10.03.17: Wachsamkeit und Wachheit sind unterschiedliche Dinge. Wach zu sein, könnte im besten Falle bedeuten, die Entwicklungen der Welt nicht zu verschlafen. Wachsam hingegen geht eine Nation zu Bett, welche die Welt und ihre Entwicklungen als schlafgefährdend wahrnimmt – immer mit dem Gefühl, aus den eigenen Träumen gerissen zu werden. Der wache Geist geht von der Welt aus, die einen umgibt. Der wachsame beobachtet sie in Rastern der Bedrohung.



Genealogie

POST VOM ARZT, N° 2/2017

Es beginnt mit Gaia, Wort für Erde. Sie gebar Kronos, er wurde später zur Zeit. Kronos zeugte den Tag, du kennst ihn auch vielleicht als Zeus. Und Zeus, der Helle, stand am höchsten bald von allen Göttern. Er liebte viel und viele und brachte, unter all dem Vielen, selbst den Krieg hervor. Ares hat er ihn genannt und der wütet seither in der Welt. Und dieser Ares schließlich hatte mit der Liebesgöttin Aphrodite dann zwei Söhne. Der eine, er hieß Phobos, war der Gott der Angst. Der andre, das war Deimos, Gott des Schreckens. Oder, wie die Römer ihn auch nannten, Terror. Da oben kreisen sie uns noch bis heute, Angst und Terror. Siehst du sie? Nur schwer mit freiem Auge, zu weit sind sie uns weg. Aber im Teleskop. An jedem Tag, in jeder Nacht, ziehen sie die Kreise. Da. Die beiden Monde auf der Umlaufbahn des Mars. Das sind sie: Angst und Terror, Phobos und Deimos. Söhne eines Vaters der Gewalt, einer Mutter tiefer Liebe, Brüder, unentwegt einander folgend. Wer folgt wem? Erst kommt die Angst und dann der Schrecken? Oder andersrum? Wer hat begonnen mit der Rotation? Man müsste lesen, irgendwo, wer von beiden hier der Ältere. Ich hab die Quelle nicht gefunden. Jedenfalls, so viel ist klar, ist jedem Sprechen über Angst die Spur des Terrors eingeschrieben. - - 228 Millionen Kilometer von der Erde uns entfernt sind sie, von deren Namen gegenwärtig alles spricht, ein Rest der Zeit, Materie im Raum.

 

Wien, 14. März 2017


Das Auge des Autors,

fotografiert am 31.07.14,

Ars Electronica Center Linz.


Termine


Freitag, 26. Mai 2017
Lesung in der Ehemaligen Rauchmühle Salzburg

Seit September 2016 veröffentlichen Jörg Albrecht, Sandra Gugić, Thomas Köck, Gerhild Steinbuch und ich politische und literarische Beiträge unter nazisundgoldmund.net. Unser Anliegen: Poesie gegen Demagogie und Nationalismen sowie für neue Demokratisierung. Im Literaturhaus Salzburg lesen wir in Kooperation mit dem Festival „Interlab“ aus unseren Texten. Davor wird diskutiert. Danach getanzt. Beginn der Veranstaltung: 18:00 Uhr. Beginn unserer Performance: 21:00 Uhr. Alle weiteren Infos finden Sie hier.


Freitag, 9. Juni 2017
Einmalige Wiederaufnahme von „Die Neigung des Peter Rosegger“ am Schauspielhaus Graz

Nach der Premiere am 15. September 2016 ist meine Tragikomödie rund um den Rechtsruck einer Statue in der österreichischen Provinz noch einmal in Graz zu sehen. Beginn der Vorstellung ist um 20:00 Uhr. Tickets und weitere Infos zur Inszenierung finden Sie hier.

 

Die Aufführung findet im Rahmen des Dramatiker*innen-Festivals „Privatsache“ statt. Viel Theater, viel Diskurs, viel Musik. Alles dazu lesen Sie hier.



