Anmerkungen zur Lüge

Abgedruckt in KOLIK 102/2025


Was hat es mit der Welt auf sich, Papa? Was will dieser Kickl? Was wählst du? Warum schaust du so? Alles gut? Es liefen im Radio Berichte über Demonstrationen in den USA, dann über die Situation in Syrien, dann wieder die Ukraine, dann wieder Gaza...
Was hat es mit der Welt auf sich, Papa? Was will dieser Kickl? Was wählst du? Warum schaust du so? Alles gut? Es liefen im Radio Berichte über Demonstrationen in den USA, dann über die Situation in Syrien, dann wieder die Ukraine, dann wieder Gaza...

1.

Die Lüge ist ein Arschloch. Sie folgt dem Geld, stellt sich in den Dienst von Hass und Hetze, spaltet zynisch, frönt der Gewalt, ruft Kriege aus, rechtfertigt Genozide, wirft sich wahllos an politische Hälse, falsch, andersherum: gezielt greifen Polithälse, ohne Wahl und gewählte, zur Lüge, gehen mit ihr im Gepäck über Leichen, ein Arschloch, wer durch Lügen mordet. Ein Arschloch generell, wer mordet.

 

2.

Die Lüge ist Rettungsanker. Wo keine Welt mehr für Wahrheit übrig ist, bettet sie uns in trügerisches Geflecht, hält dumpf die Trostlosigkeit ab, schunkelt in illusorische Träume, gaukelt Sinn und Existenz uns vor, wo nichts, rein gar nichts ist. 

 

3.

Die Lüge ist ein schillerndes Spiel. Doppelter Boden. Maskenball. Vielgesichtig, verführerisch, verrucht, verlottert und immer verboten. Wie schön.

 

4.

Literatur kann lügen. Muss sie aber nicht. Am liebsten ist sie mir aufrichtig, unverhohlen, schamlos und nah an der Wirklichkeit. Wo Wirklichkeiten schwer zu bestimmen sind, arbeitet Literatur noch härter an der Grundierung der Worte. Es geht ums Ganze. Um Tatsächlichkeitsböden fürs Sprechen. Was kann noch gesagt werden? Was ist noch wahr? Besonders wenn Lügenpersonen ihrer eigenen Lügen unwissend werden, und belogene Gesellschaften wahrheitsmüde applaudieren, braucht es Sprache, die hartnäckig wachrüttelt. Es gibt Parameter für das Unwahre. Wir bestimmen sie an jedem Punkt der Geschichte selbst.

 

5.

Auch dieser Text kann lügen. Muss er aber nicht. Ich gebe mir Mühe, nichts schönzureden.

 

6.

Meine erste Lüge: Es war im Beichtstuhl, hinterm Holzgitter zufrieden das Gesicht des Pfarrers, er hatte eben gesagt: Sage deine Sünden, und ich sagte: Herr Pfarrer, ich habe gelogen. Was eine Lüge war. Ich log dadurch, dass ich vorgab, gelogen zu haben. Denn ganz und gar ohne Sünde zur ersten Beichte zu gehen, mit acht Jahren kurz vor der dörflichen Erstkommunion, um nämlich mit reiner Seele vor Gott und so weiter, das wäre unverschämt gewesen. Nichts zu beichten zu haben, empfanden wir Dorfkinder als inakzeptabel, ja nackt, du kannst ja nicht nichts sagen, was also beichtest du? Die Lüge kleidet dich, in ein Lügengewand. Ich betete einige Vaterunser, einige Gegrüßet-seiest-du-Maria, ein Rosenkranzg’satzerl und damit hatte es sich, damals, in meiner katholisch verblendeten Kindheit. Die Lüge erleichterte sogar das Gespräch zwischen dem Herrn Pfarrer und mir, ansonsten hätte ja auch er nichts zu vergeben gewusst, im Namen des und so weiter.

 

Ansonsten ist festzustellen: Seit meiner ersten Lüge 1992 und den darauffolgenden Jahrzehnten war ich ein eher durchschnittlicher bis schlechter Lügner, ich fiel durch Feigheit auf, hochrotem Kopf, zögerliche Gestik und übertriebene Naivität, ich glaubte viel, auch Unsinn, durchblickte nicht immer die mich umgebenden Lügenlabyrinthe, hatte Angst, selbst zu lügen, log daher kaum. Ein leichtes Opfer für Verführung, so jedenfalls im Privaten. Im Politischen dagegen schärfte sich mein Sensorium. Lügenpolitik wählte ich ab, ging auf die Straße, schrieb Texte und glaubte zu wissen, was wann wie zu sagen sei. Wahrheitsempfindungen folgten individuellen Mustern, von Doktrin (etwa familiärer Vorprägung) emanzipierte ich mich. Ich fühlte mich bestärkt, an den Kindern etwa zu sehen, wie Begriffe immer neu politisch zu verhandeln sind. Freiheit heißt Ringen um Verbindlichkeit. Was stimmt denn jetzt, Papa? Was gibt es? Was gibt es nicht?

