Ich und Sellner

Heute morgen traf ich Sellner und es war ein anderer Sellner. Ich kannte Sellner als einen, der alles ablehnte, was man als Integration bezeichnen mochte. Der Migration als das Grundübel der Gegenwart proklamierte und übelste ethnozentristische Konzepte beschwor. Der diesen Zentrismus mit krudem Nationalkonservativismus vermengte und mit einschlägigem Rassismus in die Echokammern seiner Klientel hinausposaunte, mit narzisstischem Hang freilich, denn er gefiel sich darin. Vor allem aber kannte ich Sellner nicht persönlich, sondern lediglich aus seinen Wortmeldungen, Videobotschaften und Texten heraus, in denen er jeglichen Versuch eines solidarischen Zusammenlebens von vermeintlich Gegensätzlichem für gescheitert erklärte, in denen er außerdem den Gegensatz als gesetzt annahm und als Begründung heranzog für seine alles trennende, ja spaltende Ideologie. Dieser Sellner aber, den ich heute morgen traf, hatte seine nationalpatriotischen und reaktionäridiotischen Ideen vollkommen abgelegt und sprach unerwartet Utopisches und mehr noch: Sellner stand, als ich gerade noch nichts ahnend von neuerlichen Terroranschlägen, atomarer Aufrüstung, Choleraepidemien, Hakenkreuzdemonstrationen und Wahlkampfberaterverhaftungen las, an der Lichtenfelsgasse Ecke Rathausstraße in Wien und verkündete in einer Mischung aus Gospelgesang und sogenannter Weltmusik den globalen Frieden. Er trug ein weißes Hemd, weiße Leinenhose, war barfuß und trommelte auf Bongos. Sein Gesicht hatte er in Regenbogenfarben hineingetaucht und er glitzerte auch ein wenig.

 

Erst traute ich meinen Augen nicht. Ich wollte mit Sellner reden, doch er sang unbeirrt von Meeren, die zu überqueren wären und Brücken, die entstünden, und er überreichte mir in ekstatischer Heiterkeit seine neue ideologische Ausrichtung in Form eines Flugblatts. Ich konnte nicht anders, als seine Zeilen, die ich in der Lichtenfelsgasse Ecke Rathausstraße am Weg zur Nationalbibliothek nun unverhofft in Händen hielt, sogleich abzufotografieren und an meine Frau zu schicken, mit dem Vermerk, dass es sich dabei wohl um die Worte eines vom Hitzeschlag Getroffenen handeln musste, oder, und das soll ja vorkommen, um ein Wunder. Sellner schrieb jedenfalls Folgendes:

 

Ich, Sellner, gestehe. Ich hatte es nicht für möglich gehalten. Aber es ist alles anders als gedacht. Noch vor drei Wochen war ich überzeugt. Ich brach auf. Ins Mittelmeer. Mit einem Schiff. Samt meiner Mannschaft. Die Mission: „Defend Europe!“ Wir stachen in See, um das zu tun, was andere nicht übers Herz brachten; die gerechtfertigte Rückführung nämlich der Afrikanermenschen back to the roots. Soll heißen: Zurück auf deren Afrikanerkontinent, der doch ein anderer war, schon von der Natur her, wie der Europäerkontinent. Die Wiederherstellung also der natürlichen Ordnung, nichts weniger wollte ich mit dem Schiff, das ich finanzierte, und mit meiner Mannschaft, die ich anheuerte, erreichen.

 