Winterjournal

POST VOM ARZT, N° 1/2017

Viel ist wieder passiert. Draußen, zum Beispiel, liegt Schnee über Wien. Durchs Fenster der Nationalbibliothek sah ich sie vorgestern tanzen, die Flocken, und spät nachts noch, am Weg nach Hause, vibrierten sie mir vorm Auge. Tage voll Frost hängen uns überm Kopf, manchen schon bis in die Köpfe rein. Einige würden sagen, gut, dass der Winter nun da ist. Andere erwarten baldigst den Frühling. Ich hab ihn derzeit recht lieb gewonnen, den unerbitterlich kalten Gefährten zu Beginn von 2017. Er erscheint mir vertrauensvoller als so manch anderer Zeitgenosse. Trump etwa wirkt mit jeder Meldung, die mir unterkommt, monströser. Als Monster hab ich ihn freilich schon davor gesehen, aber da gab's auch noch Ironie vielleicht, Satire, die Suche nach einer Bedeutung. Aber es bedeutet nichts Tiefergehendes, dass nun ein unkontrollierter Egomane mehr auf nuklearer Machtposition sitzt und die Hebel der Unvernunft verwaltet. Er wird dadurch, in seiner Position der Verantwortung, kein besserer Mensch. Wir werden dadurch, in unserem Anblick des Monströsen, das wir unterschätzten, keine wachsamere Gesellschaft. Oder doch? - - Freilich, es regt sich Widerstand. Es organisiert sich neuer ziviler Protest. Es bekunden Menschen wieder Solidarität. Doch wird das zu Veränderung führen? Die Waffenruhen der Kriegsschauplätze werden dennoch nicht eingehalten. Menschenrechtsverletzungen gehen weiter. Aleppo und andere Totalzerstörungen sind lang schon aus meiner Timeline verschwunden. Und dass irgendwo erneut ein unvorstellbares Blutbad terroristischer Gewalt stattfinden wird, davon ist bereits auszugehen, trotz Unvorstellbarkeit. Keine optimalen Aussichten fürs neue Jahr, so hört man vielerorts die Leute sagen. Und oft hat das Sprechen schon aufgehört, die Augen in der U-Bahn sind damit beschäftigt, den eigene Fokus nicht zu verlieren, die Balance im Leben. Muss ich mich denn immer um die Welt kümmern? Mit diesen Gedanken im Kopf bin ich letzte Woche durch Deutschland gefahren, Paul Austers Winterjournal als Hörbuch bei mir, verschneite Weite zog am Zugfenster vorüber und die Sonne schien mir ins Gesicht. Und da dachte ich bei mir, natürlich, es gab sie nie, die ideale Welt. Nein, der Krieg, dem die Geschichte abgeschworen hatte, er war nie erloschen, fand an anderen Orten neu statt, wird wieder auch Europa erreichen, jedenfalls ist Gewaltbereitschaft wahrscheinlicher geworden. Aber es ist weder Zeit kollektiv zu verzagen. Noch alle persönliche Beteiligung an gesellschaftlichem Engagement abzulehnen. Noch auszureisen oder andere Austrittsbestrebungen zu verfolgen. Denn es geht mir gut. Und das übersehe ich viel zu oft. - - Und es geht mir tatsächlich gut. Weil ich mich aufraffen kann, ganz von selbst. Und Oberwasser gewinnen, im Strudel von Alltag und Zukunftsangst. Weil es an mir liegt, mir die Welt zu erklären. Selten zuvor gab es so viel an Information, was alles vorgeht, auf diesem Planeten. Selten zuvor wurde Wissen derart schnell und weit verbreitet, auch mit allen Auswirkungen von Falschmeldungen und stupider Hetze. Selten zuvor war das Bewusstsein, dass eigenes Handeln immer auch global zu Folgewirkungen, Fortschreibungen und Verantwortlichkeiten führt, derart ausgeprägt. Ja, die Nachrichten erschlagen einen in manchen Momenten. Aber die Fähigkeit, sich zu sortieren, sich in eine Position zu begeben, zu dieser durchaus komplex verwobenen Weltsituation, sie ist meiner Ansicht nach selten so groß gewesen, so sehr möglich und so gefordert wie heute. Und das ist ein gutes Gefühl. Ich kann, wenn ich will, in vielen Belangen einen offenen Blick behalten, Wahrnehmungen schärfen, erkennen und reagieren. Das ist das Werkszeug aufgeklärten Handelns gegen kollektives Gejammer oder individuelle Ohnmacht. Denn das Land, das da von Stillstand redet, von Blockade oder einem Bach, wo irgendwas runtergeht, das sind immer noch wir. Beteiligen wir uns konstruktiv an den Diskussionen. Niemand hat gesagt, dass sie leicht wäre, die Welt.

 

Wien, 2. Februar 2017



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