06.09.17: Vor einem Jahr noch verachteten wir einen amerikanischen Präsidenten, der eine Mauer bauen wollte, und heute beginnt ein Mauerbau in Afrika, von uns mitfinanziert, zum Schutze Europas. So verschieben sich die Relationen. Denn das ist wohl die Welt: eine permanente Neuinterpretation der Wirklichkeit. Wichtig wäre, in dieser Wirklichkeit nicht aufzuhören, seinen eigenen Standpunkt immer auch zu überprüfen. Besonders im Umfeld von Wahlen.



Mein Standpunkt

POST VOM ARZT, N° 4/2017

Die Relationen verschieben sich. Ein Sommer schafft Distanz. Eine Reise bringt neue Aussichten. Ein Anruf manchmal unerwartete Optionen. Was am Abend davor noch undenkbar war, lässt der Morgen zumindest als Möglichkeit gelten. Was im Moment der Niederlage unüberwindbar und endgültig erschien, dem verleiht die Zeit die Gewissheit, auch mal scheitern zu dürfen, auch wenn es weh tat, das Scheitern. Und so verschieben sie sich weiter, die Relationen. Hatte vor fünf Jahren noch kaum jemand an einen Nuklearschlag denken wollen, oder an Atomkrieg, so hält man es heute für erschreckend erwartbar. Wurden vor drei Jahren noch bestimmte Machthaber isoliert, ja moralisch verabscheut, beschließt man heute gemeinsame Abkommen, über jegliche moralische Verwerflichkeit hinweg, denn es gelte, relativ betrachtet, der Grundsatz des geringeren Übels. Was ein Übel ist und welches schlimmer sei, darüber entscheidet freilich wieder der Blickwinkel, die Relation. Was hierzulande Sicherheitsbedürfnis genannt wird, kann andernorts Blindheit heißen, auch Ignoranz. Was auf diesem Kontinent als gerechtfertigte Frage kontrollierbarer Einwanderung erscheint, zerschneidet auf einem anderen ganze Landstriche. Vor einem Jahr noch verachteten wir einen amerikanischen Präsidenten, der eine Mauer bauen wollte, und heute beginnt ein Mauerbau in Afrika, von uns mitfinanziert, zum Schutze Europas. Und sie verschieben sich weiter, die Relationen. Denn das ist wohl die Welt: eine permanente Neuinterpretation der Wirklichkeit. Wichtig wäre, in dieser Wirklichkeit nicht aufzuhören, seinen eigenen Standpunkt immer auch zu überprüfen. Besonders im Umfeld von Wahlen.

 

Wien, 6. September 2017


Blick auf weite Felder,
Kanada, Alberta, 18.06.17.


Termine


Nachtstudio, Bayern 2

Dienstag, 12. September 2017,

Beginn: 20:03 Uhr

 

Der Bayrische Rundfunk gestaltet eine Sendung zum Verhältnis von aktuellem Weltgeschehen und gegenwärtiger Literatur. „Was tun? Oder was wissen die Dichter mehr?“, fragt Thomas Kretschmer, Redakteur des Nachtstudios auf Bayern 2. Zu hören ist u.a. auch meine Erzählung Ich und Sellner, in der ein Rechtsradikaler einen unglaublichen Sinneswandel durchlebt und unvermittelt beginnt, seine Stimme für eine grenzenlose Welt zu erheben. Radio einschalten oder online nachhören!

 

Weitere Informationen finden Sie hier



In Liebe, deine Poesie.

