Also lesen Sie es doch?

Irmgard Trost in Die Neigung des Peter Rosegger


Hier finden Sie ausgewählte Erzählungen, Monologe, Reden, Essays und Fragmente, die in den letzten Jahren neben meinen Arbeiten fürs Theater entstanden sind. Einige der Texte sind bereits an anderer Stelle publiziert worden (u.a. in den Literaturzeitschriften KOLIK sowie LICHTUNGEN), einige sind ausschließlich hier veröffentlicht. Eine vollständige Bibliografie meiner Texte ist in meinem Lebenslauf nachzulesen. Für die Verwendung meiner Texte bitte ich die Urheberrechtserklärung am Ende dieser Seite zu beachten.

Schwarzes Loch Aleppo

Dezember 2016. Ich sitz davor. Vor Bildern. Da wird gezeigt, was geschieht. Wird ein Ausschnitt gezeigt, von Geschehnissen, die sehr nahe gehn, muss doch nahe gehn, das Leid, das da gezeigt, die Tränen in der Nahaufnahme auch, das geht, natürlich geht das nahe. Und doch weit weg auch, weil ist weit weg. Ich rück drum näher ran, um zu begreifen, mit jeder Meldung wandert fast mein Kopf nach vor, berührt die Nase schon das Weltgeschehen, nur wird's nicht klarer so, das Bild, die Schärfe tut fast weh, hoch aufgelöst, es verwischen jetzt Bewegungen, es zerfällt dann irgendwann. In Ecken und in Kanten. In der größten Nähe zu den Bildern sitz ich in meinem Wohnzimmer und bleib in weitester Entfernung. 

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Asyl der Unwissenheit

War seltsam unberührt, am Morgen nach Berlin. Nach Paris wollt ich noch wissen, alles, was passierte, wer, wieso und wie? Hab Nachrichten gelesen und eigene verfasst, von Solidarität und Widerstand, und das Gesicht mir eingefärbt, im Profil, ganz öffentlich, als wär ich selbst dabei: Je suis... Nach Nizza hab ich traurig noch die Fernbedienung abgelegt, und eine Blume, ganz privat, und wütend mir auch ein Gedicht verfasst, die Parole aufgesagt, den Slogan, wie ging der? Yes, we... Beirut, Istanbul, Jerusalem, Kabul, Aleppo hab ich registriert, notiert, zwar fassungslos, doch schon pragmatisch sehr und mit der Phrase auf dem Mund: Ach ja, die Welt, die Welt... Und jetzt am Morgen nach Berlin nur unbequeme Stille.

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Plädoyer für die Zwischenräume

Es gibt Landmenschen. So sagt man. Und es gibt Stadtmenschen. So sagt man auch. Und doch sind wir meist irgendwo dazwischen. Dies ist ein Versuch, vermeintliche Trennlinien des Ländlichen und Städtischen zu befragen, die Zwischenräume zu öffnen, und die Schwebe, in der sich Regionen gegenwärtig befinden, zwischen Stadt und Land, als Möglichkeit zu begreifen.

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Als ich mich im Mürztal übergab

Ich erinnere mich an den Wind über der sogenannten Waldheimat. Die sogenannte Waldheimat ist jener Ort in der nordöstlichen Steiermark, wo sich dicht bewaldete Hügel entlang des Mürztals und seiner Seitentäler erstrecken und auf 1.150 Metern das Geburtshaus des sogenannten Heimatdichters Peter Rosegger steht, das heute ein Museum ist. Der sogenannte Heimatdichter Peter Rosegger kam dort, in der sogenannten Waldheimat, einem Bergbauernhof samt Stallungen und Weidehängen fürs Vieh, 1883 auf die Welt, die eine Welt des Bergbäuerlichen war, die aber auch stark im Umbruch war, denn man spricht von der Zeit einer Industrialisierung des Ländlichen, was der kleine Peter Rosegger als Zerfall von Tradition und Sicherheit erlebte. Während viele Bauern also ihre Höfe an Spekulanten verkauften und sich in die neue Welt des Industriellen begaben, also hinunterzogen ins Mürztal, wo sich in der Furche der Mürz und der Mur zuerst die Eisenbahn und dann die Stahlindustrie angesiedelt hatten, begann der kleine Peter Rosegger, der körperlich dem Industriellen nicht gewachsen zu sein schien und dem man seither eine Schmächtigkeit und Verletzlichkeit in die Biografie eingeschrieben hatte, über den Verlust dieser seiner Welt, von 1.150 Metern auf sie hinabblickend, zu schreiben. 