 

7.

Lüge ist Akt bewussten Sprechens. Die pathologische Lügenperson lügt nicht. Es braucht ein Wissen um die Lüge. Und ich weiß genau, körperlich zu aller erst, wenn ich Falsches behaupte.

 

8.

Den Kindern die Wahrheit zuzumuten stand für mich immer an erster Stelle. Doch ich scheitere viel zu oft. Ich hatte zum Beispiel versucht, nichts über die Vorfälle im Grazer BRG Dreierschützengasse zu erzählen. Dreierschützengasse. Ein Wort schafft Wirklichkeit: Reden wir von Amok oder Massenmord? Saß der Mörder Lügen auf, schuf er eigene, war er sich der Grausamkeit der Tat bewusst? Ich wollte das Verbrechen, das Grauen, das Unzumutbare an diesem Tag, als die Kinder noch in der Schule und im Kindergarten waren, für mich ausblenden: es sollte meine Kinder nicht erreichen, diese Tatsächlichkeit, diese gewaltdurchsetzte Realität, nicht heute, nicht jetzt, dachte ich, selbst erschöpft, dann aber nahm ich wahr, wie Geschichten in Kindergarten und Volksschule kursierten, wir redeten also, ich sah Angst in den Augen meiner jüngeren Tochter, den Wissensdrang in jenen der älteren, ich verschwieg Details, log, da ich sagte: Nein, es wird nicht bei euch in der Klasse passieren, wissend, dass ich selbst zu wenig weiß und Gewalt immer und überall auftritt, wir redeten vom Tod und vom Töten, wie wir es seit dem Russischen Angriff auf die Ukraine tun, ein Reden, das seit dem Wiederaufflammen des Gazakriegs ohnedies in die Lebenswirklichkeit der Kids Einzug gehalten hat.

 

In jedem Gespräch wieder merke ich den schmalen Grat zwischen Lüge und Tatsache. Ja, der Tod passiert immer und jederzeit, es sterben auch Kinder, nicht nur in Kriegen, aber wir, eure Mama und ich tun alles, was wir können, um euch davor zu schützen… Stimmt das? Was hat es mit der Welt auf sich, Papa? Was will dieser Kickl? Was wählst du? Warum schaust du so? Alles gut? Es liefen im Radio Berichte über Demonstrationen in den USA, dann über die Situation in Syrien, dann wieder die Ukraine, dann wieder Gaza, dann über den Kongo, dann dann dann... Neonazis marschierten auf und antifaschistische Camps wurden kriminalisiert, rechtsradikale Kampagnen gegen Menschen in Freibädern geführt, aufgrund verzerrter Fakten, alternativer Umfragen, Wahrheiten sind Interpretationsräume, Korruption brachte einige Reiche zu Fall, andere vermehrten unerhört neuen Reichtum, am Hauptbahnhof, wo wir wohnen, wird die Armutsschere je nach Saison sichtbarer oder kaschiert, im Winter Obdachlosigkeit, im Sommer stinkender Müll, das ganze Jahr über Migrationsströme und Terrorgefahr, rauchende Mistkübel, entschärfte Bomben, Fehlmeldungen, Lügen. Immer sind die Kinder wissbegierig und wollen die Wahrheit! Nicht lügen, Papa! Ich gebe mir Mühe, im Wissen, dass meine Sätze gefiltert sind, durch meine eigene Wahrnehmung, jener meiner Frau, der Schule, und so weiter. Die Moral Gottes, der etwaige Lügen sühnte und mich kindlich befreite, samt einem ironisch verlogenen Lächeln des landläufig katholischen Pseudoglaubens haben wir ersetzt, durch ernsthaft verzweifelte Suche nach Halt in einer Gegenwart, die haltloser denn je erscheint.

 

9.

Geschichtslügen werden gewählt, generieren Ruhm, Geld, Macht, wiederholen sich, etc. Die Xte Analyse über ein Wie-konnte-es-soweit-kommen? vom Tisch gewischt mit der Einsicht: Heilsversprechungen, hanebüchen bis stumpfsinnig, egozentrisch bis grausam, ätzend bis tödlich, sind nie aus der Zeit gefallen, Lügen, die den Himmel in Brand setzen und Erde spalten, sind brandaktuell. Kein aufrichtiger Text reicht diesem Auf-die-Wirklichkeit-Scheiße-ich-Skript das Wasser.

