Hast dich vollgesaut.

Carl in Johnny Breitwieser


Grillenparz

Schauspiel, Rowohlt Theaterverlag 2010

 

Uraufführung am 14. April 2011, Schauspielhaus Wien

Deutsche Erstaufführung am 4. Oktober 2014, Theater Ingolstadt

 

Übersetzt auf Englisch („Chirping Hill“ von Neil Blackadder), Tschechisch („Cvrch“ von Markéta Babkova) und Litauisch („Svirpliu kalva“ von Jurgita Mikutyte)

Mein erstes Theaterstück handelt von einem vertuschten Verbrechen. Alle wollen ihm entfliehen. Und jeder würde es wieder tun. Tatort ist eine voralpine Binnenwelt - der Grillenparz, ein Hügel vor der Stadt. Hier trifft sich alljährlich die Belegschaft einer ortsansässigen Firma zu einer Feier, die letztes Mal aus dem Ruder gelaufen ist.

 

Die Grenzen verschwimmen. Zwischen der Erinnerung an das Jahr davor und der Gegenwart, die man versucht, zu erhaschen. Es wird getrunken. Es wird politisiert. Es wird geliebt. So tanzen die Figuren irgendwo zwischen Zivilstadt und Wildland, zwischen Geldmensch und Geiltier, zwischen Schweißbadetag und Spätsommernacht. Ihr Sprache ist vom Dialekt bestimmt. Eine künstliche Binnensprache. Nicht mehr Volksmaul, noch nicht Staatsnorm. Nicht mehr Rohschnitt, noch nicht Figurenfleisch. Nicht mehr Naturgesetz, noch nicht Moral.

 

Was genau passiert ist, im letzten Jahr, schält sich allmählich an die bittere Oberfläche des bösen Heimatstücks. War's ein Rausch, in der die schöne Flora am Boden gelandet ist? Ein nächtliches Ritual? Ein archaisches Spiel? Oder einfach nur eine besoffene Sauerei?


Produktionsteam der Uraufführung // Regie: Nora Schlocker / Bühne: Jessica Rockstroh / Kostüme: Marie Roth / Musik: Hannes Marek / Ensemble: Vincent Glander, Veronika Glatzner, Franziska Hackl, Barbara Horvath, Max Mayer, Thiemo Strutzenberger


„Etwas bricht ein. Die Wirklichkeit hat nur eine dünne Tragschicht. Was darunter liegt, kann Blutstrom sein, oder Lava. Auf jeden Fall ist es ein Rätsel, dem gegenüber Worte nutzlos sind. Was bleibt, ist höchstens hochpoetisches Gestammel angesichts von klaffender Ohnmacht und innerer Zerrüttung der eigenen Existenz, hat sich erst das Hintertürl zur animalischen Herkunft, zum wilden Automatismus des Stammhirns geöffnet.“ (Christian Muggenthaler angesichts der deutschen Erstaufführung von Grillenparz am Theater Ingolstadt)



Alpenvorland

Schauspiel, Rowohlt Theaterverlag 2012

 

Uraufführung am 20. April 2013, Landestheater Linz

Deutsche Erstaufführung am 26. April 2013, Theater Heidelberg

 

Übersetzt auf Englisch („Alpine Blues“ von Neil Backadder) und Spanisch („Piedemonte“ von Citlali Bernhardt)

Am Beginn von Alpenvorland stand die Erinnerung an vergangene Tage. Alte Freunde trafen sich irgendwo am Land. Ein Spanferkel wurde gegrillt. Es gab reichlich Bier und nostalgische Musik. Wir waren nicht mehr wie früher, aber wir taten noch so, erkannten die alten Gewohnheiten, lachten über Geschichten, die wir schon halb vergessen hatten. Das war doch eine schöne Zeit, hörte ich mich sagen. Dabei wusste ich genau, was ich alles gehasst hatte. Warum also war ich an diesem Tag zurückgekommen? Aus Pflichtbewusstsein der alten Freundschaft willen? Aus Zufall, weil ich grad nichts Besseres vorhatte und einfach in der Gegend war? Oder doch aus echter Zuneigung und Freude? Man hat sich doch immerhin einmal gern gehabt. Vielleicht sogar geliebt. Neben den ganzen Wunden, die man in sich trägt, teilt man doch auch die Erinnerung an eine gemeinsame Zeit, als der Horizont noch weiter erschien und die Zukunftspläne noch leichter hingesagt waren. Wolltest du nicht? Und hast du nicht eigentlich? Und was ist geworden aus...? Und ich erinnere mich, wie ich dann in einem dieser Gespräche, umgeben von Gesichtern, in denen erste Falten, Arbeitsstress und Schönheitskorrekturen sichtbar wurden, kurz versank. Es war eigentlich nur die Wiese, die absank – der unmerkliche Abhang, auf dem ich stand, und der vom Regen der Vortage aufgeweicht war. So also standen wir und ein Wanken hatte uns erwischt, in dem ich uns nun alle abrutschen sah...

