6. März 2019

Eigensinn.

POST VOM ARZT, N° 1/2019


„Hier bin ich, Papa...“ Zugfahrt nach Innsbruck zur Premiere der Österreicherinnen

Meine Tochter macht ihre ersten Schritte. Ihr Wackelgang erinnert mich an mein Heimtorkeln nach langen Nächten. Oder ans Aufstehen am Morgen danach. Sie strahlt übers ganze Gesicht, wenn sie die Schritte alleine schafft. Ohne Mama. Ohne Papa. Selbständigkeit ist eines der dringlichsten Bedürfnisse des Menschen. Auf eigenen Beinen zu stehen. Das gibt auch mir ein gutes Gefühl. Weil sie mich (mit der Zeit) weniger brauchen wird und ich wieder mehr Zeit finden werde, für meine Dinge, fürs Schreiben zum Beispiel. Das erfordert von mir aber auch eine Zurücknahme und ein Vertrauen ihr gegenüber. Weil sie mich tatsächlich (irgendwann) weniger braucht und ich (bis dahin) lernen muss loszulassen. Ich frage mich ja jetzt bereits, was sie denn wohl in den paar Stunden im Kindergarten ohne mich macht. Erstmals erlebt sie Dinge nur für sich. Eigenständigkeit! Ja, und meine Tochter hat sehr viel Eigenes. Einen ganz eigenen Dickschädel zum Beispiel. Eine eigene Art zu lachen. Eine eigene Hartnäckigkeit, mir ihre Welt zu zeigen. Da. Da. Da. Und schon zeigt ihr Finger auf Dinge, die ich selbst nie registriert hätte. Aus ihrem Blick ergeben sich ganz eigene Perspektiven. Durch sie muss ich meine Sichtweisen revidieren. Relativieren. So rückt auch für mich Neues ins Zentrum. Zuvor Nebensächliches (die Rille zwischen den Fliesen, das Haar am Tisch, der Wassertropfen am Fenster) wird bedeutsam. Denn sie deutet darauf. Macht sich in ihrem Eigensinn verständlich. Mündigkeit (langsam, doch beständig)! Denn mit dem Zeigen einher geht der Versuch ihrer Zunge, die Laute mehr und mehr zu differenzieren. Wer Welt zu deuten lernt, erringt die Fähigkeit zu unterscheiden. Und erste Worte purzeln nach draußen. War das tatsächlich ein Danke? Oder ein dialektales doda? Oder meinte sie die-da? Oft hört das elterliche Ohr zu Voreiliges. Das Selbst hat sich erst auf den Weg gemacht, vom ersten Schritt zum Marathon dauert's noch. Einstweilen genieße ich den ganz eigenen Dadaismus meiner Tochter, ehe sie lernt, mir wortgewaltig zu widersprechen.


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