Es geht um die Beschaffenheit.

Theresia Mölbing in Totes Gebirge


An dieser Stelle möchte ich Beobachtungen veröffentlichen, die ein wichtiger Teil meiner Arbeit sind. Das Beobachten ist ein Sammeln von losen Eindrücken, die oft am Beginn des Schreibens stehen. Sie sind bereits von meinem Blick geprägt, in ihrer Struktur und Wirkung aber noch beweglich. Sie beinhalten eine Haltung, einen Standpunkt, aber noch keine notwendige Ordnung. Es ist ein fragmentarisches Material, das ich für mich archiviere, um im Schreibprozess teils einen Ausgangspunkt, teils einen Bezugspunkt oder teils eine Erinnerungsspur zu haben. Für die Verwendung dieses Materials beachten Sie bitte die Urheberrechtserklärung am Ende der Seite.

Traiskirchen, 17. August 2015

ANMERKUNG: Traiskirchen war für mich nur ein Wort. Eines, das mit dem Versagen der österreichischen Flüchtlingspolitik eng verwoben ist. In Traiskirchen befindet sich die sogenannte Bundesbetreuungsstelle Ost“, eine von den beiden Erstaufnahmestellen für Asylwerber in Österreich. Der Traiskirchner Bürgermeister Andreas Babler hat in einem Interview mit der Tageszeitung Der Standard am 15. August 2015 davon gesprochen, dass alle über Traiskirchen reden, aber kaum ein Verantwortungsträger in der Asyldebatte sich ein tatsächliches Bild vom Ort des Geschehens macht. Da ich selbst auch nur die Bilder aus den Medien kannte, habe ich versucht, einen eigenen Blick auf die Stadt Traiskirchen und ihr Umland zu erhalten. Im Nachhinein merke ich, dass ich vor allem Bilder von den Straßenschildern, den Verkehrsspiegeln, den Blicken in und aus Fenstern, den Blicken auf Zäune, den Fotografen an den Zäunen, den weiten Feldern am Weg und von einer Trauerweide am Bahnhof Pfaffstätten festhielt. Es ist also eine Bilderfolge über meinen Blick auf einen Ort und seine Landschaft.

A1 Richtung Wien, 23. Juli 2015

ANMERKUNG: Ich sammle Blicke aus dem Fenster. Ich drücke dabei gerne das Gesicht nahe an die Scheibe und sehe in Umrissen die vorbeiziehende Landschaft. Das habe ich als Kind begonnen und das wiederhole ich heute, um einerseits assoziative Gedankengänge anzuregen und um andererseits neue Perspektiven auf bekanntes Umland (die Heimat) zu bekommen. Aus einer solchen Perspektive heraus ist u. a. ein Text mit dem Titel Die Gegenwart Stille entstanden, der am Schauspielhaus Graz als Monolog aufgeführt wurde (im Rahmen des Projekts Grenzgänge) und in meiner Textsammlung nachzulesen ist.

Glashütten, Südsteiermark, 10. Juli 2013

ANMERKUNG: Am 4. November 1953 wurde der 20jährige Landarbeiter Alois Samen auf einem Waldweg in der Nähe von Glashütten in der Südsteiermark von einer Gendarmerie-Patrouille mit 5 Schüssen getötet. Alois Samer hatte zuvor ein Pferd sowie Lebensmittel gestohlen und war maskiert und bewaffnet in Richtung Kärnten geritten. Der Grund seiner Reise“ blieb unbekannt. Die örtliche Gendarmerie ging von einem Amoklauf aus und exekutierte den Jugendlichen laut Protokoll des Polizeiberichts in Notwehr“. Das vorhandene Aktenmaterial des Bezirksgerichts Deutschlandsberg, das den Fall bearbeitete, ist im Grazer Landesarchiv nachzulesen. Aufgearbeitet und im Umfeld der österreichischen Nachkriegszeit kontextualisiert hat den Fall des Cowboys von Deutschlandsberg“ die Historikerin Edith Blaschitz. Als Lektüre empfehle ich ihre Forschungsarbeit Der Kampf gegen Schmutz und Schund. Film, Gesellschaft und Konstruktion nationaler Identität in Österreich (1946 - 1970). Am 10. Juli 2013 begab ich mich schließlich selbst auf die Suche nach dem Tötungsort von Alois Samer. Daraus entstand mein Theaterstück In den Westen sowie die Erzählung Meine österreichische Landschaft, nachzulesen in meiner Textsammlung.

Buchenwald, 30. Oktober 2010

ANMERKUNG: Im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald (auf dem Ettersberg bei Weimar) starben zwischen 1937 und 1945 mehr als 56.000 Menschen an Folter, medizinischen Experminenten, Krankheit und Hunger. Heute befindet sich an diesem Ort eine Gedenkstätte, die an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert. (siehe: www.buchenwald.de). Was mich an dem Tag, an dem ich von Weimar aus nach Buchenwald ging, am meisten erschüttert und nachhaltig geprägt hat, ist die dortige Weite und Leere. Wo das Grauen stattgefunden hat, ist nun die Abwesenheit. Kaum noch Dinge, an denen sich die Geschichte festmachen lässt. Umso mehr erschlägt einen der Versuch, diese Geschichte zu begreifen.

Im Juli 1937 lässt die SS auf dem Ettersberg bei Weimar den Wald roden und
errichtet ein neues KZ. Mit dem Lager sollen politische Gegner bekämpft, Juden, Sinti und Roma verfolgt sowie "Gemeinschaftsfremde", unter ihnen Homosexuelle, Wohnungslose, Zeugen Jehovas und Vorbestrafte,

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