7. Oktober 2019

Tendenzen.

POST VOM ARZT, N° 3/2019


Holzpferd an der Leine, Augarten.

Ich erkenne an meiner Tochter autoritäre Tendenzen. Sie dirigiert mich rum. Führt mich dickköpfig durch die Wohnung. Ich soll auf die Knie: Spiel mir den Hund, Papa! Mach mir das Pferd! Das belustigt sie, und anfangs auch mich. Später vollführt sie die Befehle militant aus der Ferne, gestikuliert mich unnachgiebig zum Kühlschrank (ich will jetzt nicht zum Kühlschrank!), zum Bücherregal (hol dir doch selbst dein Buch!), zu den Schuhen, weil sie jetzt rausgehen möchte (es ist sechs in der Früh!). Widerspruch klappt selten, verschärft nur die Situation. Ich überlege, diplomatisch vorzugehen, zeige auf, wie wichtig solidarisches Verhalten auf diesem Planeten wäre, dass eben auch andere im Raum seien, deren Bedürfnisse gleichermaßen usw... Das löst Unverständnis bei ihr aus. Ich gehe taktisch vor, vollführe Ablenkungsmanöver, lege ihr gezielt Dinge in den Weg, um sie zum selbstgestalteten Spiel zu verführen (da: bau einen Turm!), sodass ich wenigstens meinen Kaffee... Es folgen Zorn und Krawall. Was ich mir einbilde, nun den Raum zu verlassen! Eskalation liegt in der Luft. Ich reagiere (was fatal ist) mit Kälte. Lasse sie protestieren und schalte auf stur. Jetzt wird sie körperlich. Wenn Kinder an dir zerren und du zu wenig Koffein intus hast, reizt das die Grenzen aus. Da hilft nur eins: Papa gibt nach. Ich nehme sie hoch. Die Situation ändert sich radikal! Sie schmiegt sich an mich. Ob das eine pädagogische Maxime ist? Nein, sicher nicht. Das ist mein Bauchgefühl (beruhend auf der Tatsache, dass meine Tochter noch keine 10 Kilo wiegt und ruhig auch mal Diva sein darf). Ob sich das später mal rächt? Keine Ahnung. Aber solange mir immer ein freier Arm bleibt, um zum Espresso zu greifen, steh ich das durch. PS: Im Radio liefen zeitgleich die Nachrichten: überall autoritäre Tendenzen. Kann diese Brandstifter, Kriegstreiber und infantilen Egomanen bitte mal irgendwer in den Arm nehmen? Mehr kuscheln statt zündeln!


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