 

Das ist die Erinnerung, die mich zu einem tragikomischen Heimatstück über das Zerbrechen von Freundschaften und Sicherheit inspirierte, und zu der allzu vertrauten Geschichte rund um Hannes, Heidi, Moritz, Vroni, Alf, Bimbo und Sopherl.


Produktionsteam der Uraufführung // Regie: Ingo Putz / Bühne: Stefan Brandtmayr / Kostüme: Cornelia Kraske / Musik: Wolfgang Fadi Dorninger / Dramaturgie: Elke Ranzinger / Ensemble: Björn Büchner, Jenny Weichert, Katharina Wawrik, Markus Subramaniam, Michaela Schausberger, Manuel Klein, Klaus Köhler


„Als der Traum vom häuslichen Familienglück längst ausgeträumt ist, schaufelt Hannes weiter unermüdlich Erde aus der Baugrube, die sich unversehens in ein Grab verwandelt. Neben seinem Wunsch nach Sicherheit könnte er darin auch gleich noch Heidi beerdigen, die tödlich verunglückt ist.“ (Christoph Leibold für Theater der Zeit nach der Uraufführung von Alpenvorland am Landestheater Linz)



In den Westen

Schauspiel, Rowohlt Theaterverlag 2013

Uraufführung am 23. November 2013, Nationaltheater Mannheim

1953 stahl ein 20jähriger Landarbeiter im südlichen Österreich, an der Grenze zu Slowenien, ein Pferd und ritt ohne ersichtlichen Grund in Richtung Westen. Er trug einen Hut, einen Waffengürtel, eine Pistole sowie ein Maschinengewehr. Die Zeitungen berichteten erst von einem Soldaten, dann von einem Amokläufer und schließlich von einem Cowboy. Nach sechs Tagen wurde der geheimnisvolle Reiter von Polizisten im vollen Galopp vom Pferd geschossen. Am Boden liegend soll er zu seiner Waffe gegriffen haben. Da exekutierte man ihn mit Schüssen in die Brust, in das Kinn und in sein rechtes Auge. Sein Jochbein wurde zertrümmert, der Lungenflügel zerfetzt und die Halsschlagader zerrissen. Im Aktenvermerk der Polizeibehörde heißt es dazu, man handelte aus Notwehr. Auf den Fotografien, die den Tatort zeigen, sieht man den toten Cowboy auf dem Rücken liegend, die Hände nach hinten gefallen und die Beine angewinkelt, als würde er noch im Sattel sitzen. Das linke Auge, das man ihm noch gelassen hat, ist geschlossen. Rechts davon ist dunkles Blut.

 

Ausgehend von diesem historischen Vorfall ist ein dunkles Stück über heimatlose, junge Menschen entstanden, die sich auf den Weg machen - in den Westen. Sam ist ihr Anführer. Seine Schwester Valli, deren neuer Freund Pavel und der schöne Luis von der Straße haben ihn eben aus dem Gefängnis befreit. Es gilt, die Heimat zu verlassen, weil keine Jobs mehr da sind. Doch stockt der Tatendrang von Sam, der schwer verletzt ist und halluziniert. Die Flüchtenden stranden im Wald. Hier wird die Gegenwart von der Vergangenheit eingeholt und die alte Geschichte des sterbenden Cowboy ertönt in der verbitterten Stimme einer trauernden Mutter: Mein Baby ist gangen! Gangen mein Baby! Mein Baby, so blue...


Produktionsteam der Uraufführung // Regie: Cilli Drexel / (...)