POST VOM ARZT, N° 3/2017

Mir ist die Sprach davongehetzt. Wollt sie noch fassen, mit der Hand, und bin ihr nach, ganz aufgebracht, quer durch die Stadt und mehr noch, raus sogar aufs Land, doch jede Spur war ein Verlaufen. Wechselte die Richtungen mehrmals. Verdächtigte bald immer mehr die Anderen, die mir die Sprach entrissen hätten und gestohlen. Lief dann weiter, immer mehr verbissen. All den Richtungen in meinem Blick folgte die Unruh, bald die Wut: und wortlos war ich in der Wut, so ohne meine Sprach. Nach links, nach rechts, ich wendete erneut, verlor den Halt, ein Stürzen fast, der Atem brach mir ab. Schnappte nach Luft, du kannst das, schnappte Mut, und schaffst das! Weiter also. Wollt die Sprach noch nicht verloren wissen. Kletterte auf Berge. Andre Länder, neu und weit, lagen nun vor und hinter mir. Lief weiter, rastlos in Gedanken, quer durch den gesamten Kontinent. Ich hab gespuckt, geflucht, bin mehrmals hingefallen, wieder auf! Mit offenem Gesicht, weil aufgeschürft, und laut geschrien: wer immer hier die Sprach für meine Gegenwart hat mir genommen, ich erschlag euch mit der bloßen Hand! - - - - - - - Und da erschrak ich. Über mich. In meiner Suche nach den fortgehetzten Sätzen war ich lang schon selbst, brach ab, und stoppte, atemlos. Die Hetze war lang überall. Ich stand, verloren irgendwo am Kontinent, und jetzt, in meinem Stoppen, war's, da ich sie erstmals wieder hab gehört: sie war nie weg, sie war um mich herum die ganze Zeit. Ein Rauschen, das sich nun erhob. Von überall beschallte sie den Raum, im Echo bald vermengt mit Sätzen, die ganz sicher nicht von mir, war das tatsächliche meine Sprach? Was ist geworden? Arg zerstückelt klang sie mir und völlig aus dem Sinn, verdreht, zurechtgerückt, und mir entrückt, so unnahbar und fremd. Die Worte laut. Sie setzten sich ins Trommelfell in Penetranz und zynischem Gelächter, fratzenhaftes Auftun abertausend Mäuler, so, als würd sie, meine Sprach, sich fortgeschrieben haben in die wüsteste Zerstörung der Vernunft, das war nicht ich! Ich hielt die Ohren mir und schrie: hör auf, du Sprach. Du lügst. Du stinkst. Du tust nicht gut. Warst doch mal da auf meiner Zung. Hast wollen viel. Hast ausgesagt viel mehr. An Klarheit. Ruhe. Und Gelassenheit. An Hoffnung auch. Und Utopie. Was bist so in dich aufgespalten, aufgesprengt? Die Aussichten verengt zu Angst, die Enge in der Kehle nimmt die Luft! In Sprengsätzen spricht, wer, anstatt sich einmal hinzusetzen, nachzudenken, nur danach giert, gehört zu werden. Ich schrie weiter, im Entsetzen: aufgedunsen bist und fett! Du fette Sprachenblase unklar dumpfer Masse, halt dein Maul! - - - - - - - Doch nichts. War übersehen. Wollt nichts wissen von mir oder war zu klein. Ich fasste um mich, hier den Sprachenraum begreifbar doch zu machen, irgendwas müsst doch den Widerstand mir geben, wollt nicht hinnehmen, dass reaktionslos blieb die Welt, da merkte ich's. Wie ich ins Nichts so reinschlug mit den Händen, mir noch nahm den letzten Atem, und es sank mir das Gesicht, da fiel der Blick mir (fast wär ich darauf) auf einen Klumpen unter mir, ganz abgefault und liegen lassen, ich griff hin. Ein Rest von einer Sprach. Erst unverständlich, weil nur leise und verletzt die Worte, aber unerwartet schön. Hab langsam und bedacht den Klumpen, in der Schönheit, mir in meinen Mund gesetzt, den Rest an Worten, der geblieben, und ihn heut morgen aufgeschrieben, auf Papier. Es war nur diese Zeile: Lieber Mensch, gib nie es auf, Verwegenes zu sprechen und zu tun, gerade dann, wenn Sätze in der Hetze auf den Boden fallen und zerbrechen, Kuss, in Liebe, deine Poesie.

 

Wien, 3. Mai 2017


Gesichtet in Lissabon, 30.03.17
(c) Nina Grünberger



Genealogie

POST VOM ARZT, N° 2/2017

Es beginnt mit Gaia, Wort für Erde. Sie gebar Kronos, er wurde später zur Zeit. Kronos zeugte den Tag, du kennst ihn auch vielleicht als Zeus. Und Zeus, der Helle, stand am höchsten bald von allen Göttern. Er liebte viel und viele und brachte, unter all dem Vielen, selbst den Krieg hervor. Ares hat er ihn genannt und der wütet seither in der Welt. Und dieser Ares schließlich hatte mit der Liebesgöttin Aphrodite dann zwei Söhne. Der eine, er hieß Phobos, war der Gott der Angst. Der andre, das war Deimos, Gott des Schreckens. Oder, wie die Römer ihn auch nannten, Terror. Da oben kreisen sie uns noch bis heute, Angst und Terror. Siehst du sie? Nur schwer mit freiem Auge, zu weit sind sie uns weg. Aber im Teleskop. An jedem Tag, in jeder Nacht, ziehen sie die Kreise. Da. Die beiden Monde auf der Umlaufbahn des Mars. Das sind sie: Angst und Terror, Phobos und Deimos. Söhne eines Vaters der Gewalt, einer Mutter tiefer Liebe, Brüder, unentwegt einander folgend. Wer folgt wem? Erst kommt die Angst und dann der Schrecken? Oder andersrum? Wer hat begonnen mit der Rotation? Man müsste lesen, irgendwo, wer von beiden hier der Ältere. Ich hab die Quelle nicht gefunden. Jedenfalls, so viel ist klar, ist jedem Sprechen über Angst die Spur des Terrors eingeschrieben. - - 228 Millionen Kilometer von der Erde uns entfernt sind sie, von deren Namen gegenwärtig alles spricht, ein Rest der Zeit, Materie im Raum.