 

10.

Ich glaube, ich belüge mich, sagte ich zu meiner Frau. Wie meinst du das? fragte sie. Ich gehe immer noch davon aus, sagte ich, dass die Wirklichkeit erzählbar ist. Aber ich unterschätze die Gewalt der Lüge. Ich muss eingestehen, dass ich ohnmächtig bin. Neulich erzählte ein Freund von Venedig, sagte ich weiter. Er war in Venedig. – Viele sind in Venedig, sagte meine Frau. Ja, aber es war da auch diese Hochzeit, diese Superreichen-Scheißhochzeit, und wir dachten, die ganze Stadt sei lahmgelegt, dass da dieses superreiche Arschloch ist, und der kauft sich eine ganze Stadt, nicht nur irgendeine Stadt, diese eine, UNSER Venedig, es hatte mich geärgert, erzürnt, dass EINE PERSON DIE LIEBE kaufen kann, unsere Liebe, wir waren da ja, wir… – He, sagte meine Frau, beruhig dich. Ja, wir waren in Venedig, aber wir sind doch nicht eine Stadt, wir sind eine Gegenwart, die wir immer neu hier bestimmen... Es tat gut, diese Sicht zu hören, dass Wirklichkeit ein Bündnis von Gegenwart ist, privat wie politisch, dass es ein solches jedenfalls sein kann, soll, muss... Aber, japste ich, der Freund, weißt du, der war da, die ganze Woche und hat GAR NICHTS mitbekommen von der Arschsuperreichenhochzeit. Da war nix abgesperrt an üblichen Touristenrouten, Kein Grund für linke HYSTERIE, so sagte ich. Ohne darüber nachzudenken, ob die Verteidigung der Bewegungsfreiheit in Venedig irgendwie links sein könnte, was es denn war, das Linke heute, was denn die Superreichenstadt Venedig überhaupt mit meinem linken Denken zu tun und mich so erregt hatte. Was kann ich denn noch wissen? fragte ich entsetzt meine Frau, die meinte, es war doch immer so. Sie war doch immer schon eine Frage der Lesart. Die Welt. – Ich fürchte, ich muss das Handy wechseln, stotterte ich am Ende. Es reicht, die Blasen zu verlassen, kommentierte meine Frau und öffnete die Fenster. Frische Luft kühlte meine Erhitzung.

 

11.

Zögerlich bin ich aufgewachsen, das ist keine gute Gabe für die Gegenwart. Sie ist zu rasch in ihrer politischen Abfolge und zu gefährlich in ihrer Tragweite, als nur zu verharren, in meinem vorgeprägten Zögern. Ich zwinge mich, die Komfortzonen zu verlassen. Schreiben ist mein Arschtritt gegen akutes Verzagen. Lügen sind zu benennen.

 

12.

Lügen sind manchmal komplex und schwer zu benennen. Zum Beispiel der Satz in meinem Social-Media-Verlauf: Alles gleitet so schnell ab. Vermehrt entdecke ich diesen resignierenden, oder warnenden, oder hochmütigen Hinweis: Leute, es sei arg. Personen, die immer integer gewesen wären, würden abgerutscht sein. Wohin? Von welcher Position weg? Ich scrolle weiter, will verstehen, wer wieder der Lüge bezichtigt wird, wer wieder wen ausgeladen hat, von Podien, von Festivals, von Literatureditionen, wer wieder wen eingeladen hat, etc., wer wieder wo falsch gelegen wäre, wer derzeit die moralische Hoheit behauptet, entdecke bedrückende Diskussionen, auch mahnende, prekäre, auch effekthascherische, oft geht’s um Neid, um Aufmerksamkeit, die Lüge ist eine anschmiegsame Katze, ein Hund, wie’s heißt, wobei ich selbst nur aufrichtige Hunde kenne, hätte kurze Beine und produziere lange Nasen, was im Märchenhaften schön zu erzählen ist, in meiner Gegenwart aber zu wenig Fassbarem führt. Ich erkenne: Lügen trennen Freundschaften, zerstören Diskurse und die Solidarität im Grunde Gleichgesinnter. Klammer auf. Achtung. Rufzeichen. In Zeiten der Lüge gewinnt immer die Lüge, also jederzeit gewinnt die Lüge, was nicht stimmen darf, was alles Sprechen zunichte macht, gerade in Lügenzeiten, jederzeit also ist zu sprechen, gegen die Lüge, hören wir nicht damit auf, aber hören wir uns zu. Klammer zu.