„Den schiefen Ton des Stücks trifft Anke Schubert als Mutter Rose am besten, wenn sie mit handgestrickten Songs die Soulröhre gibt: amerikanelnder Alpenrock für Mannheim. Wer hätte gedacht, was für hybride Kulturen im österreichischen Heimatdrama stecken?“ (Franz Wille für Theatert heute nach der Uraufführung von In den Westen am Nationaltheater Mannheim)



Johnny Breitwieser.

Eine Verbrecherballade

Schauspiel, Rowohlt Theaterverlag 2014

Uraufführung am 28. November 2014, Schauspielhaus Wien

Johann Breitwieser ist ein vergessener Name. Ich habe ihn das erste Mal in einer Straßenzeitung am Wiener Yppenplatz gelesen. Der Zeitungsverkäufer war selbst der Verfasser des Artikels über Johann Breitwieser. Er nannte ihn im Wiener Dialekt „den Schani“. Für ihn war der „Schani“ eine Heldenfigur. Er hatte sich das Gesicht vom „Schani“ auf seinem T-Shirt aufgedruckt – eine Fotografie, auf der Breitwieser als eine Art Wiener Oliver Twist dargestellt ist. Ich kaufte die Straßenzeitung, las den Artikel und entdeckte die Reste eines Mythos.

 

Zwischen Fakten und Fiktionen habe ich schließlich selbst versucht, eine Geschichte über diesen „Robin Hood“ der Wiener Vorstadt zu schreiben. Sie ist eine schroffe Szenenfolge geworden, zusammengewebt in einer Balladenform, und sie erzählt vom bitteren Überlebenskampf in einem düsteren Wien voller Schattengestalten. Wie in einem Film Noir sind die Figuren von Rastlosigkeit bestimmt. Denn die Rastlosigkeit ist das, was mich an der Biografie dieses Verbrechers am meisten fasziniert hat.

 

Breitwieser ist seit seiner Geburt ein Getriebener. Er lebt im Zustand der Flucht. Das macht ihn unberechenbar, haltlos und gefährlich. Zwischen Widerstand und Wahnsinn ist der Verbrecher gefangen. Die Freiheit kennt er nicht, auch wenn er in Freiheit ist – in den Straßen, in der Kanalisation, im Wiener Wald. Letztlich aber ist nur der Ort des Gefängnisses seine Ruhestätte. Oder der Tod. Dass es zu seinem Tod kommen muss, steht von Beginn an fest. Daher beginnt mein Stück mit einer Moritat: „Johnny stahl die Herzen und auch das Kapital, bis eine Kugel Blei ihm auch das Leben stahl...“


Produktionsteam der Uraufführung // Regie: Alexander Charim / Komposition: Jherek Bischoff / Dramaturgie: Laura Berman / Bühne und Kostüme: Ivan Bazar / Musiker: Ensemble Lux & Mathias Koch / Ensemble: Franziska Hackl, Katja Jung, Nicola Kirsch, Florian von Manteuffel, Gideon Maoz, Thiemo Strutzenberger, Martin Vischer


„Thomas Arzt hat aus Johnnys Leben eine Verbrecher-Ballade gemacht, die Züge einer Moritat trägt und von Ferne an Brechts „Dreigroschenoper erinnert. Seine Verse aber haben kaum Refrains, und die meisten seiner Reime holpern und humpeln und hinken ähnlich wie sein Kunstdialekt, so dass so recht keine linke Sozialromantik aufkommen mag. (...) Tempo und Temperament sind gedrosselt, auch weil Arzt keine Action-Szenen geschrieben hat, wie es sich bei diesem Stoff leicht aufdrängen würde, weil er sich nicht interessiert hat für Schießereien, Überfälle, Gefängnisausbrüche, sondern vor allem für den lähmenden Stillstand dazwischen. Es geht ihm um den Kampf gegen die Verhältnisse.“ (Tobias Becker für Spiegel online nach der Uraufführung von Johnny Breitwieser am Schauspielhaus Wien)



Totes Gebirge

Schauspiel, Rowohlt Theaterverlag 2015

Uraufführung am 21. Jänner 2016, Theater in der Josefstadt

In meinem Stück Totes Gebirge mache ich mich auf die Suche nach den Ursachen einer Depression - ausgelöst durch die persönliche Erfahrung des Scheiterns, und eingebettet in ein neoliberales Leistungssystem, das uns sagt: Wir können alles erreichen, wenn wir nur wollen!

