30.08.19: Ich wähle das Umständliche, weniger das Umstandslose. Wähle den Einspruch, weniger das brave Ja und Amen. Wähle das Offenlegen von Geisteshaltungen, weniger das geistlose Verschreddern der Vernunft. Wähle die Tatsächlichkeit, weniger die Inszenierung. Wähl den langwierigen Exkurs, weniger das verdummenden Kurzschlussargument. Wähle das Zickzack, weniger das Zackzackzack.



Tendenzen.

POST VOM ARZT, N° 3/2019

Ich erkenne an meiner Tochter autoritäre Tendenzen. Sie dirigiert mich rum. Führt mich dickköpfig durch die Wohnung. Ich soll auf die Knie: Spiel mir den Hund, Papa! Mach mir das Pferd! Das belustigt sie, und anfangs auch mich. Später vollführt sie die Befehle militant aus der Ferne, gestikuliert mich unnachgiebig zum Kühlschrank (ich will jetzt nicht zum Kühlschrank!), zum Bücherregal (hol dir doch selbst dein Buch!), zu den Schuhen, weil sie jetzt rausgehen möchte (es ist sechs in der Früh!). Widerspruch klappt selten, verschärft nur die Situation. Ich überlege, diplomatisch vorzugehen, zeige auf, wie wichtig solidarisches Verhalten auf diesem Planeten wäre, dass eben auch andere im Raum seien, deren Bedürfnisse gleichermaßen usw... Das löst Unverständnis bei ihr aus. Ich gehe taktisch vor, vollführe Ablenkungsmanöver, lege ihr gezielt Dinge in den Weg, um sie zum selbstgestalteten Spiel zu verführen (da: bau einen Turm!), sodass ich wenigstens meinen Kaffee... Es folgen Zorn und Krawall. Was ich mir einbilde, nun den Raum zu verlassen! Eskalation liegt in der Luft. Ich reagiere (was fatal ist) mit Kälte. Lasse sie protestieren und schalte auf stur. Jetzt wird sie körperlich. Wenn Kinder an dir zerren und du zu wenig Koffein intus hast, reizt das die Grenzen aus. Da hilft nur eins: Papa gibt nach. Ich nehme sie hoch. Die Situation ändert sich radikal! Sie schmiegt sich an mich. Ob das eine pädagogische Maxime ist? Nein, sicher nicht. Das ist mein Bauchgefühl (beruhend auf der Tatsache, dass meine Tochter noch keine 10 Kilo wiegt und ruhig auch mal Diva sein darf). Ob sich das später mal rächt? Keine Ahnung. Aber solange mir immer ein freier Arm bleibt, um zum Espresso zu greifen, steh ich das durch. PS: Im Radio liefen zeitgleich die Nachrichten: überall autoritäre Tendenzen. Kann diese Brandstifter, Kriegstreiber und infantilen Egomanen bitte mal irgendwer in den Arm nehmen? Mehr kuscheln statt zündeln!

 

Wien, 7. Oktober 2019


Holzpferd an der Leine, neulich im Augarten



Mehr Mut.