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Zehn Versuche über Heimat zu sprechen

1.

 

Heimat ist ein fürchterliches Übersetzungsproblem. Weil das Deutsche eine Unübersetzbarkeit ins Wort hineingeschrieben hat, sodass mich die Übersetzerinnen und Übersetzer meiner Theaterstücke in einer Verzweiflung immer erneut darüber ausfragen, was denn genau damit gemeint sei, mit meiner Heimat. Denn es gäb zwar dieses oder jenes Wort, das für eine Umschreibung der Bedeutung in Frage käm, aber die Figuren in den Stücken, die da das Wort in den Mund nehmen, scheinen von vielen Worten gleichzeitig zu sprechen. Ein ganzes Lexikon an Unbestimmbarkeiten also, in einem Wort gefangen.

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Die beunruhigte Liebe

Unruhe zieht ins Land. Das spürst im Boden, wenn von Erdbeben in der Nachbarschaft berichtet wird. Das spürst am Sofa bei den Abendnachrichten, wenn Bilder näher rücken, als dir lieb ist. Das spürst im Blick aufs Konto, denn dein Überziehungsrahmen ist lang überzogen, wie vielleicht auch deine persönliche Belastbarkeitsgrenze, die Mindeststudiendauer, der Anspruch aufs Arbeitslosengeld, die gesellschaftliche Zumutbarkeit von Zivilcourage und Selbstaufopferung, das Flüchtlingskontingent, das Reden vom Flüchtlingskontingent, die Aufmerksamkeit diesem Reden gegenüber und deine Bereitschaft, die allgemeine Dummheit der Welt nicht mehr so hinnehmen zu wollen sowieso. Alles überzogen, ausgeweitet, eingerissen, untragbar geworden. Sich also vergewissernd, ob denn wenigstens dein Körper noch dein Körper sei, fährst dir vorm Spiegel beim Zähneputzen über die Haut, über dein Gesicht, und du siehst es ganz deutlich: Beunruhigendes geht vor.

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Eine Ahnung vom Toten Gebirge

Ich erinnere mich an eine Wanderung über den sogenannten Stodertaler Dolomitensteig unterhalb der Hochsteinscharte sowie des Schwarzkogels und in unmittelbarer Nähe der östlichen Ausläufer des Toten Gebirges, ja sozusagen in dessen Angesicht, das an dieser Stelle alles in der Gegend mächtig überragt. Das Tote Gebirge ist nämlich jenes Alpenmassiv, das die nordwestliche Steiermark mit dem südlichen Oberösterreich verbindet und das von allen Straßenzügen und Bahntrassen lediglich umrundet und niemals durchquert wird, denn es ist ein zerklüftetes Hochplateau, welches, wenn überhaupt, nur vom Flieger aus am Weg von Wien nach Salzburg als Ganzes zu erblicken ist. Wer die Gesamtheit dieses aus zickfachen Erhebungen und Senkungen, Gipfeln und Scharten, Karren und Felsvorsprüngen bestehenden Gebildes der nördlichen Kalkalpen erkennen möchte, wird allerdings vom Flieger nur einen fernen Eindruck bekommen, wie das eben so ist, aus der Distanz. Eine nähere Betrachtung, und das war mir bereits seit den ersten Erzählungen über das Tote Gebirge völlig einsichtig, braucht Ausdauer, Überwindung und Wetterglück. Denn wer es überqueren möchte, hat eine mehrtägige Tour vor sich, von der Steiermark kommend etwa über die Tauplitzalm auf die Pühringerhütte in Richtung Norden, vom Salzkammergut von Altaussee aus über den Kilergraben auf die Loserhütte in Richtung Osten oder von Oberösterreich her etwa auf das Prielschutzhaus und dann über die Klinserscharte in Richtung Westen, hindurch zwischen Spitzmauer und Großem Priel, der mit 2.515 Metern der höchste Gipfel in diesem Massiv ist.

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Und immer noch

Frei ist's, das Land. Und immer noch Krieg. Steh hier, in der Freiheit, im Land voll der Freiheit, und immer noch, da, wenn ich rausschau, der Krieg. Steh hier, auf dem Boden, der selbst einmal Krieg, der selbst einmal Unheil und Furcht und auch Angst und ein Schutthaufen war. In den Bomben der Boden zertrümmert und heut steh ich hier. Steh hier und schau da, diese Stadt, in der Menschen die Wege heut gehn, voll der Freiheit, die Straßen, voll Freiheit, die Häuser, in Trümmern gewesen, da ist einmal, schön, dass es ist, die Freiheit ins Haus eingezogen. Wer war diese Freiheit? Ein Satz.

