Wider den Fassaden

Am Heldenplatz sitze ich auf einer Parkbank und blicke auf das provisorische Parlament. Ich mag diese schlichten, funktionalen Containerbauten, die vorübergehend zum Ausweichort des Demokratischen wurden, solange das eigentliche Parlament am Ring noch Baustelle ist. Man hatte dem alten Parlament wohl zu lange zugesehen, in seinem Zerfall, jedenfalls wurde erst spät reagiert – da tropfte schon Wasser in den Sitzungssaal. Seit gut einem halben Jahr wird es grundsaniert.

 

Die Nachricht vom desolaten Zustand des Ortes des Demokratischen in diesem Land hatte mich damals durchaus getroffen, zumal es auf mich stets den Eindruck des Beständigen machte, das alte Parlament – und so wirkte auch die Demokratie auf mich lange Zeit unverrückbar, fest ummauert und gleich einem Tempel von Säulen bewacht. Seit den Erosionsvorgängen in den politischen Grundfesten aber, deren Beginn wohl länger zurückreicht als gut ein halbes Jahr, sehe ich, wie sehr Fassaden einem den Blick verstellen können und wie wenig es Mauern sind, die eine Republik absichern.

 

Daher mag ich das Provisorium, auf das ich von meiner Parkbank aus blicke. Die beiden zweistöckigen Containerbauten sind in ihrer geometrischen Strenge eigentümlich schmucklos, ein harter Kontrast zur umliegenden Hofburg und umzogen von einem schwarzen, leicht transparenten Netz – darauf abgedruckt, in klaren, weißen Lettern, Wörter und Sätze aus der Verfassung, Schriftbänder gesellschaftlicher Vereinbarung. Ich lese, zwischen den Blättern eines Baumes durchschimmernd: Die Vermittlung von Kunst sowie deren Lehre sind frei.

 

Im Erdgeschoss des mir zugewandten Kubus gehen nun Lichter an. Ich sehe Silhouetten von Menschen an ihren Bürotischen. Eine Frau hängt ihre Jacke an einen Haken. Köpfe neigen sich vor, Blicke fallen auf Computerbildschirme. Papiere werden hin und her gereicht. Wassergläser gefüllt, geleert. Die Kopiergeräte und Drucker betätigt. Ich weiß nicht genau, warum, aber es tut mir heute gut, ihnen allen hier zuzusehen, von denen ich annehme, dass sie gerade am Gesetz arbeiten. Dass es nicht einfach so unverrückbar gesetzt ist, das Gesetz. Dass jede Vereinbarung zwischen den Teilhabenden einer Gesellschaft keineswegs aus dem Nichts kommt und für ewig da ist, sondern Provisorium bleibt – und daher beständig durch Hände geht, neu gesichtet, durchdacht und begutachtet werden muss, und angesichts der Wirklichkeit (dort außerhalb des transparenten Netzes) zur permanenten Überprüfung steht.

 

Ich kenne diese Menschen nicht und ich sehe nur ihre Umrisse. Sie werden ihre Tätigkeit wohl anders beschreiben als ich, von meiner Beobachterposition auf der Parkbank aus. Sie werden ihre eigene Wirklichkeit haben und ihren eigenen Blick auf die Veränderbarkeit der Umstände. Aber sie geben mir, durch den transparenten Vorgang hier im Provisorium am Heldenplatz, durch die bloße Einsicht in die Vorgänge des Demokratischen, mehr Zuversicht als alle historischen Bauten daneben. Gleich rechts vom mir liegt der Balkon, auf dem Hitler 1938 den Anschluss Österreichs verkündete, und nichts deutet darauf hin, dass dieser Vorgang stattfand. Direkt vor mir erstreckt sich der Präsidententrakt. Ich kann den Präsidenten derzeit kaum erahnen, jedenfalls blicke ich nur auf Vorhänge (vielleicht ist er auch gar nicht da). Links daneben, dem Präsidenten also gegenüber, das Kanzleramt. Auch ein Gemäuer, das kaum zulässt, Demokratie als Prozess der Öffnungen zu verstehen – zu leicht kann man sich dort fern jeglicher Einsicht in Innenräumen verschanzen.

 

Jetzt, zwischen viel Geäst und einem Singvogel, der ein Liedchen trällert, geht allerdings überraschend ein Fenster auf und, wer weiß, es könnte der Kanzler selbst sein. Doch er schaut nicht heraus, so sehr ich mich auch strecke, von meiner Beobachterposition auf der Parkbank aus. Ich sehe immer nur seinen Rücken. Er scheint sogar zu sprechen, der Kanzler, aber was er spricht verhallt in den eigenen Räumen. Nach außen erscheint nur sein Haar. Und es erklingt ein flacher, seichter Widerhall des Gesagten, nur ein paar Brocken, an denen ich versuche, den Sinn seiner Sätze zu rekonstruieren. Hat er vom Demokratischen gesprochen? Oder war da was vom Fanatischen? Phonetisch und auch kausal bleibe ich im Unverständnis zurück. Nun kreist noch dazu ein Gärtner auf einem motorisierten Rasenmäher um die Parlamentscontainer und stutzt die Grünfläche lautstark zurecht, denn der Frühling ist da, die Temperaturen steigen, die Touristenmassen drängen durch die Stadt und bald ist auch wieder Staatsfeiertag.

 

Ich warte noch ein wenig. Vielleicht dreht er sich um, der Kanzler. Vielleicht sagt er ja doch etwas heraus, zu mir, was er wirklich so meint und was ich unmittelbar auch so verstehen kann, ohne Hall und Widerhall der Räume repräsentativer Macht. Ich bitte sogar den Mann am Rasenmäher kurz anzuhalten, denn der Kanzler könnte uns etwas Ehrliches sagen, abseits von Fassaden, in voller Transparenz. - - - Aber nichts. Mit dem Rücken zur Welt lenkt er seine Geschäfte. Und die Worte, die das Provisorium vor mir umspannen, hat er, jedenfalls an diesem Tag, an dem ich auf meiner Parkbank am Heldenplatz sitze, nie wirklich gelesen.

 

Im Inneren des Provisoriums sehe ich noch lange die Umrisse der unentwegten Arbeit am Gesetz, die Frauen und Männer in diesem Erdgeschoss eines schmucklosen Containers. Und ich empfinde in diesem Moment stärker denn je die Verantwortung, daran mitzuwirken, dass die sie umspannenden Worte am transparenten Netz ihre Bedeutung behalten.

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