POST VOM ARZT, N° 2/2019

Die Dorfbühne ist unterschätzt. Man schreibt ihr Dilettantisches zu, Laienhaftes. Nennt's Amateurkunst und sagt's mit Milde, Wohlwollen vielleicht, doch immer mit der Nase oben – denn Theater, DAS Theater der Kunst fände doch im Urbanen statt, mindestens in Grazlinzsalzburg, wenn nicht erst, da ist sich's einig, das Feuilleton, in Wienmünchenberlin. Nun ist das oft weit weg, gerade vom Entlegenen aus betrachtet, wo Berghügelwiese dir den Ausblick verstellen. Da erfordert's viel Planung und Zeit, sich aufzumachen, über Autobahnen, Zugverbindungen, Mitfahrgelegenheiten, um sich abends ins Urbankunsttheater zu setzen, wo dann aber erst recht wieder Ausblicke erschwert werden, sich mutwillige Gräben des Verständnisses auftun: denn so eine Rampe der Kunst wirkt mitunter ziemlich weit weg. Unverständlich. Nennen's anspruchsvoll-engagiert. Abgehoben. Nennen's auf der Höhe postdramatischer Zeit. Überfordernd. Denn Unterhaltung allein ist bitte zu wenig. Und: das kostet. Theater ist, mehr als oft eingestanden wird, soziale Barriere. Klar: es gibt Ansätze, die dem entgegenwirken, Ästhetiken, die ihre Blasen verlassen, Theaterhäuser, die sich öffnen... Letztlich aber wird nach jedem neuen politischen Rechtsruck eine hermetische Kunsthaltung beschworen, gern auf höchstem Diskursniveau, es wird bedauert, dass man diese oder jene Menschen leider nicht mehr erreiche, und der Graben des Verständnisses noch ideologisch erweitert... das mögliche andere Publikum wird außer Acht (wenn nicht sogar von Links liegen) gelassen. Dieses versammelt sich derweil an anderen volksnahen Rampen, lauscht dortigen dorftheaterähnlichen Reden, possenhaften Inszenierungen und kann letztlich mit dem, was engagierte Kunst sein will, wenig anfangen. Dabei wär's ja vorhanden: das Potential der politischen Dorfbühne. Und ich rede jetzt nicht vom Sommertheater, diesem alljährlichen Ausschwärmen großstädtischer Kunstgönner und Könner, die der Provinz mal was Ordentliches bieten wollen. Es geht mir tatsächlich um die Dilettantinnen und Dilettanten, im besten Sinne des Wortes (vom Lateinischen kommend und jene meinend, die sich, ohne beruflich dazu befähigt zu sein, an etwas, an Kunst, erfreuen! Liebhaberei!). Und das Erfreulichste, wenn man's ernst meint, mit dem Dilettantischen: die Dorfbühne ist näher dran, am Menschen, denn es sind ja die selben Menschen, die abends spielen und morgens den Traktor besteigen, das Klassenzimmer betreten, hinter der Kassa sitzen, auf der Gemeinde ihrem Publikum von gestern wieder ins Gesicht schauen. Das erfordert Mut. Das ist aber auch unmittelbare Zeitgenossenschaft. Das regt Gespräche an. Belebt die Streitkultur. Theater als Stammtischdiskurs. Endlich! Mehr Theaterstammtische für dieses Land! Mehr Gegenwartsstücke für die Dorfbühne! Mehr Politik in den Bauernpossen! Mehr Veränderung von unten! Mehr Aufmerksamkeit den Provinzheldinnen und Helden.

 

Wien, 6. Juni 2019




Eigensinn.

POST VOM ARZT, N° 1/2019

Meine Tochter macht ihre ersten Schritte. Ihr Wackelgang erinnert mich an mein Heimtorkeln nach langen Nächten. Oder ans Aufstehen am Morgen danach. Sie strahlt übers ganze Gesicht, wenn sie die Schritte alleine schafft. Ohne Mama. Ohne Papa. Selbständigkeit ist eines der dringlichsten Bedürfnisse des Menschen. Auf eigenen Beinen zu stehen. Das gibt auch mir ein gutes Gefühl. Weil sie mich (mit der Zeit) weniger brauchen wird und ich wieder mehr Zeit finden werde, für meine Dinge, fürs Schreiben zum Beispiel. Das erfordert von mir aber auch eine Zurücknahme und ein Vertrauen ihr gegenüber. Weil sie mich tatsächlich (irgendwann) weniger braucht und ich (bis dahin) lernen muss loszulassen. Ich frage mich ja jetzt bereits, was sie denn wohl in den paar Stunden im Kindergarten ohne mich macht. Erstmals erlebt sie Dinge nur für sich. Eigenständigkeit! Ja, und meine Tochter hat sehr viel Eigenes. Einen ganz eigenen Dickschädel zum Beispiel. Eine eigene Art zu lachen. Eine eigene Hartnäckigkeit, mir ihre Welt zu zeigen. Da. Da. Da. Und schon zeigt ihr Finger auf Dinge, die ich selbst nie registriert hätte. Aus ihrem Blick ergeben sich ganz eigene Perspektiven. Durch sie muss ich meine Sichtweisen revidieren. Relativieren. So rückt auch für mich Neues ins Zentrum. Zuvor Nebensächliches (die Rille zwischen den Fliesen, das Haar am Tisch, der Wassertropfen am Fenster) wird bedeutsam. Denn sie deutet darauf. Macht sich in ihrem Eigensinn verständlich. Mündigkeit (langsam, doch beständig)! Denn mit dem Zeigen einher geht der Versuch ihrer Zunge, die Laute mehr und mehr zu differenzieren. Wer Welt zu deuten lernt, erringt die Fähigkeit zu unterscheiden. Und erste Worte purzeln nach draußen. War das tatsächlich ein Danke? Oder ein dialektales doda? Oder meinte sie die-da? Oft hört das elterliche Ohr zu Voreiliges. Das Selbst hat sich erst auf den Weg gemacht, vom ersten Schritt zum Marathon dauert's noch. Einstweilen genieße ich den ganz eigenen Dadaismus meiner Tochter, ehe sie lernt, mir wortgewaltig zu widersprechen.

