Die Wahl der Literatur. Eine Handreichung für Unentschlossene

Wieder also eine Wahl. So oft wurde selten gewählt, ist ja fast schon eine Dauerschleifenwählerei. Da kommt's einem fast schon durcheinand, was denn wieder zur Wahl. Ist's eine Wiederholungswahl, weil die erste Wahl zu einer Stichwahl, oder eine Scheinwahl, weil's eh schon entschieden die Wahl, eine Wiederwahl, weil das zuvor Gewählte eine Verzweiflungswahl, Anzweiflungswahl, Misstrauenswahl, Zuwiderwahl, ich bin ja sonst eher ein wahlloser Mensch. War lange der Meinung, ich muss nicht alles. Kann mich auch mal treiben lassen, ins wahllos Mögliche. An manchen Tagen ging's sogar so weit, ganz ehrlich, da wollt ich sagen, ich brauch das gar nicht, das mit dem Wählen, es stört, blockiert meine Beliebigkeitstagesgestaltung, macht mich grantig, belästigt auf ungut nervige Weise, ja, wenn's hart auf hart, da müsst ich fast sagen, so wie neulich, als ich las, jetzt wird schon wieder gewählt werden müssen, da sagte ich, ich hasse es, zu wählen.

 

Ist doch so, sagte ich. Ständig diese Überpräsenz des Wählerischen, wer zu viel wählt, dem brummt der Schädel. - Wer gar nicht mehr wählt, lebt in der Diktatur, sagte da meine Frau. Ja, eh, aber. Und ich ging mal in mich. Was dieses Aber. Warum diese Abneigung existierte, mich auseinanderzusetzen nämlich, mit dem, was wir die Wahlfreiheit. Es beginnt ja im Privaten, sagte ich. Ist ja im Privaten gar nimmer auszuhalten, was da alles. Zu einer Entscheidung mich drängt. Steh auf, in der Früh, und steh schon vor der Wahl. Mit welchem Aug schau ich zuerst in die Welt, dem linken, dem rechten? Worauf schaut mein Aug zuerst in der Welt, auf die Linken, die Rechten? Mit welchem Fuß tret ich aus dem Bett, was ist der falsche? Kann ich bewusst den falschen wählen, oder stellt sich's immer erst im Nachhinein raus, dass etwas falsch läuft. Kann ich bewusst die Falschen wählen, oder stellt sich immer erst im Nachhinein raus. Dass etwas ziemlich falsch gelaufen ist.

 

So dreht sich alles ums Wählen. Das Gewand. Der Kaffee. Die Nachhaltigkeit meines Frühstücks. Die Auswahl meiner Nachrichtenquellen. Warum wird’s mir nicht serviert? Bequemlichkeitswahl. Sogar im Bad. Wählte an diesem Morgen die Temperatur des Wassers, das aus dem Duschkopf, ich griff zur Armatur, und dann. Musste mich ärgern, weil meine Wahl plötzlich nicht respektiert, die Gastherme hatte ihre eigene Wahl getroffen, eine Schwankungswahl, mal so, mal so schoss es aus dem Rohr, ich wählte, jetzt erst recht, standhaft zu bleiben, so kalt kann's gar nicht kommen, dass ich nicht weiterdusche. Trat aus dem Bad. Unterkühlt. Wählte ein zu warmes Gewand, denn hatte mich entschieden, nicht auf die Wetterapp zu schauen, eine Stursinnswahl, sagte meine Frau. Schau doch auf die Wetterapp. Oder aus dem Fenster. - Ich schau lieber in meinen Kaffee, murrte ich. Mir ist heut eben nach Kaltwetterkleidung, respektiert doch, was ich wähle, wenn ich schon wählen muss. - Hat ja eh keiner was dagegen, gegen deine Wahl, sagte meine Frau und ging im Sommergewand, musst nur dann eben auch leben damit, mit deiner Wahl samt Kaltwettergewandschweiß unter der Hochsommerhitzensonne, und ich drauf: die hab ich ja gar nicht gewählt. Wer hat die denn bitte wieder gewählt, diese Sonnensonne, durch welche Klimakatastrophenwahl hat die denn jetzt die Absolute? Kann sich die nicht mal auf die Oppositionsbank? Ich mein. Was übernimmt die da die Verfassungsmehrheit dieser Erde hier? Was mischt sie sich ein, in die Verfasstheit meines Planeten, diese Klimaerzhitzungssonne? Und in diesem Ausmaß? Davon wusste doch keiner was davor. Die Auswirkungen konnte doch keiner erahnen.

