2. Februar 2017

Winterjournal.

POST VOM ARZT, N° 1/2017


Wolkenformationen, Flug Wien Berlin, 16.01.17

Viel ist wieder passiert. Draußen, zum Beispiel, liegt Schnee über Wien. Durchs Fenster der Nationalbibliothek sah ich sie vorgestern tanzen, die Flocken, und spät nachts noch, am Weg nach Hause, vibrierten sie mir vorm Auge. Tage voll Frost hängen uns überm Kopf, manchen schon bis in die Köpfe rein. Einige würden sagen, gut, dass der Winter nun da ist. Andere erwarten baldigst den Frühling. Ich hab ihn derzeit recht lieb gewonnen, den unerbitterlich kalten Gefährten zu Beginn von 2017. Er erscheint mir vertrauensvoller als so manch anderer Zeitgenosse. Trump etwa wirkt mit jeder Meldung, die mir unterkommt, monströser. Als Monster hab ich ihn freilich schon davor gesehen, aber da gab's auch noch Ironie vielleicht, Satire, die Suche nach einer Bedeutung. Aber es bedeutet nichts Tiefergehendes, dass nun ein unkontrollierter Egomane mehr auf nuklearer Machtposition sitzt und die Hebel der Unvernunft verwaltet. Er wird dadurch, in seiner Position der Verantwortung, kein besserer Mensch. Wir werden dadurch, in unserem Anblick des Monströsen, das wir unterschätzten, keine wachsamere Gesellschaft. Oder doch? - - Freilich, es regt sich Widerstand. Es organisiert sich neuer ziviler Protest. Es bekunden Menschen wieder Solidarität. Doch wird das zu Veränderung führen? Die Waffenruhen der Kriegsschauplätze werden dennoch nicht eingehalten. Menschenrechtsverletzungen gehen weiter. Aleppo und andere Totalzerstörungen sind lang schon aus meiner Timeline verschwunden. Und dass irgendwo erneut ein unvorstellbares Blutbad terroristischer Gewalt stattfinden wird, davon ist bereits auszugehen, trotz Unvorstellbarkeit. Keine optimalen Aussichten fürs neue Jahr, so hört man vielerorts die Leute sagen. Und oft hat das Sprechen schon aufgehört, die Augen in der U-Bahn sind damit beschäftigt, den eigene Fokus nicht zu verlieren, die Balance im Leben. Muss ich mich denn immer um die Welt kümmern? Mit diesen Gedanken im Kopf bin ich letzte Woche durch Deutschland gefahren, Paul Austers Winterjournal als Hörbuch bei mir, verschneite Weite zog am Zugfenster vorüber und die Sonne schien mir ins Gesicht. Und da dachte ich bei mir, natürlich, es gab sie nie, die ideale Welt. Nein, der Krieg, dem die Geschichte abgeschworen hatte, er war nie erloschen, fand an anderen Orten neu statt, wird wieder auch Europa erreichen, jedenfalls ist Gewaltbereitschaft wahrscheinlicher geworden. Aber es ist weder Zeit kollektiv zu verzagen. Noch alle persönliche Beteiligung an gesellschaftlichem Engagement abzulehnen. Noch auszureisen oder andere Austrittsbestrebungen zu verfolgen. Denn es geht mir gut. Und das übersehe ich viel zu oft. - - Und es geht mir tatsächlich gut. Weil ich mich aufraffen kann, ganz von selbst. Und Oberwasser gewinnen, im Strudel von Alltag und Zukunftsangst. Weil es an mir liegt, mir die Welt zu erklären. Selten zuvor gab es so viel an Information, was alles vorgeht, auf diesem Planeten. Selten zuvor wurde Wissen derart schnell und weit verbreitet, auch mit allen Auswirkungen von Falschmeldungen und stupider Hetze. Selten zuvor war das Bewusstsein, dass eigenes Handeln immer auch global zu Folgewirkungen, Fortschreibungen und Verantwortlichkeiten führt, derart ausgeprägt. Ja, die Nachrichten erschlagen einen in manchen Momenten. Aber die Fähigkeit, sich zu sortieren, sich in eine Position zu begeben, zu dieser durchaus komplex verwobenen Weltsituation, sie ist meiner Ansicht nach selten so groß gewesen, so sehr möglich und so gefordert wie heute. Und das ist ein gutes Gefühl. Ich kann, wenn ich will, in vielen Belangen einen offenen Blick behalten, Wahrnehmungen schärfen, erkennen und reagieren. Das ist das Werkszeug aufgeklärten Handelns gegen kollektives Gejammer oder individuelle Ohnmacht. Denn das Land, das da von Stillstand redet, von Blockade oder einem Bach, wo irgendwas runtergeht, das sind immer noch wir. Beteiligen wir uns konstruktiv an den Diskussionen. Niemand hat gesagt, dass sie leicht wäre, die Welt.


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