 

Wien, 6. März 2019


„Hier bin ich, Papa...“ Zugfahrt nach Innsbruck zur Premiere der Österreicherinnen“, 19.01.2019 



POST VOM ARZT, N° 1/2018

Neuerdings verlasse ich unvermittelt das Bett, gehe zu den ungewöhnlichsten Uhrzeiten im Kreis durchs Wohnzimmer, wackle dabei stetig mit den Hüften, hopse mitunter auf einem Bein, ziehe die unmöglichsten Grimassen, schlage schlimmste schunkelnde Töne an und denke mir völlig unsinnige Lieder und Reime aus. Eins der Gedichte geht so: Als die Soldaten keine Lust mehr hatten, gingen sie heim und aßen Fritatten. Da zürnte der König, weil die Soldaten kein Schießgewehr hatten und schrie: Zu den Waffen, ihr kriegsfaulen Affen. Doch die Soldaten, gestärkt mit Fritatten, traten ohne Waffen hinaus auf die Straßen, wo sie marschierten und demonstrierten: Schluss mit den Kriegen, der Frieden wird siegen! Der König am Thron wurde lauter im Ton, was niemanden störte, weil's ja keiner hörte; da sprang er vom Thron und schrie vom Balkon: Ich kürz euch den Lohn! Da sah er die Straßen und drinnen die Massen: Die Großen, die Schlanken, die Gesunden, die Kranken, die Breiten, die Kleinen, die mit weniger Beinen, die Biegsamen, Sturen, die mit prallen Konturen, die Farbigen, Bleichen, die Armen, die Reichen, die Kinder ganz vorn. Der König im Zorn wurde rot: Sapperlot! Ich schieße euch tot. Doch das Volk war gescheiter. Es holte die Leiter und trug, weiter und weiter, den Topf mit Fritatten, bis hoch zum Balkon. Jetzt essen Sie schon, lieber König am Thron. Auch Sie werden sehn, es wird bald vergehn, der Zorn und die Wut und alles ist gut... Spätestens an dieser Stelle ist meine Tochter im Arm dann eingeschlafen. Das erleichtert mich, denn ich wüsste nicht, ob der König durch die Fritatten wirklich aufhört, Kriege zu führen.

 

Wien, 25. April 2018


(c) Lisa Sperrer



Mein Standpunkt.