 

Da fiel die Tür. Ich schnaufte. Wieder also ein Tag voller Entscheidungen. Ich wählte selbst sogar meinen Gesichtsausdruck. Wählte die Freundlichkeit. So ist's ja nicht. Wähle sie meist, die Freundlichkeit, auch wenn nicht immer alles freundlich, in mir drin. Aber ist einfach zu viel an Unfreundlichkeit, Missachtung, Hochmut in der Welt. Drum bemühe ich mich wenigstens, sagte ich auch meiner Tochter. Tochter, wenn du auch nicht immer gut drauf, sei wenigstens freundlich nicht gut drauf. Meine Tochter schaute mich an, mit voller Windel, sie lächelte dabei sehr freundlich. Ich wählte, die Windel sofort zu wechseln, so gut roch sie auch wieder nicht.

 

Wir verließen das Haus, machten uns auf den Weg, zu Fuß? Mit dem Bus? Dem Auto? Wieder eine Wahl. Meine Tochter und ich wählten den öffentlichen Verkehr. In der Großstadt ist's ja einfach, so sagte es dann die Mutter am Telefon, die Familie, die Verwandtschaft, das Land. Das Land hält freilich ebenfalls viel vom öffentlichen Verkehr, nur ist leider die Wahlmöglichkeit dort beschränkt. Wennst an der Bushaltestelle, aber der Bus ist nicht da, musst eben mit dem Auto. Sagt wer? Gesetzmäßigkeiten des Ländlichen? Gesetzmäßigkeiten des Gewohnheitsmäßigen? Gesetzmäßigkeiten der Verabsäumung rechtzeitiger Maßnahmensetzung? Auch das Land, wie es ist, haben wir uns so gewählt.

 

Meine Tochter und ich betraten, nach der Wahl eines Weckerls beim Bäcker und der Wahl der Worte an die Verkäuferin in der Bäckerei, die das Weckerl, das eigentlich für mich gewesen wär, meiner Tochter gab, und der Wahl, jetzt mal nicht so zu sein und meiner Tochter mein Weckerl zu überlassen, so betraten wir also, teils gesättigt, teils hungrig, den Buchladen. Ich stand vor Regalen mit Büchern, sah, es sind viele, meine Tochter sah das selbe, ich fragte, welches? Sie deutete auf alle, ich sagte, das sprengt unsere Kapazitäten, ihr war's egal. Ich erklärte meiner Tochter also in Kürze die Logik des Kapitalismus, dass das eigene reale Kapital eben meist begrenzt, während das andere ins irreal Unbegrenzte, und so weiter, ihr war's noch immer egal. Kann ich helfen? Die Frau im Laden wirkte so, als ob sie helfen könnte. Ich: Ja. Sie: Was suchen Sie? Doch damit begann erst das Unheil.

 

Die Sache mit dem Wählen ist ja immer auch eine Befragung des eigenen Lebens und zwar als Gesamtes. Bin ich eher ein schlankes Sachbuch? Oder ein Exemplar schwerer Belletristik? Bin ich ein Mehrbänder? Eine Zusammenfassung? Bin ich Reclam? Es ist ja nicht für mich, sagte ich, es soll ein Geschenk. Und die Buchladenfrau: Ich welche Richtung soll das Geschenk? Wieder diese Richtungswahl. Als ob alles immer auf der Waagschale. Als ob jeder falsche Schritt uns jetzt in den Abgrund. Jedes falsche Kreuz am Wahlzettel uns in den Faschismus. Die Richtung, so sagte ich etwas allgemein, wär die Literatur. Nun, sagte die Buchladenfrau, das ist etwas allgemein. Die ist groß. Die Literatur. Variantenreich. Divers. Unterhaltsam. Belehrend. Unbelehrbar. Grenzüberschreitend. Fremdsprachig. Manchmal unlesbar. Manchmal noch ungelesen. Neuerschienen. Ausgegraben. In die Höhe gelobt. Verworfen. Belanglos. Mit anderen Worten, Ihr Kundenwunsch ist angesichts der literarisch vorliegenden Fülle etwas uneindeutig. Fürs Wählen brauchte es also eine Deutlichkeit. Jedes Wählen ein Deuten der Welt. Und ich bedeute sie zugleich, die Welt, durch mein Wahlverhalten. Verändere ich die Weltbedeutung durch mein kleines, unscheinbares Tun? Das alles schoss durch meinen Kopf, in der Überforderung vor den Regalen, meine Tochter am Kauen meines Frühstückskipferls, und ich. Ich wählte die Nummer meiner Frau. Hallo? Ja. Hallo. - -

