der Gegenwart, doch vernebelt's mir heut die Sicht, aufgrund der Bilder. Denn, das frag ich mich, was ist tatsächlich? Tatsächlich weiß ich gar nicht viel. Was weiß ich denn? Ich mein. Ich sitz davor, schau, wie ich auf so vieles schon geschaut, ist man ja gewohnt, das Schauen der Katastrophen als Schlagzeile, ein Kurzbericht, Stellungnahme, wer nimmt hier welche Stellung ein, wer nimmt mir meine Stellung ab, meine Verantwortung, dass ich hier doch selbst, meine Position bestimmen sollt, ich weiß noch nicht mal, wo der liegt, genau, der Ort, um den es geht. Und meine Position dazu.

 

Aleppo also. So steht's da, als Name mir in der Verzeichnung meiner Welt, den Atlas vor mir ausgebreitet, das erste Mal such ich bewusst nach dieser Stadt, die hier seit Tagen, Wochen, Monaten über die Bildschirme uns flimmert, mal mehr, mal weniger, mal fast verschwunden wieder, auch schon weg, mein Finger fährt das Blatt Papier nun endlich Breitengrad für Breitengrad entlang, Aleppo. Wie unaufmerksam blättert man durch Gegenden, die einem beiläufig, belanglos auch erschienen haben mochten, denk ich. Ich hab die Landkarte von Israel sehr gut in mir, auch von Ägypten, auch Zypern kann ich mir verorten, könnt Zeichnungen versuchen auch vom Ende von Europa, dem Übergang zu dem, was man den Nahen Osten nennt, seh Istanbul vor mir, den Bosporus, der Finger hüpft nach Ankara und weiter, was ist weiter? Weiter dann ist nichts. Hier ist mein Wissen sehr begrenzt, knüpft an, vielleicht, erst wieder irgendwo bei Bagdad, Teheran? Und wenn ich ehrlich bin, spring ich im Innern am liebsten einfach da drüber, über alles was an Osten hier so nah sein soll, ins Ferne. Denn fernöstlich kenn ich mich schon wieder aus, ab Indien fühl ich mich fast daheim, da hab ich auch die Reiseführer alle gelesen und mir auch eine Auszeit endlich geplant, ich war auch dort, also: das ist eine Welt, die kenn ich. Ich hab ihn noch genau vor mir. Mein Ferner Osten ist mir, scheint's, recht lieb, viel lieber als der nahe.

 

März 2016. Ich flieg grad durch die Nacht. Von Paris aus abgehoben. Das Gepäck eines Urlaubs endlich dabei. Und auf dem Bildschirm vor mir, angeschnallt im Sitz, steht groß der Name einer Stadt: Hanoi. Ich verbind den Traum damit, Exotik, Abenteuer auch, das viele gute Essen, Schärfe, Chaos, Wildheit, ich war noch nie in Asien, Hanoi. Ich bin ein Punkt, der wandert nun dem Ziel entgegen, Stunden vergehn, der Punkt wird unaufhörlich seinem Traum da näher rücken, draußen neigt der Tag sich, sagt man doch, die Neigung meines Lichts, das sich nun in die Abendstimmung wandelt. Schön. Echt schön. Schau da raus, ich als Punkt über der Welt, fast frei, Hanoi als Glück, wo's hingehn soll, echt schön. Hab Europa bald nun hinter mir gelassen, das Mittelmeer am Bildschirm rückt nach links, und mehr und mehr zeigt sich ein andrer Kontinent, echt schön, und das tut gut, der Gedanke, hinter sich zu lassen, wo man her ist, abzuschalten, alles zu vergessen, für einen Monat fernöstlich sozusagen, sagt man doch, für den eignen Seelenfrieden. Da folg ich immer noch dem Punkt von meinem Sitz aus, angeschnallt, und aufgeklärt, wo Rettungsweste, Maske für den Sauerstoff, falls doch ein Notfall, es wird doch kein Notfall, die Tragfläche blinkt neben mir, das Fenster zeigt als Schimmer noch die Dämmerung des Abendlandes, und jetzt erst merk ich's, ich bin drüber. Direkt da. Da muss es sein.

 

- - - - - Aleppo. - - - - - Es ist ruhig. Alle hier schlafen. Over-Night-Flight. Die Fensterscheibe des Flugzeugs ist kalt. Die Wange legt sich ran. Die Stirn. Ich wag den Blick. - - - - Aleppo. - - - - Wollt eigentlich den Abstand, da sucht das Aug mir nun die Nähe zum Unfassbaren, Aleppo. - - - - Kann ich's sehen? Kann ich's verstehen? - - - - Auch wenn's doch unmöglich aus der Luft, über Wolken sind wir vielleicht, es ist doch dunkel, und so weit weg, und doch: da unten sterben Menschen. - - - - Vielleicht sieht man im Finstern Lichter auch, wer weiß? - - - Libanon. Syrien. Irak. Iran. Afghanistan. Pakistan. - - - Wollt doch gar nicht denken, an Probleme, wollt doch das Abschalten der Bilder, ganz bei mir, fernöstlich, da führt die Flugroute des Seelenfriedens über Schauplätze des Terrors, der Terror jetzt auch, lang schon freilich, Fluggast neben mir, ich hab ihn angeschnallt, ohne es gewollt zu haben. Wollt drüber stehn, über den Dingen, drüber fliegen, jetzt fall ich in ein Loch.