POST VOM ARZT, N° 4/2017

Die Relationen verschieben sich. Ein Sommer schafft Distanz. Eine Reise bringt neue Aussichten. Ein Anruf manchmal unerwartete Optionen. Was am Abend davor noch undenkbar war, lässt der Morgen zumindest als Möglichkeit gelten. Was im Moment der Niederlage unüberwindbar und endgültig erschien, dem verleiht die Zeit die Gewissheit, auch mal scheitern zu dürfen, auch wenn es weh tat, das Scheitern. Und so verschieben sie sich weiter, die Relationen. Hatte vor fünf Jahren noch kaum jemand an einen Nuklearschlag denken wollen, oder an Atomkrieg, so hält man es heute für erschreckend erwartbar. Wurden vor drei Jahren noch bestimmte Machthaber isoliert, ja moralisch verabscheut, beschließt man heute gemeinsame Abkommen, über jegliche moralische Verwerflichkeit hinweg, denn es gelte, relativ betrachtet, der Grundsatz des geringeren Übels. Was ein Übel ist und welches schlimmer sei, darüber entscheidet freilich wieder der Blickwinkel, die Relation. Was hierzulande Sicherheitsbedürfnis genannt wird, kann andernorts Blindheit heißen, auch Ignoranz. Was auf diesem Kontinent als gerechtfertigte Frage kontrollierbarer Einwanderung erscheint, zerschneidet auf einem anderen ganze Landstriche. Vor einem Jahr noch verachteten wir einen amerikanischen Präsidenten, der eine Mauer bauen wollte, und heute beginnt ein Mauerbau in Afrika, von uns mitfinanziert, zum Schutze Europas. Und sie verschieben sich weiter, die Relationen. Denn das ist wohl die Welt: eine permanente Neuinterpretation der Wirklichkeit. Wichtig wäre, in dieser Wirklichkeit nicht aufzuhören, seinen eigenen Standpunkt immer auch zu überprüfen. Besonders im Umfeld von Wahlen.

 

Wien, 6. September 2017


Blick auf weite Felder,
Kanada, Alberta, 18.06.17.



In Liebe, deine Poesie.

POST VOM ARZT, N° 3/2017

Mir ist die Sprach davongehetzt. Wollt sie noch fassen, mit der Hand, und bin ihr nach, ganz aufgebracht, quer durch die Stadt und mehr noch, raus sogar aufs Land, doch jede Spur war ein Verlaufen. Wechselte die Richtungen mehrmals. Verdächtigte bald immer mehr die Anderen, die mir die Sprach entrissen hätten und gestohlen. Lief dann weiter, immer mehr verbissen. All den Richtungen in meinem Blick folgte die Unruh, bald die Wut: und wortlos war ich in der Wut, so ohne meine Sprach. Nach links, nach rechts, ich wendete erneut, verlor den Halt, ein Stürzen fast, der Atem brach mir ab. Schnappte nach Luft, du kannst das, schnappte Mut, und schaffst das! Weiter also. Wollt die Sprach noch nicht verloren wissen. Kletterte auf Berge. Andre Länder, neu und weit, lagen nun vor und hinter mir. Lief weiter, rastlos in Gedanken, quer durch den gesamten Kontinent. Ich hab gespuckt, geflucht, bin mehrmals hingefallen, wieder auf! Mit offenem Gesicht, weil aufgeschürft, und laut geschrien: wer immer hier die Sprach für meine Gegenwart hat mir genommen, ich erschlag euch mit der bloßen Hand! - - - - - - - Und da erschrak ich. Über mich. In meiner Suche nach den fortgehetzten Sätzen war ich lang schon selbst, brach ab, und stoppte, atemlos. Die Hetze war lang überall. Ich stand, verloren irgendwo am Kontinent, und jetzt, in meinem Stoppen, war's, da ich sie erstmals wieder hab gehört: sie war nie weg, sie war um mich herum die ganze Zeit. Ein Rauschen, das sich nun erhob. Von überall beschallte sie den Raum, im Echo bald vermengt mit Sätzen, die ganz sicher nicht von mir, war das tatsächliche meine Sprach? Was ist geworden? Arg zerstückelt klang sie mir und völlig aus dem Sinn, verdreht, zurechtgerückt, und mir entrückt, so unnahbar und fremd. Die Worte laut. Sie setzten sich ins Trommelfell in Penetranz und zynischem Gelächter, fratzenhaftes Auftun abertausend Mäuler, so, als würd sie, meine Sprach, sich fortgeschrieben haben in die wüsteste Zerstörung der Vernunft, das war nicht ich! Ich hielt die Ohren mir und schrie: hör auf, du Sprach. Du lügst. Du stinkst. Du tust nicht gut. Warst doch mal da auf meiner Zung. Hast wollen viel. Hast ausgesagt viel mehr. An Klarheit. Ruhe. Und Gelassenheit. An Hoffnung auch. Und Utopie. Was bist so in dich aufgespalten, aufgesprengt? Die Aussichten verengt zu Angst, die Enge in der Kehle nimmt die Luft! In Sprengsätzen spricht, wer, anstatt sich einmal hinzusetzen, nachzudenken, nur danach giert, gehört zu werden. Ich schrie weiter, im Entsetzen: aufgedunsen bist und fett! Du fette Sprachenblase unklar dumpfer Masse, halt dein Maul! - - - - - - - Doch nichts. War übersehen. Wollt nichts wissen von mir oder war zu klein. Ich fasste um mich, hier den Sprachenraum begreifbar doch zu machen, irgendwas müsst doch den Widerstand mir geben, wollt nicht hinnehmen, dass reaktionslos blieb die Welt, da merkte ich's. Wie ich ins Nichts so reinschlug mit den Händen, mir noch nahm den letzten Atem, und es sank mir das Gesicht, da fiel der Blick mir (fast wär ich darauf) auf einen Klumpen unter mir, ganz abgefault und liegen lassen, ich griff hin. Ein Rest von einer Sprach. Erst unverständlich, weil nur leise und verletzt die Worte, aber unerwartet schön. Hab langsam und bedacht den Klumpen, in der Schönheit, mir in meinen Mund gesetzt, den Rest an Worten, der geblieben, und ihn heut morgen aufgeschrieben, auf Papier. Es war nur diese Zeile: Lieber Mensch, gib nie es auf, Verwegenes zu sprechen und zu tun, gerade dann, wenn Sätze in der Hetze auf den Boden fallen und zerbrechen, Kuss, in Liebe, deine Poesie.