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Stellt Blumen in die Fenster

Ist verwelkt, der Strauß, und mit ihm die Schönheit. Hatt ich besorgt die Schönheit, für meine Frau, das war vor sieben Tagen. Wollt los und ihr, weil sie's so gern hat, wenn was strahlt, daheim, und blüht, dann diesen Strauß vom Markt am Tisch im Wohnzimmer platzieren, für uns daheim. Bin rauf, die Treppen, grad noch auch das Brot vom Markt und frische Kipferl mit Rosinen, das war der Samstag, 5. September. Hatt etwa 30 Euro noch bei mir, für die Besorgung, die waren weg, ein guter Einkauf kostet, weiß ich doch, der kostet, und auch der Strauß, die Schönheit, so war die Tür dann offen, hallo, Schatz, es kocht schon der Kaffee, sagt sie. Und dann haben wir gepackt. Sie hat gesagt, es reicht Kaffee, lass stehen, die Nachrichten sind gelaufen, lass stehen, ich schau sie an, sie sagt, lass stehen, es kommen heut Hundert. Vielleicht sind es Tausend. Wir wissen, und sagen's nicht laut, es sind Millionen. Ich hab ihre Hand gespürt, eine Hand für die Hundert, die Tausend, wir fühlen es still, es sind Millionen.

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Die Gegenwart Stille

Verschwommen ist's, die Grenz. Schau raus da, aufs Land, in der Fahrt vom Zug, schau hinaus durch das Fenster, und die Grenz ist verschwommen. Zerrinnt mir, die Grenz von dem Land. Hab das Aug nah am Fenster, die Nase am Fenster, die Hand auch am Fenster, fast als könnt ich's begreifen, das Land, mit der Hand an dem Fenster. Versuch's zu begreifen, verschwommen vor mir, mein Land. Tut gut, das Verschwommene, gut, denk ich, gut, dass nicht alles so klar immer ist, dass im Fahren des Zugs man auch denken könnt, alles ein Ganzes und alles im Werden und alles vielleicht auch ganz anders, so über die üblichen Grenzen hinaus. Grenzenlos fast, möcht ich denken, so grenzenlos, Österreich ganz neu zu denken. Das wär so mein Traum in dem Zug auf der Fahrt grad aus Wien in den Süden, die Südbahn hinab, und dann hält's.

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Einige Gedanken zum Schreiben fürs Theater

Liebe Autorinnen und Autoren. Geschätzte Ehrengäste. Verehrtes Publikum... Als Autor wird man gerne gefragt, wann das denn so angefangen hätte, mit dem Schreiben. Als mir diese Frage zum ersten Mal gestellt wurde, von einem Journalisten einer Wiener Wochenzeitung, konnte ich sie nicht auf die Schnelle beantworten. Weil ich aber damals noch dachte, auf jede Frage eine Antwort haben zu müssen, besonders als junger Autor, der an sich den Anspruch stellte, vor der Wiener Wochenzeitung etwas Gescheites sagen zu wollen, habe ich gelogen. Ich habe gesagt, ich hätte immer schon geschrieben. Der Journalist der Wiener Wochenzeitung konnte nun entweder denken, ich sei einer jener Autoren, die meinen, es gäbe kein Leben ohne das Schreiben, oder aber das Schreiben sei tatsächlich im Krankenhaus Kirchdorf an der Krems mit mir an einem Sonntag um Eins bei Sonnenschein auf die Welt gekommen. Beide Sichtweisen decken sich wenig mit der Wirklichkeit. Bevor nämlich die Frage nach dem Anfang des eigenen Schreibens gestellt werden kann, sollte man wissen, wovon man spricht, wenn man vom Schreiben spricht. Womöglich meint nämlich der Redakteur der Wiener Wochenzeitung etwas völlig anderes damit, als man selbst meint, wenn man schreibt, oder als nahe Freunde und Familie meinen, wenn sie das Geschriebene lesen, oder als das interessierte Publikum hier im Saal darüber denkt, das schließlich doch das eigentliche Buch in der Hand hält, oder die eigentliche Aufführung sieht.

