Das verschiebt wieder mal die Relationen.

Caspar in Der nackte Felsen


01.01.17:  Vorsätze sind eine gute Sache. Denn sie sind anderen Sätzen etwas voraus. Das Davor in solchen Sätzen schafft Distanz zum Tun, das folgt, lässt Intentionen erkennen und Haltungen. Sie entschleunigen. So sind sie jenen Sätzen entgegengestellt, die ansatzlos derzeit durch Echoräume der Unvernunft hetzen. Vorsätze sind die Aufforderung, mal durchzuatmen. Und sich heute dessen bewusst zu werden, was wir vom Morgen wollen, um später nicht allein in Nachsätzen sprechen zu müssen, die dem Vergangenen hinterher trauern.

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05.09.16: Heimat ist das Ablegen der eigenen Begrenztheit. Die dann eintritt, wenn du bei dir sein kannst: bei mir ist das der andere Mensch, der mich erst zu mir macht, der Raum, der entsteht, in der Annahme des Anderen. Bei mir ist es der Ort der Intimität, ist es der Moment der Verletzbarkeit, ist es die Ekstase der radikalen Vereinigung. Bei mir ist es der Flirt, das Wagnis, die Balancierung zwischen Abgründen des Menschlichen. Bei mir ist es auch das Vertrauen, die Verantwortung auch im Unmöglichen zusammenzustehen. Es ist der Schwindel, die Angst vor dem Fall. Das Springen, das Abheben. Der gemeinsame Flug über vermeintliche Verankerungen, Gefängnisse hinweg. Das Anschnallen, wenn alles bebt. Der Zuspruch: wir schaffen das. Die Suche von Händen, die sich finden. Der Blick hinunter, auf Länder, deren Grenzen dann lächerlich erscheinen, weil doch alles irgendwie zusammenhängt. Das Verlassen schließlich und das Wiederfinden.

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11.07.16: Der Sommer ist ein Loch. Das find ich schön! Denn ein Loch ist eine gute Sache. Löcher schaffen Öffnungen. Freiräume. Durchzug. Frischer Wind weht herein, alte Luft entweicht. Löcher sind Anlässe für einen Umweg. Ein leichtfüßiges Schlenkerln. Ein entschleunigendes Ausharren. Oder ein kräftiger Satz – von der einen Seite auf die andere. Grade fürs Schreiben ist die Kante vor einem Loch ein großartiges Absprungbrett. Als würden Worte einen Anlauf nehmen, um sich ins Poetische zu katapultieren – das Nichts darunter gefährlich in Sichtweite, aber stets wagemutig im Schwebezustand. Das mag ich am Sommer: dieses Taumeln durch Tage, die sich die Freiheit herausnehmen, durchlöchert zu sein.

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04.05.16: Wählen Sie nicht die Hysterie, wählen Sie die Besonnenheit. Wählen Sie nicht das Irgendwie, wählen Sie das Bestimmte. Wählen Sie nicht die Vergesslichkeit, wählen Sie die Aufforderung zur Erinnerung. Wählen Sie nicht die Besänftigung, wählen Sie die Erkenntnis. Wählen Sie nicht die Gemütlichkeit, wählen Sie auch mal das Aufstehen. Wählen Sie nicht den Fremdenhass, wählen Sie die Selbstüberprüfung. Wählen Sie nicht die Verunsicherung, wählen Sie die Tatsächlichkeit. Wählen Sie nicht die Begrenztheit, wählen Sie, weil es sie tatsächlich gibt, auch die Möglichkeit. Wählen Sie nicht den Rückzug, wählen Sie, denn Ihr Leben wird es vertragen, den Aufbruch.

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24.11.15: Wer von der Verteidigung der Werte spricht, meint immer auch das Geld, das uns der höchste Wert ist. Wer vom Schutz der Grenzen spricht, meint immer auch den Erhalt der Macht. Wer von gemeinsamen Feinden spricht, meint die Gräben in der eigenen Gesellschaft verschweigen zu können. Wer Krieg sagt, hat Angst. An manchen Tagen verstehe ich diese Angst. Und gerade das ist das Erschreckendste. Ich will nicht kurz davor stehen, Krieg zu sagen.

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26.10.15: Neutralität bedeutet nicht, haltungslos auszuharren und nirgendwo anzuecken. Das nennt sich Angst. Oder politischer Rückzug. Wir sollten neue Begriffe finden, für eine Politik der Gegenwart, die sich nicht scheut, Positionen offen zu benennen und Veränderungen zuzulassen. Ansonst rückt an die Stelle der europäischen Visionslosigkeit eine Politik des nationalen Egoismus. Und das ist jene der Zäune.

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14.09.15: Hilfe ist nicht nur ein Tag der Euphorie. Hilfe ist auch ein Tag der Ernüchterung, Erschöpfung und Überforderung. Wir sollten nicht verschweigen, was uns überfordert. Im Schweigen wartet die Angst. Wir sollten neue Worte finden – gegen unsere Ohnmacht und für einen neuen Mut, die Zukunft anzugehen. Hilfe ist, darüber zu sprechen.


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