 

Wien, 3. Mai 2017


Gesichtet in Lissabon, 30.03.17
(c) Nina Grünberger



Genealogie.

POST VOM ARZT, N° 2/2017

Es beginnt mit Gaia, Wort für Erde. Sie gebar Kronos, er wurde später zur Zeit. Kronos zeugte den Tag, du kennst ihn auch vielleicht als Zeus. Und Zeus, der Helle, stand am höchsten bald von allen Göttern. Er liebte viel und viele und brachte, unter all dem Vielen, selbst den Krieg hervor. Ares hat er ihn genannt und der wütet seither in der Welt. Und dieser Ares schließlich hatte mit der Liebesgöttin Aphrodite dann zwei Söhne. Der eine, er hieß Phobos, war der Gott der Angst. Der andre, das war Deimos, Gott des Schreckens. Oder, wie die Römer ihn auch nannten, Terror. Da oben kreisen sie uns noch bis heute, Angst und Terror. Siehst du sie? Nur schwer mit freiem Auge, zu weit sind sie uns weg. Aber im Teleskop. An jedem Tag, in jeder Nacht, ziehen sie die Kreise. Da. Die beiden Monde auf der Umlaufbahn des Mars. Das sind sie: Angst und Terror, Phobos und Deimos. Söhne eines Vaters der Gewalt, einer Mutter tiefer Liebe, Brüder, unentwegt einander folgend. Wer folgt wem? Erst kommt die Angst und dann der Schrecken? Oder andersrum? Wer hat begonnen mit der Rotation? Man müsste lesen, irgendwo, wer von beiden hier der Ältere. Ich hab die Quelle nicht gefunden. Jedenfalls, so viel ist klar, ist jedem Sprechen über Angst die Spur des Terrors eingeschrieben. - - 228 Millionen Kilometer von der Erde uns entfernt sind sie, von deren Namen gegenwärtig alles spricht, ein Rest der Zeit, Materie im Raum.

 

Wien, 14. März 2017


Das Auge des Autors,

fotografiert am 31.07.14,

Ars Electronica Center Linz.



Winterjournal.