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Anmerkung zu Theater und Gefängnis

Das Gefängnis ist kein Theater. Das Theater ist kein Gefängnis. Beide aber, das Gefängnis wie das Theater, kennen das Konzept der Katharsis. Der Reinigung. Das griechische Wort geht zurück auf die Tätigkeit des Waschens. Der Mensch wäscht Schmutz von sich, im eigentlichen wie im übertragenen Sinn. Der Ritus des Waschens kann dabei befreiend sein. Erlösend. Aber auch schmerzhaft. Katharsis ist Erleichterung und Tortur zugleich. Ein Akt der Sühne, in religiöser Deutung. Eine Schule des Leidens, in den Theorien des bürgerlichen Theaters. Oder, um aufs Gefängnis zurückzukommen, eine staatshygienische Rechtfertigung. Sich zu reinigen und sich zu rechtfertigen heißt auf lateinisch purgare. Man nennt demnach die Reinwaschung von Schuld ein Purgatorium. Oder: Das Fegefeuer.

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Meine österreichische Landschaft

Ich erinnere mich an das Bild des niedergeschossenen Alois Samer. Ich habe das Bild – ein Foto aus einem Polizeiakt, der mir in schwarzweißer Kopie übermittelt wurde – vor genau zwei Jahren das erste Mal gesehen. Ich saß lange und still über dem Bild der Leiche und konnte trotz der grausamen Tat, die an dem niedergeschossene Alois Samer verübt worden war, eine erschreckende Schönheit entdecken. Da lag ein Junge, keine Zwanzig, rücklings im Wald, die Arme beiderseits wie Flügel von sich gestreckt und die Beine seltsam angewinkelt, als würde er im Tod noch in dem Sattel sitzen, aus dem er davor gefallen war. Er trug einen Gürtel mit Patronenhülsen und eine Pistole lag neben ihm, zwischen dem Geäst und den Holzrinden. Sein Gesicht war noch das eines Kindes, sein Mund war geschlossen und sein rechtes Auges fehlte ihm. Das Loch eines heftigen Einschusses war an dessen Stelle getreten und dunkel geronnenes Blut legte sich vom Nasenbein bis zum Wangenknochen über die kindliche Haut – fast als wäre es dem niedergeschossenen Alois Samer nun zur Maske eines dummen Cowboyspiels geworden. Auf den fünf weiteren Fotos aus dem Polizeiakt konnte ich das Umfeld der Tat erkennen – den Wald, in dem geisterhafte Polizisten im Nebel den Tatort dokumentierten.

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Mein Lumpazi im Wespennest

Ich erinnere mich an einen Schwarzweißfilm, den ich als Kind auf einer alten Videokassette gefunden hatte und vor dem ich Stunden zubrachte, die Lieder, die im Film gesungen wurden, auswendig zu lernen. Es war eine Verfilmung von Lumpazivagbundus und ich weiß heute, dass es Paul Hörbiger war, der mich damals am meisten faszinierte. Paul Hörbiger spielte sowohl die Rolle des Schusters Knieriem, als auch jene des bösen Geistes, der mich wie die Hexe bei Hänsel und Gretel mit knochigen Händen und finsteren Augenringen in die Bildschirmröhre zog. Dabei war der Lumpazi für mich immer die lichteste Gestalt des ganzen Films und der Schuster Leim, der am Ende seine zopferltragende Peppi heiratet, die erschreckendste.

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Meine Jugend, eine Armut

Da ist ein. Spalt, ein. Ein Spalt. Der da ist. Da. Der Spalt. Ist da zwischen dir und - - der Welt. Die Welt, die. Die doch da ist, für dich. Die sollt doch da sein, für dich, die Welt. Bist doch dafür da. Um in ihr zu sein. In der Welt. Aber bist daneben. Bist grad so richtig daneben. Neben der Welt. Läuft da draußen ab, die Welt, und du auf der Stuf und schaust nur. Auf der Stuf, am Rand, und schaust. Schaust, wie alles dahingeht. Greifst danach, mit dem Arm, greifst, streckst die Finger, willst was fassen, willst sie doch erfassen, die Welt. Aber schon wieder weg. Und du auf der Stuf am Rand, den doch jeder sieht. Ist ja nicht so. Dass den da keiner sieht, den Rand. Seh ich doch, so einen Rand. Am Rand, da lauf ich zwar vorbei, ja, am Rand, immer vorbei, aber ich seh ihn. Weiß ja, dass der da da ist, der Rand, und drum geh ich auch da vorbei, sonst würd ich ja stolpern, über den Rand. Oder reinrennen, in den Rand. Aber nein. Ich geh ja vorbei, knapp davor. Damit ich nicht selbst am Rand bin.