 

„Wir haben uns unsere Krankheiten privatisiert!“ So sagt es die Ärztin in meinem Stück. Sie heißt Theresia Mölbing, sitzt gerne an einem alten Klavier, auf dem einst bereits der Kaiser gespielt hat, und sie hat einen neuen Patienten: Raimund Woising, ein überforderter, ausgebrannter Lehrer, der sich kurz vor Silvster selbst in die Psychiatrie einweist. Er hat in seiner Wiener Wohnung das gesamte Biedermeier-Mobiliar mit einem Eispickel zerschlagen. Jetzt hat er Angst, sich etwas anzutun. Zurückgezogen und weltfremd sieht er dem Ende des Jahres entgegen.

 

So beginnt die Geschichte einer Innenschau, in eine Seele, die kein „Weites Land“ mehr ist, sondern eine Felswüste. Als die Schwester des Patienten, Josefine Schönberg, eintrifft, nach Jahren der Funkstille zwischen ihr und Raimund, führen die Spuren seiner Erkrankung zurück ins Tote Gebirge - jenem Gebirgsmassiv, in das die Geschwister früher gerne Wanderungen unternommen hatten, als sie noch jung und die Zukunftspläne noch andere waren. Der anfangs lediglich familiäre Bruch zwischen Raimund und Josefine wird bald zum Spiegelbild einer größeren, gesellschaftlichen Erstarrung.

 

Je mehr wir aus Raimunds Biografie erfahren, je mehr nun auch die Geschichten der beiden anderen Patienten dieser künstlich abgeschotteten Anstalt erkenntlich werden (Nepomuk Elm und Emanuel Loser), und je mehr auch die Ärztin Theresia Mölbing die Depression als eine seelische Versteinerung erkennt, desto düsterer und schwärzer werden die Lieder der Puppen, die der Pfleger Anton Priel liebevoll für die Therapie hergestellt hat. Gleich einem Chor aus Marionetten, die das Gefangensein des Menschen in einer aus dem Lot geratenen Welt verkörpern, besingen sie den durch Wetterkapriolen und Neujahrsnostalgie gesteigerten Wahnsinn: „Waun da waunsinn wiara leachalschaß vafliagt...“


Produktionsteam der Uraufführung // Regie: Stephanie Mohr / Bühnenbild: Miriam Busch / Kostüme: Nini von Selzam / Musik: Andreas Schett, Markus Kraler (beide Franui) / Musikalische Leitung: Andreas Schett / Korrepetitor: Belush Korenyi / Musiker: Musicbanda Franui / Dramaturgie: Barbara Nowotny / Licht: Manfred Gros / Ensemble: Ulrich Reinthaller, Maria Köstlicher, Susa Meyer, Peter Scholz, Roman Schmelzer, Stefan Gorki


„Es ist eine unaufgeregte, nie auf die Wirkungstube drückende, schöne und wunderbar bewegte Inszenierung. Der Autor und seine Regisseurin Stephanie Mohr zeigen auf kleiner Drehbühne keine Psychiatriefolklore, sondern normale Menschen, die aus ihrem Leben herausgefallen sind. Nepomuk, der wegen seines Drogenkonsums an einer Hirnschädigung leidet und auf die Ankunft eines alles ändernden Kometen hofft, aber fast immer vierfach fixiert wird, wirkt zugleich wie ein ganz normaler Mensch. So zeigen die sechs Darsteller das verletzte österreichische Seelenpanorama von Thomas Arzt mit zugleich kräftigem wie subtilem Spiel. (Hartmut Krug für Deutschlandfunk nach der Uraufführung von Totes Gebirge am Theater in der Josefstadt)



Werther lieben

Schauspiel, Rowohlt Theaterverlag 2016

Uraufführung am 12. Mai 2016, Theater Phönix Linz

Ausgangspunkt dieses Stücks war eine Neuverortung des Sturm und Drangs in der Gegenwart - das heißt: draußen in der Welt der katastrophale Sturm, drinnen in unseren gut abgeschotteten Innenräumen ein letzter Rest von Drang, der zu ersticken droht. Daraus entstand folgende Liebesgeschichte:

 