 

Wien, 14. März 2017


Das Auge des Autors,

fotografiert am 31.07.14,

Ars Electronica Center Linz.



Winterjournal

POST VOM ARZT, N° 1/2017

Viel ist wieder passiert. Draußen, zum Beispiel, liegt Schnee über Wien. Durchs Fenster der Nationalbibliothek sah ich sie vorgestern tanzen, die Flocken, und spät nachts noch, am Weg nach Hause, vibrierten sie mir vorm Auge. Tage voll Frost hängen uns überm Kopf, manchen schon bis in die Köpfe rein. Einige würden sagen, gut, dass der Winter nun da ist. Andere erwarten baldigst den Frühling. Ich hab ihn derzeit recht lieb gewonnen, den unerbitterlich kalten Gefährten zu Beginn von 2017. Er erscheint mir vertrauensvoller als so manch anderer Zeitgenosse. Trump etwa wirkt mit jeder Meldung, die mir unterkommt, monströser. Als Monster hab ich ihn freilich schon davor gesehen, aber da gab's auch noch Ironie vielleicht, Satire, die Suche nach einer Bedeutung. Aber es bedeutet nichts Tiefergehendes, dass nun ein unkontrollierter Egomane mehr auf nuklearer Machtposition sitzt und die Hebel der Unvernunft verwaltet. Er wird dadurch, in seiner Position der Verantwortung, kein besserer Mensch. Wir werden dadurch, in unserem Anblick des Monströsen, das wir unterschätzten, keine wachsamere Gesellschaft. Oder doch? - - Freilich, es regt sich Widerstand. Es organisiert sich neuer ziviler Protest. Es bekunden Menschen wieder Solidarität. Doch wird das zu Veränderung führen? Die Waffenruhen der Kriegsschauplätze werden dennoch nicht eingehalten. Menschenrechtsverletzungen gehen weiter. Aleppo und andere Totalzerstörungen sind lang schon aus meiner Timeline verschwunden. Und dass irgendwo erneut ein unvorstellbares Blutbad terroristischer Gewalt stattfinden wird, davon ist bereits auszugehen, trotz Unvorstellbarkeit. Keine optimalen Aussichten fürs neue Jahr, so hört man vielerorts die Leute sagen. Und oft hat das Sprechen schon aufgehört, die Augen in der U-Bahn sind damit beschäftigt, den eigene Fokus nicht zu verlieren, die Balance im Leben. Muss ich mich denn immer um die Welt kümmern? Mit diesen Gedanken im Kopf bin ich letzte Woche durch Deutschland gefahren, Paul Austers Winterjournal als Hörbuch bei mir, verschneite Weite zog am Zugfenster vorüber und die Sonne schien mir ins Gesicht. Und da dachte ich bei mir, natürlich, es gab sie nie, die ideale Welt. Nein, der Krieg, dem die Geschichte abgeschworen hatte, er war nie erloschen, fand an anderen Orten neu statt, wird wieder auch Europa erreichen, jedenfalls ist Gewaltbereitschaft wahrscheinlicher geworden. Aber es ist weder Zeit kollektiv zu verzagen. Noch alle persönliche Beteiligung an gesellschaftlichem Engagement abzulehnen. Noch auszureisen oder andere Austrittsbestrebungen zu verfolgen. Denn es geht mir gut. Und das übersehe ich viel zu oft. - - Und es geht mir tatsächlich gut. Weil ich mich aufraffen kann, ganz von selbst. Und Oberwasser gewinnen, im Strudel von Alltag und Zukunftsangst. Weil es an mir liegt, mir die Welt zu erklären. Selten zuvor gab es so viel an Information, was alles vorgeht, auf diesem Planeten. Selten zuvor wurde Wissen derart schnell und weit verbreitet, auch mit allen Auswirkungen von Falschmeldungen und stupider Hetze. Selten zuvor war das Bewusstsein, dass eigenes Handeln immer auch global zu Folgewirkungen, Fortschreibungen und Verantwortlichkeiten führt, derart ausgeprägt. Ja, die Nachrichten erschlagen einen in manchen Momenten. Aber die Fähigkeit, sich zu sortieren, sich in eine Position zu begeben, zu dieser durchaus komplex verwobenen Weltsituation, sie ist meiner Ansicht nach selten so groß gewesen, so sehr möglich und so gefordert wie heute. Und das ist ein gutes Gefühl. Ich kann, wenn ich will, in vielen Belangen einen offenen Blick behalten, Wahrnehmungen schärfen, erkennen und reagieren. Das ist das Werkszeug aufgeklärten Handelns gegen kollektives Gejammer oder individuelle Ohnmacht. Denn das Land, das da von Stillstand redet, von Blockade oder einem Bach, wo irgendwas runtergeht, das sind immer noch wir. Beteiligen wir uns konstruktiv an den Diskussionen. Niemand hat gesagt, dass sie leicht wäre, die Welt.

 

Wien, 2. Februar 2017



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