 

Das Aug sucht in dem Finstern einen Halt, doch nichts. Kein Funken hier, kein Zeichen einer Regung. Umhüllt die Wahrnehmung von Nacht. Ein schwarzes Loch Aleppo. Und draußen rauschen Triebwerke, ich bin, ich hatt es fast vergessen, am Weg doch hier zum Urlaub. - - - - Und wie absurd. Meine Mutter hatte noch gesagt, da ist doch Krieg, wo du da hinfliegst. Ich erzähl ihr, he, ich flieg nach Vietnam, und sie, in ihrem Ernst, da ist doch Krieg. In Vietnam. Gott, Mama, hab ich dann gesagt, das ist vorbei, da ist doch lang schon wieder Leben. Sagt man doch. Da ist ein Leben. Vietnam, ok, das war einmal, ein blutdurchtränkter Schauplatz, der hat auch, ja sicher, Generationen lang betroffen, aber jetzt? Die Zeit heilt, wie sagt man's? Ist's so, tatsächlich, mit den Wunden? Hab noch gelacht, dass meine Mutter an den Krieg bei Vietnam und ich? Ich kann, wenn ich nur Nahen Osten leise flüstern hör, gar nicht umhin, dass ich an Bomben denk, ich seh sie. Massenmord, Verrohung, Abschlachten der Menschenwürde, Männerfratzen, Gotteskrieger, Mittelalterbarbarei, Geschäft mit der Gewalt, Totalzermürbung, Kollaps, Kapitalverbrechen, Landstrich ohne Zuversicht, und alle diese Bilder folgen ansatzlos und rastlos nicht mal innerhalb einer Sekunde mir dem Namen dieser Stadt, hörst du's? Aleppo. Ganz so, als würden sie nicht loszulösen sein von ihm. Der Ort ist Krieg. - - - -

 

Alles noch ruhig. Alles noch schläft. Over-Night-Flight. Und ich male mir aus, derweil der Punkt mir weiterhuscht, ist das der Hindukusch?, was wär in zwanzig Jahren? Würden meine Kinder, so ich sie denn hätt, in fünfzehn, zwanzig, dreißig Jahren, denn von Syrien dann reden, von Bombenhagel Syrien, von Pulverfass Irak, von Afghanistan, der Achse der Vernichtung, als ein Gebiet, in das man reist, weil, ja, weil einfach Urlaub ist? Mama, hör zu, Papa, hör zu, hör ich sie sagen, meine vorgestellten Kinder einer mir erhofften Zukunft, Mama, Papa, wir fliegen nach Damaskus, reisen weiter auch nach Homs, wollen dazwischen vielleicht nach Beirut, vielleicht später nach Mosul, davor aber endlich in die schöne Stadt Aleppo, es soll pulsierend sein. - - - - - Die Kinder, die in meiner Vorstellung da aufbrechen ins Syrien der Utopie, ich würd ihnen nur nachsehen, atemlos vermutlich, auch die Hand noch heben und dann rufen: wartet, Kinder. Wartet doch, ihr könnt doch nicht, das ist doch. Syrien, Libanon, Irak, da ist doch, das ist, alles, seit ich denken kann. - - - - - Und immer noch ist's ruhig um mich im Flieger, Schlaf soweit das Auge, draußen monoton das Triebwerk. Und ich bin jetzt ganz froh, wenn ich ganz ehrlich bin, dass da eben gar kein Licht zu sehen war. Weil, so denk ich plötzlich, wenn da ein Licht gewesen wär, was würd's gewesen sein? Ist die am weitesten hin sichtbarste Erhellung nicht immer auch die schlimmste Explosion der Grausamkeit? Nur Bombenfeuer streuen Lichter in die Welt hinein. Fast gut also, dass hier heut nur die Nacht über Aleppo.

 

Februar 2017. Lang bin ich zurück. Zurück von Urlaub. Zurück von Auszeit. Wieder drin im Alltag, sagt man, in der Zeit, die mich umgibt. Wieder gefangen auch, weil viel zu tun ist. Ist doch immer was zu tun. Und wieder fährt mein Finger über Karten in dem Atlas. Such die Namen ab jenes Gebietes, das mir nun schon, mit der Schärfung meiner Wahrnehmung, auch etwas näher wirkt. Ich hab Amer kennengelernt. Er sagt, Aleppo war die Metropole seiner Jugend. Ist dort groß geworden, hat studiert und dort gelebt. Amer, ein Lachen, Freundlichkeit, angekommen nach der Flucht, und aus Aleppo. Fast 10 Jahre jünger ist er als ich selbst. 2.158 km Luftlinie entfernt von mir erwachsen geworden. Und redet doch von Dingen wie jeder junge Mensch. Hoffnung und Wünsche. Ehrgeiz und Antrieb. Spaß und Dummheit. Familie und Freunde. Liebe. Viel geht es um Liebe. Amer ist verheiratet. Seine Frau ist immer noch dort, in Aleppo. Er versucht sie nachzuholen, zu sich, nach Österreich. Er versucht hier ein Leben zu finden. In Österreich. 2.158 km Luftlinien. So weit also. Und doch nicht. Lissabon ist weiter entfernt. Aleppo. 1,7 Millionen Einwohner hatte die Stadt, als er da war. Aleppo. Eigentlich wie Wien. Für Amer ist es ein Ort mit vielen Bildern. Für mich gibt’s nur eins. Den Schutt in den Straßen. Ich kenn nicht das Davor. Ich seh nur auf das Jetzt. Und am Ende bleibt nicht viel. Ein Nach-Ort, so ein Katastrophenort. Immer schon am Zerfallen, ehe er in meine Aufmerksamkeit rückt.

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