Charlotte, die sich mit Max bereits im Eigenheim am Land niedergelassen hat und die Hochzeit plant, ist eines Tages zwischen zwei Menschen hin- und hergerissen; denn es gibt einen neuen Nachbarn. Damit tauchen auch vergessene Lebenspläne und Sehnsüchte auf, die sie nie ausgesprochen hat, jetzt aber für Zweifel sorgen. Eigentlich könnte alles gut sein, würde man meinen, doch es umgibt sie plötzlich eine diffuse Unruhe. Mehr und mehr versuche ich in dieser Konstellation frei nach Goethe nachzuzeichnen,  wie unser gegenwärtiges Unruhe-Empfinden zwischen privaten Ängsten und gesellschaftlicher Panik hin und her changiert; und wie ein Beziehungsgeflecht langsam ins Wanken kommt: nur mehr mit Lügen wird das Gebäude des bürgerlichen Liebesglücks aufrechterhalten. Denn was bedeutet für uns ein Leben in Sicherheit? Was ist unser eigentliches Verlangen? Welchen Betrug nehmen wir in Kauf, um unseren Wohlstand nicht zu gefährden? Alles zerbröckelt. Und wir schauen dabei zu.


Produktionsteam der Uraufführung // Regie: Johannes Maile / Bühne: Georg Lindorfer / Kostüme: Elke Gattinger / Licht: Nico de Rooij / Musik: Armin Lehner / Dramaturgie: Sigrid Blauensteiner / Ensemble: Katharina von Harsdorf, Markus Hamele, Felix Rank, Isabella Szendzielorz, David Fuchs


„Keine postmoderne Neudeutung der berühmten Dreiecksgeschichte, keine zwanghafte Aufmaschelung des Klassikers für das Heute. Sondern ein absolut eigenständiges Theatererlebnis, das die Seelenverwandtschaft zu Goethe nur subtil zelebriert (...) Zart mit Dialekt gefärbt, seziert Thomas Arzt grandios eine Generation, die aus Angst vor dem beruflichen Absturz vergisst zu leben. Werther ist hier keine Person, sondern Diagnose.“ (Lukas Luger für die Oberösterreichischen Nachrichten nach der Uraufführung im Theater Phönix)



Der nackte Felsen

Schauspiel, Rowohlt Theaterverlag 2016

Uraufführung am 12. Juni 2016, Ruhrfestspiele Recklinghausen in Kooperation mit dem Pfalztheater Kaiserslautern

Es beginnt wie im Heimatfilm: Eine Wanderung durch die Dolomiten, das Wetter ist schön, die Erwartungen sind groß, der nackte Felsen glänzt in der Ferne: da will man hin! Doch die Bergführerin Marie hat anderes im Sinn: „Das ist eine Gipfelvermeidungs-Tour!“ Denn die Truppe, die sich rund um Marie und ihren treuen Berggefährten Wolf geschart hat, bringt nur oberflächlich die gute Laune ins Hochgebirge. „Burn-Out-Prävention“ könnte man es nennen, was hier auf 3.500 Metern betrieben wird - das langsame Heranführen an die eigenen Versagensängste und den Kontrollverlust.

 

Da wäre Joe, der in Scheidung lebt und Ritalin schluckt, damit er noch vom beruflichen Erfolg sprechen kann. Da wäre Caspar, dessen Frau an Krebs verstorben ist, die er aber immer noch nicht loslassen möchte. Da wäre dann auch Hans, der in der Natur einen „Widerstand" sucht, den er als Teil einer widerstandslosen Generation vermisst, aber alles andere als konkret benennen kann. Und da wär noch Emmy, die ihre Agressionsschübe regelmäßig an ihren Arbeitgebern auslässt: allgemeine Gegenwartsfrustrationen! „Hat doch jeder!“, meint Hans. „Aber ich bin nicht jeder!“, entgegnet Emmy. So führt der Weg, während sich das Wetter verschlechtert, in die je eigenen Biografien und Bruchstellen der Identitäten hinein. Eine traumwandlerische Selbstfindung, die die Bergführerin Marie bewusst zur Eskalation treibt.