Und es hat sich gut angefühlt. Auch als die Häfen der eigenen europäischen Küsten uns nicht mehr an Land ließen, aus einem billigen Boykott heuchlerischer Inszenierung heraus. Auch als unser Kapitän verloren ging, da man ihn verhaftete (ebenfalls eine verlogene Inszenierung unserer Gegner). Und auch noch als der Motor unseres Schiffs ausfiel. Ich war überzeugt: wir taten das Richtige! Doch dann kam der Feind. Dieses verfickte zu uns geschickte NGO-Schiff, so dachte ich es in jenem Moment der bitteren Niederlage. Diese Gutmenscheneuropäer auf den Gutmenschenschiffen, die jeden Herausgefischten auf die falsche Seite des Meeres brachten und damit selbst zu verfickten geschickten Schleppern wurden, so dachte ich es in jenem Moment, die können mich am Arsch lecken kreuzweise. Die Dummheit dieser Integrationsphantasten konnte ich nur bespucken und auslachen. Sie maßten sich an, mir, Sellner, aus der Patsche zu helfen, beugten sich großkotzig herab, um mich und mein antriebsloses Schiff, so sagten sie es in jenem Moment, abzuschleppen, was sie mit einer Verpflichtung zur Hilfe zu rechtfertigen versuchten, denn In-Seenot-Geratene nannten sie uns. "Nicht wir, die Identitären, sind in Not! Europa ist's!", so rief ich noch aus, vor versammelter Mannschaft an Deck. „Kein geschicktes VERFICKTES NGO-Schiff schleppt uns ab!“ Aber sie wurden schwach. Männer. Pah. Memmen. Ok, sie hatten Durst. Aber ich doch auch. Und ich war immer noch, dem Durst trotzend, überzeugt...

 

Während alle anderen also überliefen, zum Feind, während mein Schiff jämmerlich am Haken der Willkommenheits-Unkultur hing, fixierte ich das Meer. Jenes Meer, das zur Freifahrt illegaler Völkerverwanderungen freigegeben worden war. Ich und das Meer, und mehr brauchte ich nicht. Wozu war ich denn aufgebrochen? Um ein Zeichen zu setzen. Und da sprang ich. Ich, Sellner. Aufrecht. Unbeugsam. Und identitär. Hinein ins Meer...

 

Stunden, vielleicht Tage später, auf einem improvisierten Floß aus Kanistern und Planen, stand ich dann nur mit mir selbst. Meine Hände zerschnitten von den scharfen Kanten des Plastikmülls, der mich trug. Meine Mundhöhle ausgetrocknet. Meine Haut verbrannt von der Sonne. Wäre ich so auf Menschen gestoßen, sie hätten kaum noch einen Europäer vor sich gehabt. Ich wusste, ich brauchte Wasser, denn die Zeit war gegen mich. Doch noch stand ich aufrecht. Unbeugsam. Und identitär. Das Meer lag in einer Stille. Viel zu still für diese unruhige Gegenwart. In meiner Hybris damals ersehnte ich nun den Sturm, der mir lieber gewesen wäre, als die unerträgliche Ruhe. Der Sturm entspräche mehr meinem Naturell; jener Natur nämlich, die ich gewohnt war zu denken, und die ich als einer der letzten in dieser unruhigen Gegenwart lautstark und mit Vehemenz vertrat, während alles rundherum verweichlicht und konturlos geworden war. Eine Natur, die ich mir damals noch über die Abgrenzung des einen zum anderen heraus erdachte, die mir also eine Natur der gegebenen Grenzen war, jener etwa zwischen Mann und Frau, denn ein Mann war ein Mann war ein Mann! Ich, Sellner, der letzte Aufrechte in der gleißenden Hitze eines verlogenen Jahrzehnts vor den Küsten Europas.

 

„Küsten Europas“ wiederholte ich. Und ich weiß noch, wie diese Wortgruppe schwer auf meiner Zunge lag. Ich sprach die Konsonanten nur mehr undeutlich, doch im Begriff, in der Idee war ich mir klarer denn je. Und ja, auch wenn alles gegen mich spräche, an dieser Stelle der Geschichte: die körperliche Verfassung, die technische Ausrüstung, das Fehlen einer Orientierung, das Fehlen eines Bootes, die Absenz meiner Mannschaft... ich würde mir niemals diese Küsten nehmen lassen.

 

Doch die Küsten waren nicht mehr da. Ich trieb haltlos. Und die Angst kroch heran. Erst lachte ich noch auf, gleich einem Irren auf hoher See. Ich sagte mir, es ginge um eine höhere Moral. Ich, Sellner, als Mauer, an der die Wellen der Migration abprallen würden, und dunkelgallige Reste von Speichelflüssigkeit tropften aus meinem Rachen auf die Planke, die keine Planke mehr war, aber in meiner Halluzination stand ich noch als Kapitän des größten je gesehenen Abschiebungsmanövers des neuen Jahrtausends an vorderster Front. „Der große Austausch hat ausgeschissen!“, so rief, martialisch und in der Pose des geliebten Führers, da stieß mein Floß auf einen Toten...

