ERSCHEINEN UNREGELMÄSSIG // SEIT 2026

ERSTE DEPESCHE // VERFÜHRUNG IN MINUTENPROSA // Die Depesche (vom Französischen dépêcher, beschleunigen) kommt schnell auf den Punkt. Ausschweifungen meidet sie. Präzision und Dichte sind ihre Meisterschaft. Sie wird eilig verfasst, rasch versandt, mit Pferd, via Schiff, per Kabel, auf Knopfdruck, durch einen kurzen Touch am smarten Screen, und kaum übergeben schon schleunigst gelesen. Depeschen zielen aufs Tempo ab, auf das Unaufschiebbare der Dinge, auf die Dringlichkeit der Welt, oder jedenfalls auf den Anschein eines sofortigen Jetzt-Oder-Nie. Das macht sie reizvoll. Aber auch latent arrogant. Eilmeldungen denken per se Wichtiges zu überbringen. Dabei ließe sich das Genre auch abweichend und irritierend neu denken, als Abweichung, als Nebenweg, als höchst umständliches Gegenwartsposting im antiquarischen Gewand. Wer spricht denn bitte heute noch von Telegramm? Eben. Dies ist der Versuch einer fernschriftlichen Verführung in Minutenprosa. Wie viele Sekunden schafft es dieser Text, Ihren Blick zu schärfen? Reflexion zu provozieren. Alltag zu unterbrechen. Für kurz (eine unbedeutende Depesche lang) Verbindung herzustellen. Nicht zwischen Despot:innen und ihren Handlanger:innen, Kriegskommunikation samt Machterhaltungsblurb, nein! – zwischen Sprache und Mensch, Oberfläche und Tiefgang, Text und Kritik. Beschleunigen wir nicht die Brandstifter:innen-Rhetorik, sondern die Fähigkeit Welt wieder in all ihrer widersprüchlichen, ambivalenten, verletzlichen, doch schillernd vielfältigen Summe zu denken. Punkt… Was, echt jetzt? So kitschig am Ende? Musste das sein? Unbedingt! Keine Verführung ohne Poesie. Tweets sind verdichtete Sprache. // WIEN // 26.03.2026
ZWEITE DEPESCHE // WANDLUNGSFÄHIGES GESELLSCHAFTSGEÄST // Politisch gehetzte Zeiten erfordern (sprach)kritische Analyse. Lethargisches Abwarten, Ohnmachtsbefindlichkeit und Schockstarre sind schlechte Begleiter:innen, wenn Akutes ansteht – konkret: die Bewahrung der Widerständigkeit. Achselzuckend und resignierend ist der Autor dieser Zeilen schon zu lange durch die vergangenen Tage geschlurft, während an allen Seiten Stumpfsinn und Zerstörung entgegenrasten – namentlich: das Weltgeschehen. Der Text hier ist zu kurz, um alles Vernunftentgrenzte, Wahnsinnshaarsträubende, Bombenhimmelschreiende und schier „unpackbar Depperte“ seit Jahreswechsel in angemessener Tiefenschärfe zu bennen. Da gehen mir die Worte aus. Im Durchdeklinieren von Begriffen für „das mir Unerträgliche“ stolpere ich über den etwas papieren schmeckenden Ausdruck „hanebüchen“, der vermutlich aus einem Biedermeierroman-Blurb gepurzelt kam. Ich will ihn verwerfen. Wer möchte bitte nach Biedermeier klingen? Doch stur und widerspenstig drängt sich das Hanebüchene in diesen Text. Ich lerne, in knapper Recherche, ich habe es mit Botanischem zu tun. Von der Hainbuche kommend, die sich auch mal Hagebuche nannte, gewachsen aus freilich empörend hartem, knorrigem Holz. Wer daraus Sätze schnitzt, schreibt handfest Unpackbares! Starrsinnig versteift und veränderungsresistent knallen uns diese Unfassbarkeitsbalken einer hard-liner Hainbuchenpolitik um die erschütterten Gegenwartsohren. „Ich lese keine Nachrichten mehr“, sagt jemand auf der Straße. „Ich denke am liebsten gar nicht mehr drüber nach“, folgt es ums nächste Eck. „Die machen eh, was sie wollen“, zelebriert die Stimme am U-Bahn-Einstieg den neobiedermeierlichen Rückzug aus dem Öffentlichen. „Die Welt geht zugrund“, raunt es im Kometensehnsuchtschor. Was hilft aber, gegen diesen bedrohlich verfestigten „Drang nach Härte“ (Eva von Redecker)? Zuerst: Die Vollpfost:innen beim Namen zu nennen. Sie sind abzählbar. Viele (noch) abwählbar. Dann: Den Sprachverhärter:innen nicht auf den Leim zu gehen. Lösungsmittel verwenden, die Schrauben des (noch vorhanden) Rechtsstaatlichen festigen. Den fanatischen Kahlschläger:innen von Demokratie und Diskurs die Sprachaxt entziehen. Und ein solidarisches „Bohren harter Bretter“ (Alexander Kluge). Außerdem: Neues Sprachmaterial erproben, zum Beispiel weicheres, durchlässigeres, veränderungsfähiges Gesellschaftsgeäst. Klingt zu botanisch? Kann sein, könnte aber befruchten: Sprache ist Arbeit am gesellschaftlichen Humus. // WIEN // 27.03.26