Produktionsteam der Uraufführung // Regie: Harald Demmer / Bühne und Kostüm: Oliver Kostecka / Musik und Sound: Julius Richter / Dramaturgie: Melanie Pollmann / Ensemble: Monke Ipsen, Maike Elena Schmidt, Stefan Kiefer, Oliver Burkia, Daniel Mutlu, Rainer Furch


„Von verpfuschtem Leben weiß der Autor erschreckend viel und detailliert zu berichten. In lakonischen knappen Szenen mit oft klugem Wortwitz lernen die Zuschauer 90 spannende Minuten lang die Protagonisten und ihre Schicksale kennen - ihre schönsten, ihre schlimmsten Momente, ihre Dämonen, ihre Träume.“ (Ina Fischer für die Recklinghäuser Zeitung nach der Uraufführung auf den Ruhrfestspielen Recklinghausen)



Die Neigung des Peter Rosegger

Schauspiel, Rowohlt Theaterverlag 2016

Uraufführung am 15. September 2016, Schauspielhaus Graz

Meine Gedanken haben sich zugespitzt. Ich habe erst sehr weit in Kreisbewegungen gesucht, wollte etwas erzählen, über die zunehmende „Unruhe“ einer Gesellschaft, über Bruchstellen im sogenannten „sozialen Frieden“, und über dieses permanente demagogische Gerede selbsternannter „Versteher des Volks“. Dazu kam der Präsidentschaftswahlkampf in Österreich, in dem ein neuer Hetzer neben den bereits Bekannten bedrohliche Popularität erhielt. Aus den Kreisbewegungen wurde eine scharfe Gerade, die zu einer Polit-Satire führte. Sie ist mir sehr wichtig geworden - zu wichtig vielleicht. Ich habe alles an Stimmen hineingelegt, was gerade herumschwirrt, in dieser aufgeheizten Debatte, in dieser rechtsnationalen Europa-Verrutschung.

 

Die simple, aber tragische Geschichte geht so: Im Zentrum einer steirischen Kleinstadt steht plötzlich die Statue des Heimatdichters Peter Rosegger schief. Arg nach rechts gerückt. Oder, wie die Bürgermeisterin feststellt, nach links, wie man's eben betrachtet. Die Folgen eines Erdbebens an der slowenischen Grenze, wie es heißt. Oder doch ein hausgemachtes Problem des Bodens darunter? Die dramatische Schieflage ist jedenfalls der Beginn eines tragikomischen Kampfes des Vorzeige-Bürgers Paul Wiesinger, der nicht einsieht, dass sein Wahrzeichen womöglich zur Baustelle erklärt wird und der Boden - so sagt es der entsandte Seismologie - aufgegraben werden muss. „Niemand gräbt diesen Boden auf“, ruft Wiesinger. Er wird zum Heimatverteidiger, stellt Zäune um den Rosegger und greift überdies noch zur Waffe.

 

Mein Stück erzählt also über Angst vor dem Verlust von Identität, über blinden Patriotismus und steigende Gewaltbereitschaft, über Wut und die Wütenden, die wieder nicht wissen, was sie da eigentlich tun. Und es geht auch hier, in dieser Parabel womöglich über Österreich, schneller als einem lieb ist und die lokalpolitische Arena wird zum Schauplatz brutaler Grabenkämpfe. Wir gegen die anderen! Aber was treibt ihn denn wieder so bestialisch an, diesen Wiesinger, dass er derart um seine Heimat fürchtet?


Produktionsteam der Uraufführung // Regie: Nina Gühlstorff / Bühne und Kostüm: Marouscha Levy / Musik: Marcus Christoph Weberhofer, Johannes Fruhwirth, Lea Geisberger / Licht: Viktor Fellegi / Dramaturgie: Elisabeth Geyer / Ensemble: Florian Köhler, Evamaria Salcher, Nico Link, Susanne Konstanze Weber, Franz Xaver Zach, Henriette Blumenau


„Der Text des sprachlich potenten Schlierbachers ist eine launige bis anarchische Erörterung des Heimatbegriffs, verwebt aktuelle Gesellschaftspolitik mit germanistischen Erörterungen über die Ambivalenz des steirischen Heimatdichters aus der Waldheimat. Die Story rund um (klein)bürgerliche Verhaltensmuster in der Provinz hat eine starke weiß-grüne Schlagseite und stellt – um eine Vokabel aus der Fußballersprache zu verwenden – eine Steilpassvorlage dar.“ (Martin Behr für die Salzburger Nachrichten nach der Uraufführung am Schauspielhaus Graz)


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