POST VOM ARZT, N° 1/2017

Viel ist wieder passiert. Draußen, zum Beispiel, liegt Schnee über Wien. Durchs Fenster der Nationalbibliothek sah ich sie vorgestern tanzen, die Flocken, und spät nachts noch, am Weg nach Hause, vibrierten sie mir vorm Auge. Tage voll Frost hängen uns überm Kopf, manchen schon bis in die Köpfe rein. Einige würden sagen, gut, dass der Winter nun da ist. Andere erwarten baldigst den Frühling. Ich hab ihn derzeit recht lieb gewonnen, den unerbitterlich kalten Gefährten zu Beginn von 2017. Er erscheint mir vertrauensvoller als so manch anderer Zeitgenosse. Trump etwa wirkt mit jeder Meldung, die mir unterkommt, monströser. Als Monster hab ich ihn freilich schon davor gesehen, aber da gab's auch noch Ironie vielleicht, Satire, die Suche nach einer Bedeutung. Aber es bedeutet nichts Tiefergehendes, dass nun ein unkontrollierter Egomane mehr auf nuklearer Machtposition sitzt und die Hebel der Unvernunft verwaltet. Er wird dadurch, in seiner Position der Verantwortung, kein besserer Mensch. Wir werden dadurch, in unserem Anblick des Monströsen, das wir unterschätzten, keine wachsamere Gesellschaft. Oder doch? - - Freilich, es regt sich Widerstand. Es organisiert sich neuer ziviler Protest. Es bekunden Menschen wieder Solidarität. Doch wird das zu Veränderung führen? Die Waffenruhen der Kriegsschauplätze werden dennoch nicht eingehalten. Menschenrechtsverletzungen gehen weiter. Aleppo und andere Totalzerstörungen sind lang schon aus meiner Timeline verschwunden. Und dass irgendwo erneut ein unvorstellbares Blutbad terroristischer Gewalt stattfinden wird, davon ist bereits auszugehen, trotz Unvorstellbarkeit. Keine optimalen Aussichten fürs neue Jahr, so hört man vielerorts die Leute sagen. Und oft hat das Sprechen schon aufgehört, die Augen in der U-Bahn sind damit beschäftigt, den eigene Fokus nicht zu verlieren, die Balance im Leben. Muss ich mich denn immer um die Welt kümmern? Mit diesen Gedanken im Kopf bin ich letzte Woche durch Deutschland gefahren, Paul Austers Winterjournal als Hörbuch bei mir, verschneite Weite zog am Zugfenster vorüber und die Sonne schien mir ins Gesicht. Und da dachte ich bei mir, natürlich, es gab sie nie, die ideale Welt. Nein, der Krieg, dem die Geschichte abgeschworen hatte, er war nie erloschen, fand an anderen Orten neu statt, wird wieder auch Europa erreichen, jedenfalls ist Gewaltbereitschaft wahrscheinlicher geworden. Aber es ist weder Zeit kollektiv zu verzagen. Noch alle persönliche Beteiligung an gesellschaftlichem Engagement abzulehnen. Noch auszureisen oder andere Austrittsbestrebungen zu verfolgen. Denn es geht mir gut. Und das übersehe ich viel zu oft. - - Und es geht mir tatsächlich gut. Weil ich mich aufraffen kann, ganz von selbst. Und Oberwasser gewinnen, im Strudel von Alltag und Zukunftsangst. Weil es an mir liegt, mir die Welt zu erklären. Selten zuvor gab es so viel an Information, was alles vorgeht, auf diesem Planeten. Selten zuvor wurde Wissen derart schnell und weit verbreitet, auch mit allen Auswirkungen von Falschmeldungen und stupider Hetze. Selten zuvor war das Bewusstsein, dass eigenes Handeln immer auch global zu Folgewirkungen, Fortschreibungen und Verantwortlichkeiten führt, derart ausgeprägt. Ja, die Nachrichten erschlagen einen in manchen Momenten. Aber die Fähigkeit, sich zu sortieren, sich in eine Position zu begeben, zu dieser durchaus komplex verwobenen Weltsituation, sie ist meiner Ansicht nach selten so groß gewesen, so sehr möglich und so gefordert wie heute. Und das ist ein gutes Gefühl. Ich kann, wenn ich will, in vielen Belangen einen offenen Blick behalten, Wahrnehmungen schärfen, erkennen und reagieren. Das ist das Werkszeug aufgeklärten Handelns gegen kollektives Gejammer oder individuelle Ohnmacht. Denn das Land, das da von Stillstand redet, von Blockade oder einem Bach, wo irgendwas runtergeht, das sind immer noch wir. Beteiligen wir uns konstruktiv an den Diskussionen. Niemand hat gesagt, dass sie leicht wäre, die Welt.

 

Wien, 2. Februar 2017



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