 

Ich verlor die Balance. Kippte nach vor. Schluckte Salzwasser. Ich hievte mich hoch, rieb die Augen, sah die Tatsachen. Ein lebloser Mann trieb neben mir. Schwarze Haut, aufgedunsen, aber noch als Mensch erkennbar. Er steckte in seiner Schwimmweste... Nie zuvor war ich einem Afrikaner so nahe gekommen. Haut an Haut... Ich kniete nieder. Aus einem Reflex heraus, den ich bislang noch nicht an mir kannte, den ich noch abtun wollte, zu unterdrücken suchte, der aber stärker war, fasste ich nach der Hand des Ertrunkenen. Dessen Kopf fiel etwas nach hinten. Ich sah nun sein Gesicht. Er war jung. Ich dachte kurz darüber nach, ihn zu mir aufs Floß zu holen. Ihn zu bergen.... Es war seltsam, dieses Wort zu denken. Ich legte es mir in einem Akt der sprachlichen Erneuerung, wie ich es heute nenne, auf meine Zunge. Die „Bergung“. Am Meer. Wieso am Meer? Als Österreicher ist die Bergung eine alpinistische Tätigkeit. Jemanden vom Berg wieder herunter zu holen ist Ehrensache. Die Ehre... Hört sie auf, nur weil die Alpen fehlen? Ist die Bergung nicht doch weltweit eine ehrbare Menschenpflicht? So fielen meine Gedanken durcheinander. Und ich dachte weiter. Was heißt es, wenn man einen Menschen ungeborgen zurücklässt. Also ignoriert. An ihm vorbeisieht. Eben nicht birgt. Bleibt er dann im Verborgenen? Geht es letztlich also hier, in dieser Migrationsfrage, um die Sichtbarmachung? Sollten wir nicht all diese Menschen, von denen wir gar nichts Genaues wissen, aus dem Verborgenen heraus heben? Was birgt das Meer nicht alles an Ungeheuerlichem... Wir wissen viel zu wenig. Gerade von Afrika... Und so dachte ich, Sellner, nicht mehr aufrecht, nicht mehr identitär, sondern an mein Floß geklammert, und ich dachte es, ohne es eigentlich denken zu wollen...

 

Dann brach die Nacht herein. Ich lag verkrümmt auf meinem Überbleibsel von Existenzgrundlage. Die Seile, mit denen ich die Kanister verbunden hatte, wurden mürbe. Die Zeit verlor ihre Bedeutung. Und ich stellte mir die wichtigste Frage meines Daseins: Was war meine Identität? Ich suchte nach meinem Reisepass, der war aber lang schon im Wasser aufgelöst. Stattdessen langten meine Finger in ihrem Zittern an das Messer heran, das ich, wie es mir mein Großvater beigebracht hatte, immer bei mir trug. Ich klappte die Klinge auf und ritzte mir in die eigene Haut, um zu sehen, ob mein Blut wenigstens noch mein Blut war, und ich verglich mich von innen heraus mit dem Toten, der noch immer neben mir hertrieb. Ich sehnte mich nach Unterschied, doch hatte uns die Natur gleich gemacht. Da stießen mir plötzlich in meiner flirrenden Imagination, ohne Wasser und kurz vor meinem Ende, die Gründe des Meeres nach oben, sie hoben sich an, sie bildeten die erhabenste Gebirgskette, die ich jemals gesehen hatte, und auf ihnen lagen die Leichen eines jahrtausendealten Ausbeutungszusammenhangs. Und unausweichlich zeigte sich mir auch die geografische Einheit meiner Küsten Europas mit jenen Afrikas. Das Meer sollte uns keine Trennung sein. Es ist die Brücke. Und ich übergab mich letztlich in dieser abschließenden Erkenntnis... Ein Lichtkegel erfasste mich hernach, irgendwann. Die Nacht wurde laut. Ein Hubschrauber kreiste über mir. Der Afrikaner war derweil versunken.