 

Meine Frau war grad beim Arzt. Kassenarzt. Kein Wahlarzt. Wir sind meist Kassen. Wenn wir auch manchmal, ich mein, manchmal hast keine Wahl, dann musst Wahlarzt. Weil du denkst, ist besser. Wenn auch teurer. Aber wichtig. Fürs Kind. Seit dem Kind wählen wir überhaupt anders. Umstände verändern dein Wahlverhalten. Da wählst du auch mal das Auto, wie bringst denn sonst die ganzen Babysachen, und auch den Kinderwagen, ok, es ging auch die Bahn, aber dann denkst, wieviel CO2 sparst du ein und wieviel Nerven kostet es und so rechtfertigst du jedes deiner Wahlverhalten umständlich mit deinen Lebensumständen, und ich dachte, in welchen Umständen müssen wir denn jetzt schon wieder angekommen sein, dass wir bereits so ein Verhalten. Wie viel Prozent waren's nochmal letztens für den starken Mann? Ist diese Umstandswahl gerechtfertigt und wer interpretiert hier unsere Umstände? Kennen Sie die Umstände, aus denen heraus Sie wählen? Oder wählen Sie einfach so, umstandslos, aus dem Bauch, den Kugelschreiber in der Hand über dem Wahlzettel schwingend, wo wird’s diesmal gemacht werden, mei, es ist ein Kreuz mit dem Kreuzerl.

 

Hallo, ja. Schatz? Ja, du, ich bin jetzt, da, ja. Im Laden, ja. Wegen der Literatur. Also. Das Geschenk, von dem wir geredet, jetzt wär halt die Frage. Welches Buch? - - Wähl du doch aus, sagte meine Frau. War doch auch deine Idee, mit der Literatur. Womit sie recht hatte. Ich war ja für den Picknickkorb. Meine Frau war für den Picknickkorb, ich hab gesagt, ich will was gegen die Leere schenken. Sie: Picknickkörbe füllen die Leere sehr gut. Ich: Aber die Geistige. Sie: Du kannst auch geistig gesättigt aus einem Picknickkorbnachmittagsgespräch. Ja, eh, aber wenn sie wenig reden, unsere Freunde, wenn sie mehr lesen, dann entleert sie die Vereinsamung vorm Picknickkorb ja noch mehr, wir sollten ihnen etwas in die Hand drücken, gegen die allseitige Wortlosigkeit. Die Literatur also. Dann ein Rauschen im Telefon, allseitige Wortlosigkeit, die Verbindung. Was ist nun?, die Buchladenfrau wartete. Was jetzt, Papa? Der fragende Blick meiner Tochter. Es brauchte also eine Entscheidungen jetzt, von mir. Für eine entschiedene Literatur. Oder gibt's das wahllose Lesen? Das zufällige Berühren irgendwelcher Buchränder, und irgendwann, irgendwo hält die Hand inne, einfach so.

 

Ich fragte mich plötzlich, wann beginnt denn das mit dem Wählen? Und ich schaute auf meine Tochter. Erinnerte mich, wie sie nach der Geburt in einem Brutkasten. An Schläuchen. Ausgeliefert. Die Technik schien zu entscheiden, ob sie am Leben oder nicht. So als würde einem die Entscheidung in bestimmten Momenten abgenommen. Das Kind hatte ja keine Wahl. Doch dann erinnerte ich mich genauer, an diesen kleinen Körper, der im Kampf. Im Widerstand. Der Druck der kleinen Hand des Kindes, das gegen die Scheibe des Brustkastens, das Heben und Senken der kleinen Lunge, die sich stemmte, gegen die Umstände, die Finger, die den Schlauch, der in den Magen führte, herauszog, ich kann das selbst. Ich will das selbst. Ich bin. Das war die erste Wahl dieses kleinen Menschen. Eigenständigkeit. Jedes Leben vielleicht erst im Moment der ersten Entscheidung vorhanden. Da bin ich. Also wähle ich. Ich wähle, also bin ich.

