6. Juni 2019

Mehr Mut

POST VOM ARZT, N° 2/2019


Die Dorfbühne ist unterschätzt. Man schreibt ihr Dilettantisches zu, Laienhaftes. Nennt's Amateurkunst und sagt's mit Milde, Wohlwollen vielleicht, doch immer mit der Nase oben – denn Theater, DAS Theater der Kunst fände doch im Urbanen statt, mindestens in Grazlinzsalzburg, wenn nicht erst, da ist sich's einig, das Feuilleton, in Wienmünchenberlin.

Nun ist das oft weit weg, gerade vom Entlegenen aus betrachtet, wo Berghügelwiese dir den Ausblick verstellen. Da erfordert's viel Planung und Zeit, sich aufzumachen, über Autobahnen, Zugverbindungen, Mitfahrgelegenheiten, um sich abends ins Urbankunsttheater zu setzen, wo dann aber erst recht wieder Ausblicke erschwert werden, sich mutwillige Gräben des Verständnisses auftun: denn so eine Rampe der Kunst wirkt mitunter ziemlich weit weg. Unverständlich. Nennen's anspruchsvoll-engagiert. Abgehoben. Nennen's auf der Höhe postdramatischer Zeit. Überfordernd. Denn Unterhaltung allein ist bitte zu wenig. Und: das kostet. Theater ist, mehr als oft eingestanden wird, soziale Barriere. Klar: es gibt Ansätze, die dem entgegenwirken, Ästhetiken, die ihre Blasen verlassen, Theaterhäuser, die sich öffnen... Letztlich aber wird nach jedem neuen politischen Rechtsruck eine hermetische Kunsthaltung beschworen, gern auf höchstem Diskursniveau, es wird bedauert, dass man diese oder jene Menschen leider nicht mehr erreiche, und der Graben des Verständnisses noch ideologisch erweitert... das mögliche andere Publikum wird außer Acht (wenn nicht sogar von Links liegen) gelassen. Dieses versammelt sich derweil an anderen volksnahen Rampen, lauscht dortigen dorftheaterähnlichen Reden, possenhaften Inszenierungen und kann letztlich mit dem, was engagierte Kunst sein will, wenig anfangen. Dabei wär's ja vorhanden: das Potential der politischen Dorfbühne. Und ich rede jetzt nicht vom Sommertheater, diesem alljährlichen Ausschwärmen großstädtischer Kunstgönner und Könner, die der Provinz mal was Ordentliches bieten wollen. Es geht mir tatsächlich um die Dilettantinnen und Dilettanten, im besten Sinne des Wortes (vom Lateinischen kommend und jene meinend, die sich, ohne beruflich dazu befähigt zu sein, an etwas, an Kunst, erfreuen! Liebhaberei!). Und das Erfreulichste, wenn man's ernst meint, mit dem Dilettantischen: die Dorfbühne ist näher dran, am Menschen, denn es sind ja die selben Menschen, die abends spielen und morgens den Traktor besteigen, das Klassenzimmer betreten, hinter der Kassa sitzen, auf der Gemeinde ihrem Publikum von gestern wieder ins Gesicht schauen. Das erfordert Mut. Das ist aber auch unmittelbare Zeitgenossenschaft. Das regt Gespräche an. Belebt die Streitkultur. Theater als Stammtischdiskurs. Endlich! Mehr Theaterstammtische für dieses Land! Mehr Gegenwartsstücke für die Dorfbühne! Mehr Politik in den Bauernpossen! Mehr Veränderung von unten! Mehr Aufmerksamkeit den Provinzheldinnen und Helden.


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