 

13.

Lügen rütteln wach. In der Nacht stehe ich auf und denke, ich habe versagt. Trotzig und renitent versuche ich also, derart zu lügen, wie nie zuvor. Der feige Klosterschüler, dem immer anzusehen war, wenn er Falsches sagte, lässt sich dann hemmungslos mitreißen, in einem wunderbar befreienden Lügenstrom. Ich stelle mir dann vor, ich lüge mir einen Frieden zusammen. Ich erlüge mir ein Glück.

 

14.

In den Apriltagen 1992 betrat ich kurz vor meiner Erstkommunion den Beichtstuhl, sage deinen Sünden, sagte der Pfarrer, ich sagte meine Sünden, ich sagte, ich habe gelogen, was nicht stimmte, aber durch meinen Sprachakt doch Wirklichkeit wurde, und der Pfarrer sagte, ich auch, ich fragte, wirklich? und er meinte, ja, ich habe erzählt, dass es einen Gott gibt, ich glaube aber, es gibt die Sehnsucht nach Gottheiten aus der Verzweiflung der Wirklichkeiten heraus, so der Pfarrer, und ich protestierte: Aber Herr Pfarrer, wenn jemand die Lüge des Glaubens hochhalten sollte, dann doch Sie! Aber er, der spätberufen Aufmüpfige, war gewillt, an diesem Apriltag 1992, extrem progressiv zu werden, es fielen durch diese Handlung nicht nur die Wände des Beichtstuhls auseinander, nein, an diesem Aufbruchstag zersprangen die Wände des Kirchenschiffs, die gewaltige Befreiungstat legte Verbrechen nicht nur der Kirche frei, nicht nur der Autoritäten der näheren und ferneren Umgebung, die Gräueltaten etwa der Kreuzzüge, der Bauernkriege, der Märzrevolutionen, auch andere, übersehene, nie stattgefundene, aber in meiner Lügenfantasie wunderbar mögliche Aufstände wurden sichtbar, die Verbrechen der Weltkriege, der Holocaust, historischer sowie gefährlich-gegenwärtiger Antisemitismus, der Rassismus mehrerer brutaler Jahrhunderte, Jahrtausende, systemisch gerechtfertigte, haltlos machoide Femizide, ausgehungerte, zerbombte Landstriche, entgegen aller Menschenrechtsbekundungen, aber schaut doch hin, sie verhungern…, alles an scheißarger Unmenschlichkeit lag faktisch nun vor mir und vor den anderen, die zur banalen Dorfbeichte erscheinen waren, an diesem Apriltag 1992, an den sich heute keiner mehr erinnert, aber ich erinnere mich, ich trat aus dem Chaos, das eingetreten war, in eine Erkenntnis nicht für möglich gehaltener Balance, in einen fantastischen Rausch, und wir begannen, als Kollektiv unsere Geschichte und die Gegenwart utopisch zu sehen. Durch die nackte Tatsache der Verbrechen und Lügen, die endlich offen vor uns lagen. Das alles führte zu einem radikalen Umdenken, etwa der radikalen Rechten, der radikal verschissenen Faschisten, die ab nun historische Kante zeigten, sich selbst vor Gericht stellten, sich selbst aufarbeiteten, dieser ominöse Beichtgang in jenem seltsamen April 1992 führte weiters zu einem globalen Pazifismus, das Ökosoziale in dem verlogenen Branding einer turbokapitalistischen Spirale wurde Realität, Reichtümer wurden gerecht verschoben, Rettung des Planeten ernsthaft angegangen, Arschlöcher traten zurück, Wissen entstand unverhofft und nachhaltig, Kinder blieben liebenswert, Erwachsene erklärten sich als verpflichtet, für die Zukunft der Generationen nach ihnen zu sorgen, aus einer anthropozänen Vermessenheit wurde ein nie dagewesenes Gleichgewicht aller Wesen der Welt, die Luft war kristallklar und die Worte wiegten Wahrheit in jedem Satzteil neu und unverhohlen ab, ließen erkennen, woher sie kamen, wohin sie wollten, was sie vertraten, ließen Platz für Autonomie und Freiheit des Denkens.

 

Es war die schönste Lüge, die mir je gelungen war. Traurig ging ich schlafen.

Der Text entstand für eine Lesung am VOLKSSTIMMEFEST 2025 im Rahmen von LINKES WORT zum Thema "Lüge!"