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Vom Land vor den Alpen

Sie sind mir nie abgegangen. Denn sie waren immer da. Die Berge. Von meinem Heimatort aus gesehen kroch hinter ihnen die Sonne hervor. Und am sanften Rücken gegenüber legte sie sich abends schlafen. So war ich gebettet zwischen Wald und Hügel im weit auslaufenden Tal, seit meiner Kindheit. Nach hinten ging's ins Alpenmassiv, meist zum Skifahren, nach vorn in das, was man Stadt nannte, und das war Linz. Das Vorland dort war ein fruchtbarer Boden, auch familiär. Die Häuser sprossen, die Kinder waren geglückt, freilich nicht überall, doch hatte man's meist mit gesunden Gemeinden zu tun. Das sagte auch die Wirtschaft. Das sagte auch die Politik.

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Vergangen, vergessen, verknittert

Am Flohmarkt sah ich ein Bild von Adolf Hitler. Öl auf Leinwand. Rahmen aus Holz. Es fiel kaum auf. Ein Tischdeckchen hing zierlich darüber, gehäkelt, bespitzt, da blickte er durch, gekammpelt und mit blauem Aug, der Führer, den ich ja nur so kannte, vom Bild. Recht adrett schaute er drein. Daneben stand in übler Kopie ein Waldmüller und auch Roseggers Erzählungen stapelten sich im Staub. So war die Vergangenheit hier unbedenklich durcheinander gekommen und stumm ging man dran vorbei. Ich selbst war mittendrin. Es ist ja nur ein Bild, verharmloste ich mir den Nachmittag.

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Mein reaktionärer Sparefroh

Ich erinnere mich an den Weltspartag, an dem ich zum ersten Mal meine gagerlgelbe Sparbüchse auf die lokale Raiffeisenbank trug. Meine gagerlgelbe Sparbüchse hatte ich von meiner Mutter bekommen, deren Konto ebenfalls auf der lokalen Raiffeisenbank war, und so trug die Sparbüchse das landesweit verbreitete Emblem des gagerlgelben Raiffeisenkonzerns, der mir damals allerdings noch nicht als internationaler Konzern bekannt war, sondern eben nur als lokales Bankinstitut, dem ein Höchstmaß an lokalem Vertrauen entgegenzubringen war. In diesem gagerlgelben Lokalitätsglauben trug ich, aufgewachsen mit der Vorstellung, dass die Welt überschaubar und zuverlässig sei, mein Erspartes das erste Mal also auf die Bank und der lokale Bankangestellte schüttete mir mit freundlichem Grinsen in Augenhöhe meine zusammengetragenen Schillinge aus und auch einige tschechische Kronen und ungarische Forint, die mir mein Onkel väterlicherseits vom Urlaub mitgebracht hatte, sowie auch italienische Lire von meiner Tante mütterlicherseits.

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Prosit im Walzertakt

Wenn's Orchester sich einstimmt, die Blumerl ihre Kopferl in die Kamera recken und die prositbeglückte Festgesellschaft die Beine übereinanderschlägt, ist's wieder mal soweit: Das Neujahrskonzert erstrahlt in den Fernsehern der Nation – samt werbetauglicher Abziehbilder der Heimat. Unser Land also von den schönsten Seiten, im blauesten Donaublau freilich und auch heimelig geschlingelt, besonders in Schlögel. Da marschiert auch schon die Blaskapelle mit feschem Führer, die Marketenderinnen zackig hintendrein, in Wollstrümpfen, wie sie die Oma schon trug. Da ist die Bundeshauptstadt, im versisselten Gagerlgelb und nirgendwo taubenvergackt, dafür finanzkräftig herausgeputzt, mit Innenstadtausblick. Nichts Prekäres auf den Plätzen, nur satter Wohlstand.