 

Das waren Sellners Worte, die er auf seinem Flugblatt seither wohl unentwegt und rastlos an Passanten verteilte. Ich schüttelte unwillkürlich den Kopf, war verblüfft, auch etwas irritiert ob der Plötzlichkeit seines Gesinnungswandels, auch wusste ich nicht, ob ich ihm und seinen Worten trauen sollte, doch ich konnte nicht anders, als auf der Stelle zu ihm, Sellner, zurückzulaufen, um zu überprüfen, wie viel Tatsächlichkeit in seiner doch sehr seltsamen und unglaubwürdigen Schilderung steckte, und was er nun als ein Prediger des Utopischen denn wolle, ja, was ich denn mit dieser Heilsgeschichte anzufangen hätte, gerade wenn ich doch eben erst wieder, am Weg in die Nationalbibliothek, von neuerlichen Terroranschlägen, atomarer Aufrüstung, Choleraepidemien, Hakenkreuzdemonstrationen und Wahlkampfberaterverhaftungen las, von einer Welt also, die alles andere bräuchte, so war ich der Meinung, als bloße Weltverbesserungsgesänge, sondern sehr konkrete und handfeste Pläne, die man angehen konnte, und keinen Populismus nun von der anderen Seite. Das alles wollte ich Sellner nun zurückwerfen, der ja scheinbar so tat, als reiche es, jeden Demagogenarsch einmal im Leben am Mittelmeer auszusetzen, doch Sellner war in der Zwischenzeit dabei, in der Lichtenfelsgasse Ecke Rathausstraße, einen ganzen Vortrag zu halten, in überraschender Wortgewandtheit, samt Querverweisen und Exkursen. Er gliederte seine Ansprache in mir durchaus einleuchtende Abschnitte, in denen er von seinem alten biologistischen Konzept der Ethnien scheinbar abging und einen phänomenologischen Ansatz versuchte, der erst die Wahrnehmung des afrikanischen Kontinents durch die europäischen Augen problematisierte, dann einen groben Aufriss der europäischen Kolonialgeschichte lieferte, was Sellner zur Frage gerechtfertigten oder ungerechtfertigten Wohlstands brachte und einige exemplarische Versuche sogenannter Entwicklungshilfe für die Dritte oder die Eine Welt erläutern ließ, welche er wiederum für mehr oder weniger gelungen hielt, bis er, und darauf wollte er letztlich hinaus, seine Idee einer radikalen Umverteilung darlegte, nicht nur von Kapital, sondern von Wissen, von Infrastruktur, von ökonomischen und ökologischen Grundbedingungen. Er rief zur langfristigen Investition in abgehängte Gebiete auf und wollte selbst an einer Pilot-Stadt mitbauen, die als demokratische Oase, so nannte er es, inmitten eines Wüstengebiets ertesten solle, ob es nicht lange an der Zeit wäre, anstatt den Mars zu erforschen, Afrikas Zonen der durch Gewalt und Armut beschleunigten Absiedelung mit neuester Technologie und größtem Finanzaufwand zu revitalisieren. In den letzten Teilen seiner Ausführungen, die wohl zwei, drei Stunden dauerten und nun bereits eine ganze Menge an interessierten Zuhören angelockt hatten, zerlegte Sellner endlich die aktuelle Migrationspolitik Europas und auch Österreichs, kritisierte die fatale Konzentration der derzeitigen Handlungsträgerinnen und Handlungsträger auf das Thema der totalen Sicherheit, in deren Aufrechterhaltung und Ausweitung Milliarden flössen; Gelder, die längst an anderer Stelle, in der Förderung lokaler Bäuerinnen und Bauern in klimatisch bedrohten und systematisch ausgebeuteten afrikanischen Landstrichen etwa, Besseres zu Tage gebracht hätten, vielleicht sogar das, was man einen Hoffnungsschimmer nennen würde, wäre nur etwas mehr an Verstand und Humanismus am Werk gewesen. Sellner kam nun so richtig in Fahrt, holte aus, in alle extremen wie auch gemäßigten Richtungen politischer Couleur, brandmarkte die Kurzsichtigkeit dummer Populistinnen und Populisten, zu denen er in früheren Tagen selbst gezählt habe, und legte offen, wie wenig Ehrlichkeit im politischen Diskurs vorherrschte, der weit davon entfernt wäre, überhaupt Diskurs zu sein, als vielmehr Brandbeschleuniger aktueller Krisenherde. Er befürchte außerdem, so rief er zuletzt, in der Lichtenfelsgasse Ecke Rathausstraße, dass seine früheren rechtsextremen Sätze und Texte, die er in seinem alten Leben formuliert hätte und die er mittlerweile zutiefst bereue und hiermit auch zu widerlegen gedachte, bereits lange schon in der Mitte des hiesigen Wahlkampfs Einzug gehalten hätten, weswegen er auch genau hier stünde, wo er stehe, in der Lichtenfelsgasse Ecke Rathausstraße nämlich, und er warne vor der stupiden und bedrohlichen Demagogie, als jemand, der wisse, wovon er spräche, wäre er doch selbst, so meinte Sellner, einer der schlimmsten Angstbeschwörer und Gewalthetzer gewesen. Anstatt permanent über Bedrohungsszenarien zu reden, schlüge er vor, die Gerechtigkeitsfrage zu stellen. Der Mensch bräuchte weniger die Doktrin einer Staatssicherheit als vielmehr die Selbstermächtigung des Subjekts, die Selbstsicherheit also, so meinte Sellner.

