Eine Sprache für eine andere Politik


Diese Sprache ist für keine Parole, die spaltet und trennt. Ist für kein Transparent, das nur Hassworte kennt. Ist nicht für Hetze. Diese Sprache meidet die Sätze der Willkür. Diese Sprache ist nicht dafür, dass Worte die Grenzen des Sagbaren ins Untragbare verschieben. Dass Politik Vielfalt verachtet und Offenheit vertreiben will. Diese Sprache bleibt nicht still, wenn Mehrheiten den Hass ersehnen; diesem Hass – und so wird gesagt – zu 30 Prozent ihre Wahlstimme geben. Diese Sprache positioniert sich dagegen. Ist für keine Stimmung im Land, die zündelt und Ängste gebündelt instrumentalisiert. Was morgen passiert, wird heute entschieden. Diese Sprache sucht sozialen Frieden. Keine Debatte voll Neid, Gier und Feindseligkeit. Kein Wahlkampfgebrüll, das zur Jagd aufruft, Fahndungslisten führt und im Volkskanzlerecho Ungeheuer der Vergangenheit gebiert.

 

Diese Sprache stellt sich gegen das Extreme. Sie stemmt sich, ein Akt, der Mut abringt, gegen das Extreme. Diese Sprachmutaufbringung ist nichts, wovon sie sich Stolz oder ein Schulterklopfen verspricht. Lieber wäre sie einfach daheim. Allein. In ihrem privaten Leben. Würd sich unpolitisch geben, gegenwartserschöpft, in krisenhafter Verdrossenheit. Tausend Gründe der Untätigkeit. Doch wenn überall – und verlogen, es nicht zu sehen – Grundrechte, Rechtsstaat, Demokratie am Auseinandertreiben! Wer treibt hier wen? Und wer wohin? Die Mitte zum Extrem? Die Worte zu Gewalt? Politik zum korrupten Machterhalt? Wenn es sein muss in neu-völkischer Gestalt? Wenn Geister von Gestern neu aufmarschieren und unverhohlen ihre Banner hissen. Und mehr und mehr davor die Augen verschließen. Drauf geschissen!, sagt sich die Sprache, die nicht still länger zuschauen will. Und tritt heraus, aus dem Privaten. Auf öffentliche Plätze: Schön, dass Sie heute hier sind. Schön, dass Sie alle heute hier sind! Ich hoffe, dass wenigstens ein paar dieser Sätze Mut auch anderen machen. Und darüber hinaus (dieser Text ist viel zu kurz) wäre noch weit mehr zu machen.

 

Also gebe ich mir einen Gegenrechtsruck. Also gebe ich mir einen Gegenrechtsruck. Und frage, wann verdammt nochmal genau beginnt dieses Extreme. Und wie gefährlich einfältig sind wir erneut dabei, es zu verkennen, während Herr Kickl Richtung Zivilgesellschaft ätzt: „Sollen sie mich doch rechtsextrem nennen. Wie einen Orden werd ich’s tragen.“ Was werden wir sagen, zu dieser neuextremen Zeit,  wenn Gerichthöfe abgeschafft? Wenn Oppositionen in Haft? Verfassungen außer Kraft?

 

Ich frage mich, ob 30 Prozent deswegen dem Hass ihre Stimme geben, weil sie denken, er beträfe nur die anderen Leben – jener, die stören. Als würde das eigene Leben nicht dazu gehören. Als wäre es von Vorteil, dass Rechte nicht für alle gleich gelten. Als wäre es bequemer, wir lebten abgeschottet in verschiedenen Welten. Ich frage mich, ob das so stimmt. Oder ob Hass ganz schnell die Freiheiten auch meines eigenen Lebens nimmt. Der Ruf nach Veränderung, nach starken Händen, baut an Wänden die alle, auch die 30 Prozent selbst, betreffen. Darüber wäre zu sprechen: Kein Volksdespot hat jemals für die Bevölkerung gehandelt. Sondern Demokratien aus Eigeninteresse in Diktaturen verwandelt.

 

Diese Sprache sucht Widerstand, nicht in Schwarz-Weiß-Malerei, diese Sprache tut nicht so, als ob alles gut und alles verwirklichbar sei, aber Kritikfähigkeit, Wachheit und Handlungsmöglichkeit, in Zwischenräumen! Diese Sprache hört nicht auf – ich verwehre mich gegen Zynismus – zu träumen. Lässt Lücken. Weiß nie annähernd alles. Gibt nicht auf, Brücken zu bauen, zwischen vermeintlich unversöhnlichen Seiten. Keine Politik der Mitte ohne Sprache, die bereit ist, zu vermitteln und Gesellschaft politisch solidarisch zu denken, und klar dabei immer markiert, was passiert, wenn Faschismus Koalitionen bildet und mehrheitsfähig wird.

 

Wer heute wählt, wählt auch die Wirklichkeit von Morgen. Wer trägt sie dann, in diesem wirklich düsteren Morgen, diese düsterwirklichen rechtsextremen Volkskanzler-Orden? Wer heute wählt, trägt die Zukunft mit. Und die beginnt in einem Augenblick, den ich nicht verpassen will. Weil ich meinen Kindern noch in die Augen schauen will. Weil ich eine andere Gesellschaft weiterhin für möglich halten will. Weil ich mich nicht mit der Kriegstreiberei der Gegenwart zufriedengeben will. Weil ich Welt nicht verengen, sondern in aller möglichen Vielschichtigkeit sehen will. Weil das nicht naiv ist, sondern Humanismus. Und das ist nicht der Schluss.

 

Diese Sprache bleibt nicht still.

Diese Sprache hört nicht auf – ich verwehre mich gegen Zynismus – zu träumen.
Diese Sprache hört nicht auf – ich verwehre mich gegen Zynismus – zu träumen.

Dieser Text entstand als Redebeitrag zur Demonstration "Demokratie verteidigen  gegen Rechtsextremismus!" am 6. April 2024 in Steyr.


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