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Mein I Am From Austria

Ich erinnere mich an eine Bergwanderung in den österreichischen Alpen. Als Jause packte ich eine Landjäger vom Fleischer ein, auch einen Almkäse und Bier. Der Himmel war wolkenlos und wenn auch anderswo wolkenloses Wetter schön ist, so ist es doch in Österreich am schönsten. Der österreichische wolkenlose Himmel ist ein anderer wie der deutsche oder der tschechische. Auch der slowakische und ungarische Himmel ist anders, wenn er auch an diesem Tag meiner Bergwanderung aus meteorologischer Sicht von gleicher Wolkenlosigkeit war. Aber lässt man das bloß Meteorologische beiseite, so war mein österreichischer Himmel doch bei Weitem am schönsten, denn es herrschte ein Kaiserwetter. Das Kaiserwetter tritt nirgends sonst so einzigartig auf wie in den österreichischen Alpen, da ja das Kaiserliche von der österreichischen Geschichte her ganz nahe an den Alpen liegt. In Frankreich und Deutschland war der Kaiserhof immer näher dem Flachland und dem Meer. In Österreich aber lagen dem Kaiser die Alpen zu Füßen. Es ist daher bekannt, dass der österreichische Kaiser zu all seinen Zeiten immer gerne in die Berge ging, so wie ich. Im historischen Sinn trat ich also damals in die Fußstapfen des österreichischen Kaisers, und das bei Kaiserwetter.

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Zur Verantwortung des Schreibens

Was kann ich tun, fragt der einzelne Mensch angesichts einer katastrophalen Wirklichkeit. Habe ich nicht den Müll getrennt? Habe ich nicht am Familientisch gegen Atomstrom gewettert? Bin ich nicht demonstrierend auf die Straße gegangen? Und dennoch: trotz Demokratie, Eigenverantwortung, Zivilcourage und politischer Partizipation stürzen Technologien zusammen, brechen Erdteile auf, führen Despoten Kriege gegen die eigene Bevölkerung und korrumpieren Wirtschaftssysteme jegliche humanen Ideale. Was kann ich tun, gegen eine undurchschaubar gewordene Welt, die das politisch handelnde Subjekt auf die eigene Begrenztheit und Handlungsunfähigkeit zurückwirft? Ohne Selbstironie oder Zynismus, sondern aus einem ehrlichen Zweifel heraus: Was kann ich tun? Gegen die Welt anschreiben? Reicht das? Verändert Schreiben die Wirklichkeit?

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Vom Festhalten und Loslassen

Geschichten, die man in sich trägt, deren Bedeutung man in Begegnungen mit Menschen sowie Beobachtungen von Orten und Gesellschaftszuständen oder schlicht im Blick auf sich selbst zu erfassen beginnt und die einen notwendigerweise zum Schreiben drängen – kurz: Geschichten, von denen man erzählen will, bedürfen eines Festhaltens (wie wenn man im Geheimen einen fremden Gegenstand findet, von dem man erst für sich entscheiden muss, wofür er geeignet sein könnte, ehe er in die Welt hinausgetragen werden kann). Natürlich: Wer etwas erzählen will, der spricht auch davon. Man vertraut sich Mitwissern an, führt Gespräche über Arbeiten, an denen man gerade sitzt, zeigt das Rohmaterial, in der Hoffnung, im Reden die nötige Distanz einnehmen zu können, die während des Schreibens oft fehlt (oder auch fehlen muss). Im Schreibprozess bindet man seine Geschichten gerne an sich und sieht sie als Teil der eigenen Person. Doch dann kommt der Moment, da etwas abgeschlossen ist.

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Von Schauern im Theater

Die Österreicher schauen gerne. Die Deutschen sehen. Das hat mir eine tschechische Übersetzerin gesagt. Und sie hat recht. Die Österreicher schauen fern, schauen in die Berge, schauen ins Land rein, schauen weg. Schau ma mal! Eine oft gelebte Wurschtigkeitsphilosophie. Man ist versucht zu sagen, die Österreicher sind Schauer. Die Deutschen sind Seher. Sie sehen fern, sehen mal, was in der Zeitung steht, sehen wo genauer hin. Oder sie gucken. Ein Gucker (Fernglas) vergrößert weit entfernte Dinge, erweitert die Sehmöglichkeiten, stellt im besten Fall auch die Optik scharf. Ganz anders der Schauer. Ein Schauer übersieht selbst die naheliegendsten Realitäten. Warum im österreichischen Sprachgebrauch mehr Schauer als Seher rumlaufen, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden. Nur eins steht fest: Das Theater gibt den Österreichern recht, denn da sitzen zweifelsohne die Zuschauer, keine Zuseher. Die hocken wiederum vorm Fernsehkastl. Wie nun? Verschafft der Fernseher mehr Weitblick als das Theater?

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