 

Die Buchladenfrau wurde forscher. Was für ein Buch wählen Sie? Ich: Es ist eine Schwierigkeit. Sie: Das merk ich. Ich würd jetzt gern nicht wählen. Aber zu wählen, nicht zu wählen, ist ja auch eine Wahl. Hätte einfach gerne, dass alles einfacher. Das sagte ich auch zur Buchladenfrau. Aber sie entgegnete mir: Wenn alles einfach nur wär, würd uns die Welt verflachen. Wenn alles für einfach nur erklärt werden würd, wären nur jene an der Macht, die die Welt verflachen. So sagte es die Buchladenfrau. Und mir fiel nichts ein, was ich darauf hätt sagen können. Da traf meine Tochter eine Entscheidung. Sie wählte den Protest, hievte sich flink aus dem Kinderwagen, lief los, verließ den Laden, Richtung Straße, ich wählte, hinterherzulaufen. Manche Wahl ist eine Zwangswahl. Wir kommen wieder.

 

Am Spielplatz dann, wo meine Tochter im Sandkasten, merkte ich, ich lag falsch. Fatal im Falschen, mit meinem Wahlmisstrauen. Denn nie war eine wirkliche Zwangswahl in meinem Leben. Zwang ist dort, wo Widerstand tödlich ist. Ist meine verdammte Pflicht, der Freiheit wegen, mich immer wieder neu. Und nie mit Leichtfertigkeit, mich dem Wählen stellen. Haltungswahl. Ich ging also zurück in den Laden und drückte der Buchladenfrau meine Haltung in die Hand. Einen Zettel, etwas verknittert und durchgekaut von meiner Tochter Mund. Die Worte lauteten:

 

Ich wähle das Umständliche, weniger das Umstandslose. Wähle den Einspruch, weniger das brave Ja und Amen. Wähle das Offenlegen von Geisteshaltungen, weniger das geistlose Verschreddern der Vernunft. Wähle die Tatsächlichkeit, weniger die Inszenierung. Wähl den langwierigen Exkurs, weniger das verdummenden Kurzschlussargument. Wähle das Zickzack, weniger das Zackzackzack. Wähle die bedächtige Fußnote, weniger die gedankenlose Schlagzeile. Wähle die Sprache, nicht das Verstummen. Wähle die Worte, bedächtig, mit Nachdruck. Weiß um die Nationalegoisten, wähl das Globalgespräch. Weiß um steigend hochnäsige Kapitalgewalt, wähle, entwaffnend, den Blick nach Unten, das erspart uns die Unmenschlichkeit. Weiß um Männerherrschaften, wähle (muss man's tatsächlich noch sagen?) die Gleichheit der Menschen, beginnt doch mal beim Einkommen! Sehe das Unrecht, wähl Subversion. Kenne meine Feigheit, die eigene, nur allzu gut, wähl drum, für den Mut, das Netz mir von Freundinnen und Freunden. Solidarität, nicht Vereinsamung. Mühselige Wirklichkeitsanstrengung, nicht Anfang einer Selbstaufgabe. Das alles klingt anstrengend, ist es auch, und mag sein, daraus entsteht angestrengte Literatur. Besser aber eine Literatur, die sich anstrengt, als Worte, die sich nicht mal die Mühe gegeben haben, eine bessere Welt zu formulieren.

 

So lautete der Zettel, den ich der Buchladenfrau in die Hand drückte. Sie las. Aufmerksam. Setzte ab. Las weiter. Schaute mich an. Und mit einer Klarheit, die so selten, die so gut, sagte sie: Sagen Sie das doch gleich. Na, dann kommen Sie. Bei uns sind Sie richtig.

 

 

Der Text entstand zur Eröffnung der vierten Auflage des Oberösterreichischen Literaturfestivals 4553, veranstaltet von den großartigen Literarischen Nahversorgern in Schlierbach. Lesung, Gespräch und Musik vom 29. August bis zum 1. September 2019. LITERATUR FÜR ALLE!

 

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