 

Nun war die Menge, die sich um ihn gebildet hatte, bereits angewachsen, und es gab erste Sprechchöre, Jubel für seine mitreißenden Worte, zustimmendes Nicken seinen Ausführungen gegenüber, sodass vom nahen Rathauspark und auch vom Volksgarten und sogar vom Burggarten hunderte Menschen herüberströmten und laut klatschten. Sellner begeisterte mit seinen Vorstellungen einer besseren und gerechteren Welt, trotz oder gerade wegen der Geschichte seiner tragischen Läuterung im Gewässer irgendwo vor den Küsten Europas. Das alles, und das wurde mir erst nachträglich klar, hätte heute morgen der Anfang sein können, einer durchaus stattlichen und mutmachenden Bürgerbewegung, in einer Zeit, in der doch von überall her Bewegungen die etablierten Parteien abzulösen gedachten, und ich war schon kurz selbst davor, mit Sellner hernach auf ein Bier gehen zu wollen, so enthusiastisch riss er die Worte in die Höhe, die man ansonsten ob ihrer Unmöglichkeit in den Schubladen des Pragmatismus wegsperrte, da räumte, wie meist, wenn etwas wirklich in Bewegung gerät, die Polizei die Straße, denn Sellner hatte freilich weder seinen Gospelgesang noch seine Kundgebung ordnungsgemäß angemeldet. Er wurde, und das war das letzte, was ich von ihm aus heutiger Sicht weiß, in weißem Hemd, weißer Leinenhose, barfuß und samt den Bongos, bemalt in Regenbogenfarben, abgeführt.

 

Erst gab es noch Proteste ob der Intervention der Staatsgewalt. Die waren nachmittags aber schon wieder vergessen. Nur ich stand noch immer, mit Sellners Flugblatt in Händen und kopfschüttelnd ob der seltsamen Vorkommnisse an diesem Morgen, in der Lichtenfelsgasse Ecke Rathausstraße, und sah erst jetzt das Schild am Eingangsportal, vor dem sich Sellner für seine Rede aufgebaut hatte. Es war die Bundesparteizentrale der Österreichischen Volkspartei. Ich blickte stumm hoch, da schloss sich oben ein Fenster. Durch die Scheibe erkannte ich noch deutlich die Silhouette des Spitzenkandidaten der Österreichischen Volkspartei, der (so hatte Sellner letztlich doch Recht behalten mit seiner Befürchtung) dem derzeitigen Wahlkampf einen unnachahmlichen Stempel amikal vorgetragener Fremdenfeindlichkeit aufdrückte. Die rechte Ideologie versprach, so dachte ich es zuletzt, ehe ich weiterging, der bürgerlichen Mitte einen fast schon greifbaren Wahlerfolg. Es war also lang schon in aller Munde, das Identitäre. Mit oder ohne Sellner.

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